Felsenboden ein oder klatschen weiter hin das wasser der Bucht. Der junge Mann wendet kaum den Kopf nach ihnen. Einen Augenblick hält er unter den Trümmern einer Feldschanze an, welche die Kugeln zusammengerissen, und hebt den Kopf, um sich zu orientiren. Aber die aus dem Meer und den Schluchten aufsteigenden Nebel hindern ihn, der leise Anschlag der Wellen, den sein geschärftes Ohr in einzelnen Pausen des Bombardements vor sich zur Rechten hört, ist der einzige Halt, den er wahrnimmt. "Ich bin von dem Wege abgekommen," murmelt der arme Bursche vor sich hin – "das ist nicht die Richtung, die ich dem Fähnrich bezeichnete! Doch Gott und die Heiligen haben bis hierher geholfen und werden mich schützen – elf Uhr, ich komme vorher!" – Es ist J e a n , der Irre, der in dem sorgsam bewahrten Mantel des Fähnrichs Lasaroff dessen Flucht mit dem kostbaren Brief, den er gestohlen, nachgeahmt. Der arme Bursche hat einen weiten Umweg gemacht, um den französischen Posten und Batterieen zu entgehen, die Erinnerung der Kinderjahre, während deren er einige Zeit in der Festung zugebracht, ist in ihm aufgetaucht und hat mit merkwürdigem Instinkt ihn die verborgensten Richtungen geführt.
Eine auffallende Veränderung ist überhaupt mit ihm vorgegangen; das Bewusstsein, der Verstand kehrt immer klarer zurück, nur einzelne wüste Sprünge macht der Wahnsinn noch, der ihn so lange befangen; die deutliche zusammenhängende Erinnerung fehlt ihm zwar noch, Tage, Monate, Jahre scheinen ausgestrichen aus seinem Gedächtniss, nur einzelne Momente daraus stehen deutlich vor seiner Seele, während aus dem Zustand seines Irrseins ganze zusammenhängende Wahrnehmungen, Beobachtungen und Entschlüsse sich bereits in ihm entwickelten.
Er weiss, dass er Russe ist, dass sein Vaterland in Gefahr, Ssewastopol von den Feinden bedroht ist! Er hat erfahren, dass der Malachof die Vormauer der Festung, dass er am nächsten Morgen um 11 Uhr angegriffen werden soll und Alles davon abhängt, dass die Garnison zum Kampfe bereit sei. Er weiss, dass dies Alles der Brief entält, den er auf der Brust verborgen trägt und dass seine Bestellung, verbunden mit der mündlichen Botschaft, die Festung retten mag! Das ist der einzige Gedanke, das einzige Ziel seiner wiedererwachten Vernunft!
So schleicht er vorwärts – von Stein zu Stein, von Wall zu Wall, bald kriechend, bald zusammen kauernd, bis plötzlich ein russischer Anruf, die Frage nach dem Feldgeschrei, ihn emporschreckt. Ehe er sich noch besinnen, ehe er eine Antwort stammeln kann, blitzen Musketen vor seinen Augen, knallen Schüsse, ein heftiger zuckender Schmerz am Kopf, wie ein Peitschenschlag, warmes Blut, sein eigenes, strömt über sein Gesicht, und er fällt besinnungslos nieder.
Ihm wird wohler und wohler, er fühlt gleichsam, wie das Fieber von ihm weicht, das bisher sein Gehirn verzehrt. Ihm ist, als hörte er um sich her Stimmen, er fühlt sich aufgehoben und fortgetragen. Ein Augenblick lichteren Bewusstseins lässt ihn russische Soldaten, Offiziere und Matrosen um sich, wie durch Nebel erkennen, einen Wundarzt, der neben ihm knieet und ihn verbindet, er versteht in einer kurzen Pause des Geschützdonners der Batterie Worte, die flüchtig gewechselt werden.
"Es hat nicht viel auf sich, Excellenz," sagt der Wundarzt. "drei bis vier Stunden Ruhe werden ihm vollkommen Besinnung und Kraft zurückgeben. Der dicke Bund um den Zuaven-Fez hat die Kraft des streifenden Schusses gebrochen und die leichte Blutung tut ihm eher gut, als dass sie schadet."
"Der Fürst muss erst dieser Tage in Gefangenschaft geraten sein und hat sich offenbar selbst ranzionirt. Aber wir haben keine Zeit, die Sache zu untersuchen, und hier kann er nicht bleiben. Diesen Dienst wenigstens sind wir seiner hochherzigen Schwester schuldig, die, seit das Mütterchen Prasskowja Iwanowna auf dem Malachof Kurgan von der Bombe zerrissen wurde, der Engel der Barmherzigkeit für unsere Brüder auf der andern Seite ist. Nehmen Sie vier Mann und lassen Sie den Verwundeten mit einer Trage zum Paulsfort bringen – dort in der Nähe des Lazarets wohnen die Geschwister, seit ihr Haus von den Kugeln zerstört."
Wieder krachten die Kanonen und verschlangen halb den Befehl – wiederum schwand das Bewusstsein des Verwundeten, der sich auf's Neue emporgehoben und in dem Kugelregen fortgetragen fühlt, der auf die Bastionen und die Trümmer der Stadt herunterprasselt.
Die Hand des Allmächtigen schützt die Träger, schützt die Bahre! – ––––––––––––––––––––––––––––
Stunden verrinnen in dem furchtbaren Toben der Geschütze; stürzende Mauern, berstende wankende Dächer, das Stöhnen der Verwundeten, das letzte Aechzen der Sterbenden! Kommandorufe, die sich kaum verständlich machen können, das Rollen der Trommeln – die Hölle scheint alle Schleusen ihrer Schrecken geöffnet zu haben.
Auf einem Feldbett in einem kleinen kasemattirten Gemach des Fort Paul, das mit einer anstossenden kammer die allgemeine Verehrung, die Iwanowna Oczakoff geniesst, ihr und den Ihren eingeräumt hat, liegt der junge Verwundete, den General Semjakin von der Mastbastion hierher gesandt hat. Vor ihm knieet Nursädih, die schwarze Sclavin, beschäftigt, sein Gesicht mit stärkenden Essenzen zu reiben, während ihre Linke das Kind an ihre Brust presst. Unfern davon – bleich, ängstlich die Wiederkehr des Bewusstseins beobachtend, steht Annuschka – die witwe de Sazé's mit dem zweiten kind, das Gottes Schickung am Hochzeitstage an ihr Herz gelegt.
Sie zittert heftig – sie allein mit der treuen Nursädih weiss um das geheimnis, sie hat den Verwundeten erkannt.
Dumpf nur hallt