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W r e w s k i getödtet, nachdem er, zwei Mal schon getroffen, verweigert hatte, sich zurückzuziehen. Nutzlos, vergeblich opferten die tapfern Grenadiere immer und immer wieder ihr Leben, bis General K o t z e b u e , die Unmöglichkeit des Gelingens, das Zwecklose des Blutbades erkennend, vom Pferde sprang und auf dem Sattel die Ordre zum Rückzug an die engagirten Divisions-Chefs schrieb. Eine Granate schlug neben ihm nieder und platzte, während sich die Umgebung eilig zurückgezogen, ihn mit einer Wolke von Staub und Splittern bedeckend. Als sie sich verzogen, sah man den General ruhig fortschreiben und erst, nachdem er geendet, das Blut von der Stirn trocknen.

Weit über 3000 Russen, 1100 Franzosen, an 900 Türken und 200 Sardinier deckten den Kampfplatz, das Flussbett war gefüllt mit Leichen. Die Sardinier verloren den General Montevecchio, auch von den französischen Führern waren viele verwundet, darunter der tapfere Oberst der dritten Zuaven, Polkes. – Auf die Belagerung selbst hatte die Schlacht keinen Einfluss.

Dagegen vermehrte sie die Spaltung zwischen den französischen und englischen Truppen, die schon nach dem Sturm am 18. Juni, dessen Misslingen man den Engländern geradezu Schuld gab, bedeutend hervorgetreten war und sich in Uebermut und Verhöhnungen auf Seiten der Franzosen offen kund gab. Die Erbitterung brach in hundert Zügen aus, als die englischen Soldaten das Tschernaja-Schlachtfeld, das nicht ihr Blut gekostet, auf eine so schaamlose Weise plünderten, dass 6 Stunden nach beendigtem Kampf nur die nackten Leichen noch dort lagen und General Simpson selbst in einem Tagesbefehl vom 20. seinen Truppen ihr Benehmen vorwarf. Man musste zuletzt den französischen und englischen Soldaten verbieten, dieselben Schankboutiken zu besuchen.

Am 17. August liess General Pelissier das Feuer auf's Neue verstärken; während der zweiten Hälfte des Monats wurde in Kamiesch Tag und Nacht Munition ausgeladen und nach den Batterieen gebracht. Fortwährend trafen neue Verstärkungen ein, am 24. General M a c - M a h o n , der geprüfte Afrikaner, 1840 noch Bataillons-Commandant der Vincenner Jäger, dann Oberst in Algerien, wo er sich, um sich vor dem Herzog von Orleans auszuzeichnen, auf einem Zug gegen die Kabylen an der Spitze seines Regiments auf den drei Mal stärkern Feind warf, sein rechtes Auge verlor, aber zum General ernannt wurde. Er trat an Canrobert's Stelle.

Die Zeit eilteund der dem General Pelissier im Geheimen gesetzte Termin nahte heran; Depesche auf Depesche brachte der Telegraph und der hitzige, durch die nicht erfüllte Hoffnung auf den Marschallsstab am 15. August erbitterte General sandte die berüchtigte Antwort: "Sire, wenn Sie glauben, es besser machen zu können, so kommen Sie selbst!"

In den ersten Tagen des September endlich war man mit der Sappe so weit vorgedrungen, dass die Spitze der französischen Trancheen nur noch 30 Metres (90 Fuss) von den Werken des Malachof entfernt war; schon mehrere Tage konnten sich die Gegner sprechen hören. Der allgemeine Sturm wurde beschlossen.

Am 5. September begann die letzte allgemeine Kanonade, bestimmt, die Bastionen, – schon längst kaum mehr als ein Schuttaufenvollends zusammen zu schmettern. Sechshundert französische und 200 englische Feuerschlünde grössten Kalibers eröffneten ein Feuer, welches die Erde ringsum erbeben liess und selbst in der Entfernung einer Viertelmeile nur in den Pausen gestattete, sich anders, als durch Zeichen verständlich zu machen.

Die Festung antwortete in gleicher Weise, obschon an vielen Stellen die Trancheen der Gegner so weit vorgedrungen waren, dass sie unter dem Niveau der Geschütze lagen. Die Zerstörung im inneren war furchtbar. Die Erde innerhalb der Werke und um sie her war von Kugeln so aufgepflügt, dass nicht ein Sandkörnchen an seinem Orte geblieben, sie war mit Flintenkugeln, Kartätschen, Granatensplittern, Kanonenkugeln und Bomben vollständig bedeckt. Wir führen beispielsweise bloss die Tatsache an, dass vom 22. Mai bis 10. Juni die russischen Soldaten und Matrosen auf der ganzen Verteidigungslinie an Blei von feindlichen Kugeln 1960 Pud (78,400 Pfund) und 1015 achtzigpfündige, nicht geplatzte Bomben sammelten, aber das machte kaum ein Drittel, da zwei Drittel im Wall oder in den Mauern stecken blieben und nach der Stadt und den Buchten hinüber flogen. Schon im Mai waren gegen 500 Häuser von Grund aus zerstört, selbst das Strassenpflaster aufgewühlt. Ende August waren nur wenige Gebäude bewohnbar, die Lazarete und alle Büreau's nach Fort Paul und Fort Nicolaus verlegt. In dem letzteren wohnte der Commandant Kismer mit mehr als 20,000 Menschen. Der Bericht Pelissier's gibt an, dass während der 336 Tage der Belagerung über 1 Million 600,000 Schüsse aus 800 Feuerschlünden, also durchschnittlich täglich 4434 Schüsse auf die Stadt geschehen. Die Verteidigungswerke waren sämtlich so zu Staub zermalmt, dass die Erdarbeiten kaum noch auszubessern waren, und Fürst Gortschakoff, – nachdem bereits am 5. und 6. August eine Pontonbrücke über den Handels- und Kriegshafen zur bessern Verbindung der beiden Stadtseiten geschlagen worden, – für den Rückzug nach der Sievernaja (der Nordseite) eine brücke über die Bucht zu schlagen beschloss. General Buchmeier, der Chef der Ingenieure, führte, unter dem Kugelregen der Feinde, mit Hilfe des Contre-Admirals Suckow und Oberst Narew dies Riesenwerk in 15 Tagen aus, und die schwimmende Balkenbrücke von 1500 Schritt Länge und 9 Schritt Breite, zwischen den Forts Nicolaus und Michael die Ufer verbindend, wurde am 27. August eingeweiht. In der