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die Kravanen und die Reisenden. Ja, es war allgemein bekannt, dass Jan Katarchi, der berüchtigste und kühnste unter diesen Bandenführern, fast täglich frank und offen in den Strassen Smyrna's verkehrte, und jeder Grieche ihn zum Spion und Freund ward, da er kühn erklärt hatte, nur gegen die Feinde des Kreuzes, gegen die Moslems, die Engländer und Franzosen seinen Säbel erhoben zu haben. Obschon eine Menge Freiwillige ihm zuströmten, vermied er doch, die Zahl seiner Bande zu vermehren, mit der er ganz Smyrna bald der Art in Schrecken setzte, dass kein Mensch mehr wagte, die nächste Umgebung der Stadt allein zu überschreiten. Selbst in dieser hatte der Räuber schon, von allen Verhältnissen sorgfältig unterrichtet, wohlhabende oder angesehene Personen aus der Mitte ihrer Familien aufgehoben, in die Berge geschleppt und schweres Lösegeld für sie erpresst, oder er sandte ihre Ohren, oder gar ihre Köpfe zum Hohn des Pascha's in die Stadt zurück. –

Es war am Abend bei Sonnenuntergang, als Welland auf der Terrasse des englischen Kaffeehauses den Freund seiner Jugend traf. Finsterer Schmerz, ruhelose Gedanken lagerten auf den Mienen des Griechen. Er drückte schweigend dem Deutschen die Hand, und Beide setzten sich unter das Zeltdach an das äusserste Ende der niedrigen Barriere, die in die plätschernden Wellen des Golfs taucht. "Sie haben nicht Alles so gefunden, wie Sie gewünscht, lieber Freund," sagte Welland vertraulich, "Sie empfinden Schmerz und Kummer, wollen oder können Sie mir nicht dessen Ursache mitteilen?"

Gregor Caraiskakis sah einige Augenblicke vor sich hin, dann strich er mit der Hand über die Stirn und entgegnete: "Sie sollen erfahren, was mich hierher nach Smyrna trieb. Sie wissen bereits aus meinen Erzählungen von der Heimat, dass meine Schwester und mein jüngerer Bruder aus einer zweiten Ehe stammen, die meine Mutter sechs Jahre nach dem tod meines Vaters mit einem früheren Waffengefährten desselben schloss. Es war ein braver und gerechter Mann, der an uns beiden Aelteren, die wir im Pädagogium zu Aten auf Kosten des staates erzogen wurden, wie ein aufrichtiger Freund handelte, und bei seinem tod sein Erbe gleichmässig unter uns Vier teilte. Meine Schwester Diona, jetzt ein Mädchen von 18 Jahren, kam, als man mich aus Aten verbannte und meine Mutter nach Chios zog, von dort aus zu armenischen Verwandten ihres Vaters nach Smyrna. Wir Brüder liebten das Mädchen innig, das, als ich es das letzte Mal sah, bereits zur schönen Jungfrau erblüht war, wie sie nur dieser milde Himmel erschafft. Eine Botschaft der erkrankten Mutter rief mich an ihr Sterbebett, und hier vermisste ich mit Staunen die Schwester, sie war von Smyrna nicht zurückgekehrt. Ihre Briefe, denn sie hat eine gute Erziehung genossen, was wenigen von unseren Mädchen zu teil wird, – brauchten offenbar leere Vorwände zur Verlängerung ihres Aufentalts, und verbargen sichtlich Vieles vor den Augen der Mutter. Ich konnte diese nicht verlassen; wie kurz auch die Entfernung war, – in wenigen Tagen ging es zu Ende. An ihrem Todestag erhielt ich zugleich einen Brief von Diona, der verworren und schmerzlich aufgeregt von uns Allen einen leidenschaftlichen Abschied nahm. Mir ahnte Böses, – als das Grab unter den Platanen sich über meiner und ihrer Mutter geschlossen, eilte ich nach Kastron, und traf am andern Abend Ihr Schiff." –

"Und hier?"

"Hier fand ich Diona verloren! – Freund, Sie wissen nicht, was unter diesem warmen Himmel, der das Blut heiss durch die jugendlichen Adern treibt und zur Nachsicht mahnen sollte, ein Fehltritt des unbewachten Mädchens für Folgen nach sich zieht! Bei uns besteht noch die Sitte der Väter, die die Jungfrau rein und unbescholten in das Haus des Gatten liefert, nicht jene Nachsicht und Vergebung, die in Ihrem kalten Norden gegen die Sünde des warmen Blutes geübt wird. Die Reinheit unserer Töchter und Schwestern ist ein Ehrenpunkt, der heilig gehalten wird; das gefallene Mädchen ist verstossen und verflucht von ihrer Familie, wenn sie nicht die Pistole oder der Dolch des Blutsfreundes in rascher Tat straft. – Ja, Fremdling auf dem Boden meiner Väter, die Schwester des Gregor Caraiskakis ist die Maitresse eines Engländers geworden!"

Er schlug die hände vor das Gesicht und barg das Haupt auf der Balustrade. Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter, noch ehe Welland ihm zu antworten vermochte. "Caraiskakis?" fragte eine tiefe stimme in italienischer Sprache, während die frühere Unterhaltung deutsch geführt worden. "Wer spricht hier von Gregor Caraiskakis?"

Die Freunde blickten erstaunt um. Ein Mann mittlerer Grösse, von gedrungenem kräftigem Bau, in fränkischer Kleidung, die ihm offenbar ungewohnt und unbequem war, stand hinter ihnen und musste während der Erzählung an einem Tisch in ihrer Nähe Platz genommen haben. Ein kräftiges orientalisches Gesicht, von der Sonne tief gebräunt, wurde von einem ergrauenden Bart umschattet; der Mann mochte ungefähr 50 Jahre zählen. Ein Zug kecker Entschlossenheit und eiserner Willenskraft presste seinen Mund zusammen, dunkle, rastlose Augen glühten mit vom Alter ungeschwächtem Feuer unter den dicken Brauen. Seine markige Hand spielte mit der den Orientalen eigentümlichen Rastlosigkeit an der Stelle des Gürtels, gleich als sei sie gewohnt, dort den Pistolenknauf oder den Handjar zu finden.

Welland hatte sich zuerst gefasst. "Was wünschen Sie von uns, mein Herr?" fragte er.

"Verzeihen Sie, Signor," sagte der Fremde, "dieser Herr nannte, wenn