"Fort mit Ihnen, meine Herren! ich geleite Sie über die Terrassen. Morgen sehen wir uns wieder."
Die Lorette klammerte sich an den Grafen, "Du wirst mich nicht verlassen, Guillaume! Mir graut vor der unbekannten Gefahr!"
"Keine sorge, mein Kind – wir haben Nichts zu fürchten hier im haus. Was es auch sei – kein Türke wagt die Frauengemächer zu betreten. Nur unsere Freunde will ich fortschaffen."
Er riss sich los von ihren umschlingenden Armen. Die Offiziere hatten ihre berauschten Kameraden empor gerissen, ihre Kleider zusammengerafft und folgten ohne Abschied eilig dem Capitain4.
Die armen verlassenen Geschöpfe sahen, traurig und ängstlich geworden, ihnen nach, indem sie sich eilig wieder in ihre Gewänder zu hüllen suchten. Der Kiradschia stand beobachtend an der Jalousie.
Die Nedela war verschwunden. ––––––––––––––––––––––––––––
Die Ruderer hielten mit leisem Schlag einen grossen Kaïk auf seiner Stelle fest. Die Augen des Mannes, der hoch aufgerichtet im Boot stand, waren mit flammender Wut auf die Fenster der Villa gerichtet. Schwarze Gestalten, Schlingen in den Händen, die Handjars im Gürtel, kauerten mit teuflischem Grinsen auf den verzerrten zwitterhaften Gesichtern um ihn.
In dem zweiten Boot dicht neben an lehnte über den Rand W a s s i l i , der griechische Diener des Pascha's von Varna – Vaso, der Bräutigam Nausika's, der er in eifersüchtiger und ohnmächtiger Liebe bis zum Harem des Türken gefolgt. Er war bleich und zitterte heftig.
"Allah sei Dank," sagte der Pascha, "wir kommen zur rechten Zeit, ihre Lust zu stören. Du kennst meine Befehle?"
"Ja, Hoheit."
"Du bist ein treuer Diener, Wassili, und ich würde Dich zum Aufseher meines Hauses machen, wenn Du kein Dschaur wärest. Aber bei dem Barte meines Vaters, ich bin noch Muselmann genug, mich zu rächen, wenn ich auch die grossen Städte dieser Franken gesehen habe. Du weisst also, dass der Inglis, mein Gast in Varna, jenen Pavillon bewohnt?"
"Du sagst es, Herr!"
"Und die Weiber sind nicht bei ihm?"
"Nein, Hoheit. Der Bulgare, der das Haus verwaltet, führte sie zu den Aga's der Franzosen."
"Mögen ihre Väter verdammt sein. Der Hund soll ihr Schicksal teilen und der Aufseher der Weiber dazu, der seine Pflicht vernachlässigte. Du zähltest ihrer fünf und die Nedela ist dabei?"
Der Grieche zauderte einige Augenblicke, bevor er antwortete. "Ich weiss es nicht, Hoheit, ich kenne nur die Zahl, die hierher kam. Das Haremlik ist Deinem Diener verschlossen."
"Lahnet bi Scheitan! ich kenne ihren intrignanten Geist und ihr wollüstiges Herz. Sie hat die Sclavinnen verführt. Ich wollte, der Engländer hätte sie behalten, oder ich wäre nicht der Tor gewesen, die Weiber mit nach Stambul zu nehmen, dass sie mir in den Bart lachen, wenn der Grossherr mich auf die Reise sendet. Sie müssen sterben, wie ich befohlen."
"Aber die Offiziere – die Franken?"
"Sie werden es nicht wagen, sich zur Wehr zu setzen. Wenn es sein muss, knebelt sie, aber tödtet sie nicht, ich habe es dem Tschauschi-Baschi gelobt, als er mir die Tschokadars und Verschnittenen lieh, den mir angetanen Schimpf zu rächen. Korkma! es ist keine Gefahr dabei, wenn Du treu und vorsichtig bist. Niemand wird uns erkennen, meine Rückkehr ist noch unbekannt, darum sandte ich Dir Botschaft, mich an den süssen Wassern zu erwarten. Eile Dich, Wassili – sie löschen die Lichter aus – sie haben uns bemerkt! Vorwärts!" Er klatschte leise in die hände und die Kaïks schossen im Nu an die Marmortreppen, wo sie bereits zwei der Männer fanden, welche die Zugänge vom land her bewacht. Im nächsten Augenblick waren alle Ausgänge umstellt und ein kräftiger Tschokadar sprengte mit dem Brecheisen die Pforte, durch welche Wassili mit den schwarzen Eunuchen in's Innere drang. ––––––––––––––––––––––––––––
An sein Lager gefesselt lag der Grieche C a r a i s k a k i s – der Letzte der drei Brüder. Eine fieberhafte Unruhe leuchtete und glühte in seinem blick, es war, als ränge das Leben in Folge eines unbekannten magnetischen Einflusses nach der Sprengung der Bande.
Der jubel des Bachanals war durch die offenen Jalousieen von der Villa zu ihnen deutlich herüber geklungen. Der Baronet hatte schon hundert Mal die unruhige Nachbarschaft verwünscht, die seiner Meinung nach die Genesung des Gelähmten störte. Scharfsichtiger als er, hatte der Araber, der von seinem Burnus bedeckt auf einer Bastmatte im Winkel des Gemachs lagerte, bemerkt, wie häufig eine dunkle Röte die Stirn des Griechen überzog, wenn ein helles frivoles Gelächter von drüben herüber schlug.
Der Baronet hatte dem Kranken die neuesten Nachrichten der Tagesblätter vorgelesen, die Fortschritte der Belagerung nach dem verunglückten Sturm auf den Malachof, die Abberufung Canrobert's nach Paris auf den Wunsch Pelissier's, den Zug der Russen gegen Kars und die Bestimmung Omer-Pascha's nach Kleinasien.
Das Journal war auf den Tisch gesunken, seine Hand stützte das Haupt – seine Gedanken schweiften hinüber nach der bedrängten Stadt, nach dem Schatz, dem jetzt all sein eigensinnig beharrliches Streben galt.
Die Zeichen der Orgie drüben waren verstummt.
Plötzlich unterbrach ein wilder Schrei, der Hilferuf einer weiblichen stimme, die Stille der Nacht