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die beiden andern vorgeschobenen Werke, die Selenginskiund Vohlinski-Redoute nach einem heftigen Kampf und Blutbad in die hände der Franzosen gebracht. Sie verloren an 3000 Mann, darunter den General Lavarande, die Russen nicht viel weniger mit dem General-Major Timotjef. Die beiden Redouten wurden gesprengt, der Mamelon unter dem Namen BrancionRedoute zu einer Batterie gegen den Malachof umgewandelt. Bosquets Lorbeeren ärgerten jedoch General Pelissier und er entfernte ihn daher vor dem beabsichtigten grossen Sturm, indem er ihm den Ober-Befehl der Tschernaja-Linie übertrug.

Man schien absichtlich den Jahrestag der napoleonischen Erinnerungen zu wählen, selbst der traurigen, und da zum 14. – dem Tag der Schlacht von Marengodie Vorbereitungen nicht vollendet werden konnten, wählte man den 18. – den Tag von Waterloozum Sturm auf den Malachof, um den Engländern zu zeigen, dass man zu siegen verstehe. Aber das Schicksal hatte es anders bestimmt. Die Divisionen Mayran, Brünet und d'Autemarredas Bosquet'sche Corps war zum grossen Nachteil für den Erfolg durch die Eifersucht Pelissier's getrenntmit der Garde sollten den Malachof, die Engländer den Redan angreifen, nachdem am Morgen des 17. auf der ganzen Belagerungslinie ein heftiges Bombardement eröffnet worden, während dessen 20,000 Kugeln und 10,000 Bomben von den Franzosen auf die Festung geworfen wurden.

Aber die Russen waren auf den Angriff vorbereitet und, wie heldenmütig auch der Ansturm der Franzosen war, die zwei Mal bis in das Werk drangen und sich in der Vorstadt festsetzten, sie wurden mit furchtbarem Verlust geworfen, da sie ohne Unterstützung durch die Engländer blieben, deren Angriff vollkommen verunglückte. General Mayran fiel, Brünet wurde durch die Brust geschossen, fast sämtliche Regiments-Commandeure waren verwundet, die Franzosen verloren als kampfunfähig gegen 6000 Mann, die Engländer an 2000; auch der russische Verlust betrug 5000. An einzelnen Stellen um den Malachof lagen die französischen Leichen vier Ellen hoch übereinander; die Bedienungsmannschaften der Geschütze im Malachof hatten drei Mal ersetzt werden müssen; von der Compagnie des tapfern Szewski-Regiments, welche die Batterie Gervais verteidigt, waren noch 35 Mann am Leben. – Entsetzlich waren die Scenen, die sich bei dem von den Alliirten begehrten Waffenstillstand zur Beerdigung ihrer Leichen zeigten. Die Geier hatten sich auf dem Schlachtfelde bereits gesammelt; ein Augenzeuge berichtet, dass er auf dem Wahlplatz einen englischen Offizier fand, der, tödtlich getroffen, noch Kraft genug hatte, in der krampfhaft geballten Faust einen Vogel zu erwürgen, der an ihm zu nagen begann.

Mit dem verunglückten Sturm auf den Malachof trat gewissermassen eine Pause in der Heftigkeit des Kampfes ein; man begnügte sich, die Belagerungsarbeiten fortzusetzen, mit der Sappe immer näher und näher an die Festungswerke heran zu dringen und den Kreis der Trancheen enger zu schliessen. Die Länge derselben betrug zu dieser Zeit bereits 17 Stunden; 85 französische Batterieen waren errichtet, freilich nicht ohne den bedeutendsten Verlust, denn der Bau der einzigen Batterie Nr. 22 mit nur 3 Geschützen kostete allein 865 Mann. Der Minenkrieg begann gegenseitig jetzt nach allen Richtungen zu spielen, auf russischer Seite von dem Stabs-kapitän M e l n i k o f f geleitet, der in Totlebens Stelle trat, als dieser zu Anfang Juli am Fuss verwundet wurde und gegen Ende August, noch nicht geheilt, doch wieder in den Werken erschienen auf's Neue erkrankte, und auf Befehl des Fürsten Gortschakoff nach Symferopol gebracht wurde. Mit welcher Aufopferung die Soldaten an dem berühmten Schöpfer der Verteidigung von Sebastopol hingen, beweist der Zug, dass, als während des Sturmes vom 18. auf den Malachof eine 7 Pud schwere Bombe gerade neben dem General niederfiel und der Luftdruck ihn ohnmächtig zu Boden warf, sechs Soldaten herbeisprangen und ihn mit ihren Körpern deckten. Fünf wurden augenblicklich getödtet, der sechste schwer verwundet, während Totleben damals mit einer leichten Contusion davonkam.

Am 11. Juli, Abends 8 Uhr, fiel der Dritte des Heldenkleeblatts der russischen Admiräle: N a c h i m o f f , als er von der Brustwehr des Malachof die Feinde recognoscirte. Wie an Lord Raglan's Begräbniss, der am 28. Juni an der Cholera gestorben, die Russen ihre sämtlichen Geschütze schweigen liessen, so ehrten die Franzosen mit gleicher stummer Huldigung das Andenken des tapfern Gegners. Sechszehn Stunden hatte er nach seiner Verwundung in den Kopf noch gelebt; als er sein Ende fühlte, wandte er sich zu den Matrosen der 39. Tschernanor'schen Flottenequipage, die ihn schluchzend umringten mit den Worten: "Kinder, vergesst nicht, das Kreuz (die Kriegsflagge) vor dem Feind wie bei Sinope an den grossen Mast zu heften!" Sein Tod machte auf die ganze Besatzung den tiefsten Eindruck und stimmte sie zu verzweifeltem Mut. Als der Sarg in die Gruft der WladimirKatedrale sank, schwor General Chruleff: "Dein Denkmal, braver Seemann, soll Berge feindlicher Leichen werden!" und: Da budet tak! (So soll es sein!) rollte durch die beiwohnenden Regimenter.

Die Zahl der tapfern Seeleute in der Festung war gewaltig geschmolzen, obschon am Tage vor dem Sturm 2000 Matrosen der vernichteten Flotte des Azow'schen Meeres eingerückt waren. Von den 36 Marine-Offizieren, welche bei Beginn der Belagerung die Batterieen kommandirten, war noch Einer kampffähig. Aber Begeisterung und fester Todesmut erfüllte Offiziere wie Soldaten. Am 8. Juli weihte der Erzbischof von Cherson und Taurien, I n n o c