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der Kanonendonner in diesem geschlossenen Raum. Plötzlich schlägt der Kranke die Augen auf, seine Blicke sind klar, lebendig. Er richtet sich emporer schaut um sich, zuerst erstaunt, bestürzt, allmälig bewusster; er erkennt die Frauengestalt am fuss des Lagers: "Annuschka, treue Annuschka, Du bei mirsprich, wo bin ich, wo ist Iwanowna, meine Schwester?"

"Fürst Iwan! Gott und die heilige Jungfrau seien gelobt, die Dich uns zurückgegeben. Du bist in Ssewastopol, Gospodin, Du warst bei den Feinden Deines Volkes und Dein Geist von der Hand des Herrn mit Schatten bedeckt."

"Ssewastopol! – mein Gott, jaich erinnere mich –" er springt vom Lager empor – "der Briefelf Uhrdie Fluchtdas weiss ich! Alles Andere ist wirr und dunkel noch in meinem Gedächtniss! Aber der Briefwie viel Uhr ist es, Annuschka?"

"Zehn Uhr, Batuschka!"

"Zehn Uhr!" Der Ruf gellt schneidend durch das Gemach. "Fort, um Gotteswillen, fort! oder Alles ist verloren!" Ein hastiger blick umher zeigt ihm einige Uniform- und Waffenstücke an den Wänden; er reisst sie herunter und ist im Nu damit bekleidet. Annuschka ringt die hände und sucht ihn vergebens festzuhalten, alle Kraft und Besinnung ist ihm wiedergekehrt, das vergossene Blut hat wohltätig auf ihn gewirkt.

"Um des Erlösers willen, Fürst Iwan, ich lasse Dich nicht! Die Fürstin –"

"Wo ist sie? Wo ist Wassili, Dein Bruder?"

"Heiliger BasiliusDu weisst nicht, dass er für Dich starb?"

"Nichts, Weib, ich weiss Nichts, als dass jeder Augenblick Zögerung Ssewastopol stürzt." Er sucht hastig nach dem Brief und zieht ihn aus seiner Brust hervor. "Wo ist der Oberkommandant, weisst Du, wo der Generalstab sich befindet?"

"Auf der Sievernaja, Fürst Iwan, ist General OstenSackenwo willst Du hin, HerrIwanowna –"

"Das Vaterland vor der Schwester! Wenn Du eine Russin bist, wenn der zehnfache Fluch aller kommenden Geschlechter von Boris nicht auf Dir ruhen soll, fliege, eile, suche den kapitän Meiendorf dort auf, gieb ihm diesen Brief, dem General selbst, wenn Du jenen nicht findest! Schrei' es aus durch die Gassen, jedem Offizier, dem Du begegnest, entgegen! Die Franzosen stürmen um Mittag die Stadt, dreissigtausend Feinde stehen verborgen vor dem Malachof!"

"Allmächtiger Gott, und die Fürstin ist auf der Bastionauf D e i n e m Posten, Fürst Iwan!"

"Auf m e i n e m Posten? – Wahnwitzige! Ja wohl ist der meine dort, Ssewastopol zu retten! fort mit Dir!"

Er warf ihr den Brief zu und stürzte hinausAnnuschka ihm nach. Draussen am Eingang der Kasematten lehnten Olis und Demetri, die Letzten der sechs Brüder, zum Schutz der Frauen von der Fürstin zurückgelassen, während der Jessaul sie begleitet hatte, und die erstaunt der wohlbekannten Gestalt nachschauten, die sie fern auf den Wällen wähnten. "Ihm nach!" befahl mit Wort und Geberden die Frau, "ihm nach, weicht nicht von seiner Seite und schützt sein Leben mit dem Euren!"

An den prächtigen, jetzt mit Trümmern und Verwundeten bedeckten Quais und Docks der SchifferBucht entlang floh der junge Mann den wohlbekannten Weg nach den äusseren Berteidigungswerken zu, gefolgt von den beiden kosacken.

Seit einer Stunde fast hat das heftige Feuer der Belagerer nachgelassen und nur in Pausen fallen die Schüsse. Die russischen Kanoniere verschnaufen schweiss- und blutbedeckt an ihren Kanonendie Mannschaften lagern sich an den Leichen ihrer Kameraden zur augenblicklichen kurzen Ruhe; Abteilungen rücken zur Stadt zurücksie Alle glauben, dass die gewöhnliche Ruhe der Mittagszeit eingetreten in dem beiderseitigen Feuer, und obschon auf die Meldung, dass feindliche Truppen die Trancheen vor dem Malachof anfüllten, einige Truppen von General Chruleff, dem Kommandeur der Karabelnaja-Seite als Reserve aufgestellt worden, hielt man doch nicht den Angriff für so nahe.

Dem dahin Stürmenden, der den begegnenden Offizieren und Soldaten zuschreit, der Malachof-Kurgan sei in Gefahr, wirbelt Trommelschlag in der Nähe der Bjelostok'schen Kirche entgegen. Das Regiment Jelets rückt in die Linie hinter der Batterie Scherwe, ein Bataillon des Jäger-Regiments Fürst Warschau, das die Nacht über in der Korniloffski-Bastion geschanzt hat, will die Pause der Kanonade benutzen und zur Stadt zurück. Offiziergruppen sind den Truppen voranihnen begegnet J e a n – I w a n mit dem Ruf: "Zurück! Zurück! die Franzosen stürmen den Malachof!" Man staunt einen Augenblick ihn an, ein Stabs-Offizier springt vor, Graf Wassilkowitsch, jetzt GeneralMajor, der seit acht Tagen mit den Verstärkungen eingerückt, eben vom Malachof kommt. – "K tschortu, kapitän Oczakoff, wie kommen Sie hierher? Sie haben Ihren Posten auf dem Kurgan verlassen? geben Sie Ihren Degen ab, Herr, Sie sind Arrestant!" – Der junge kapitän fasst seinen Arm. "Meinen Posten? I c h war auf dem Malachof? i c h ? ich bin so eben aus dem feindlichen Lager entflohen, die Gefahr der Festung zu verkünden!" – "Sind Sie wahnsinnig, Herr?" tobt boshaft der Ober-Offizier – "ich verliess Sie vor zehn