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von den Geständnissen des Burschen?"

"Es sähe General Pelissier ähnlich," sagte der Arzt. "Man erzählt noch ganz andere Willkür von ihm und er wünscht wahrscheinlich für den morgenden Sturm und seine Folgen sich allen Befehlen von Paris zu entziehen. Aber mein Gott, was fehlt Ihnen, Grafwas bewegt Sie so tief?"

Der alte Mann, indem er sich mit den Zeichen der grössten Aufregung aus einen Stuhl warf und die hände faltete, stiess den Brief der Gräfin, den der Arzt auf den Tisch gelegt, herunter, dass er im Luftzug der geöffneten Tür einige Schritte davon flog.

Im Winkel sass der irre Jean, ohne dass man auf keine Anwesenheit geachtet. Seine Blicke waren fest auf den Brief geheftet gewesen, dessen Inhalt der Arzt laut gelesen, – sein bleiches abgemagertes Antlitz zeigte die Züge der äussersten Spannung, in seinen Augen blitzte es wie Wetterleuchten der immer mehr und mehr sich losringenden Seele, wie ein Entschluss ein Wille des zurückkehrenden Verstandes. Leise, wie mit Schritten einer Katze schlich er im Schatten dem gegenstand seines Verlangens zunoch eine Bewegunger streckte die Hand danach – "elf Uhr! der Zug geht ab! Ich komme noch zur rechten Zeit!" – –

"Es liegt ein Fluch auf Allem, was ich tue!" sagte der Greis. "Diese unglückselige Tat wird die traurigsten Folgen haben. Der Kaiser –"

"Was ist mit ihm? reden Sie!"

"Wenn die Depesche, die ich nach Paris absandte, nicht schon abgegangen, bevor der schmähliche Streich, verübt ward, ist der Kaiser verloren und Pelissier trägt die Schuld. Dochdie Leben der Fürsten liegen in der Hand Gottes, sie mag ihn schützen, wenn sie willmeine Schuld ist abgetragenhier aber, hier soll der Ehrgeiz und der Eigenwille eines Untergebenen nicht breitere Ströme von Blut vergiessen, als der Wille des Gebieters gefordert Gott sei Dank, ich kann den General zwingen, dem Entsetzlichen Einhalt zu tun, und unter den Geretteten wird der Allmächtige mir das Leben meines Enkels bewahren!"

"Sie sind ausser sich, GrafGeneral Pelissier muss seine Pflicht tun gegen den Feind und diese fordert dessen Vernichtung."

"Törichte Männer," sagte hohnlachend der Pole, "wisst Ihr nicht, dass all dies Blut, diese Leben nur einem leeren Spiele geopfert werden? dass der Friede zwischen den Herrschern längst geschlossen und Ihr nicht für Frankreich kämpft gegen Russland, sondern für die Torheit, Eure Fahne auf zerschossene Wälle zu pflanzen, deren Besitz dem Feinde bereits wieder gesichert ist?"

"Entsetzlichdiese Ströme von Blut, die täglich vergossen werden –"

"Sie haben keinen Zweck, als das kalterzige Spiel der Diplomatie! Spielgrausame, herzloses Spiel ist Alles im Leben, – der Republikaner spielt mit den Köpfen seiner Brüder für törichte unausführbare Ideen, und der Autokrat türmt Berge von Leichen seiner Getreuen um einer stoltzen Salve willen vom Invalidendom her! Soldaten meint Ihr zu sein, Krieger für Recht und Ruhm? – Gladiatoren seid Ihr, die der Imperator in die Arena schickt zu seiner Lust, und die, wenn Nero gesättigt, noch vom Ehrgeiz seines Centurionen zur Schlachtbank gepeitscht werden!"

Er sank erschöpft zurück in die arme der erschütterten Offiziere; draussen aber vor dem Eingang der Cantine schollen die Tritte eines Pferdes, der Ruf der Schildwacht und die Antwort: "Ordonnanz aus dem Hauptquartier! Depesche für den Oberst des dritten Zuaven-Regiments."

Der Vicomte nahm sie selbst dem Boten ab, bescheinigte den Empfang und öffnete sie in Gegenwart der Freunde. Sie war von dem General-Stabs-Chef Martimprei gezeichnet und lautete: "Colonel Méricourt hat sich mit dem Medecin-Major Welland morgen früh 7 Uhr bei dem Generalissimus zu melden und die Führung seines Regiments auf den angewiesenen Posten dem ältesten Major zu übertragen."

"Das kommt meiner Absicht zuvor," sagte fest der Colonel, "und gewissich werde nach dem, was wir gehört, zur Stelle sein."

"Und ich werde Sie begleiten," sprach der Graf, "ich werde morgen sein Schatten bleiben."

"Aber der Befehl, der uns bescheidet, hat offenbar Bezug auf die Verhaftung des Spions," fügte Welland hinzu. – "Nahmen Sie den Brief zurück, Colonel? ich legte ihn hierher."

"Nein!"

Der Brief war verschwunden. Jeander Irreder Schützling Nini's, mit ihm. Sie aber schlief sanft und ermüdet auf ihrem Lager.

Der Morgen graut unter dem Zischen und Krachen der Bomben; der Feind hat in den letzten 24 Stunden an 70000 Vollkugeln und 16000 Bomben und Granaten in die Stadt geworfen.

Zwischen den demolirten Weingärten, welche sich von der Meierei Burnasi am Zusammenstoss des Laboratornaja- und Sarakandina-Grundes nach der Spitze der Südbucht hinziehen, zwischen dem grossen Redan und der Mast-Bastion kriecht von Graben zu Graben, von Trümmern zu Trümmern ein armselig Wesen, ein junger, in den grauen Platschtsch gehüllter russischer Soldat. Er ist waffenlos, seine fast nackten Füsse bluten, an scharfen Stein- und Eisensplittern zerrissen. Noch hat die Kanonade nicht begonnen, deren Beantwortung aus den Batterieen Perekomski, Stal und Kostanarof mit einem Hagel von Kartätschen und Vollkugeln sonst den Boden fegt und jede Annäherung unmöglich macht. Nur einzelne Bomben, von der Chapman-Batterie auf dem weissen Berg geworfen, schlagen in den