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in meine Kasette und stellte diese in die Kabine', in der ich schlief."

Costa schüttelte den Kopf. "Das war zu viel Vorsicht, oder zu wenig," sagte er, "man hätte uns einen mit der österreichischen Polizei vertrautern Mann schicken sollen. Der Brief ist geöffnet worden."

Er sagte dies mit solcher Bestimmteit, dass Alle erschrocken und neugierig näher traten, um selbst zu prüfen. Welland behauptete, es sei nicht möglich; doch der Ungar nahm eine Scheere, schnitt rings um das Siegel das Couvert durch, hob das erste dann in die Höhe und zeigte an seiner Doppellage, dass das Papier mit einer seinen erwärmten Klinge unter dem rand aufgetrennt gewesen und später auf gleiche Weise wieder befestigt worden war. Dann sah er rasch die Papiere durch. "Zum Glück," sagte er, "sind die wichtigeren Stellen in Zeichen geschrieben, deren Lösung wohl dem Dechiffrirbüreau in Wien arges Kopfzerbrechen machen dürfte, selbst wenn es gelungen wäre, Abschrift zu nehmen. Haben Sie auf Niemand Verdacht, Signor Wellando? Wer waren Ihre Mitreisenden?"

Welland fiel der Wiener ein. "Nur Einer derselben konnte es gewesen sein, die Andern waren unbedeutende Menschen. Der Mann versuchte sich auffallend an mich zu drängen, doch wies ich ihn zurück."

"Wo schlief er?"

"Jetzt fällt mir auf, dass, obschon er auf dem ersten Platz reiste, er mehrmals sein Nachtlager auf den breiten Bänken unserer zweiten Kajüte aufschlug, unter dem Vorwande, dass ihm in den engen Kabinetten die Hitze unerträglich sei."

"Bassa manelka! verlassen Sie sich darauf, er ist der Spion. Wo ist er geblieben?"

"Er fuhr in einem Boot des österreichischen Kriegsschiffes, das an unsern Bord kam, an's Land."

"Ich sah es am Quai des österreichischen Konsulats landen," flocht einer der Italiener ein. "Ich beobachtete es genau, denn ich hatte ein kleines Rencontre mit dem Lassen, der es commandirte."

"Sie werden uns sicher noch Unannehmlichkeiten mit Ihrer Hitze bereiten, Fumagalli," sagte Costa streng. "Wir sind zwar augenblicklich die Herren in Smyrna, und die Autorität des Pascha's ist Null. Aber wir müssen trotzdem vorsichtig sein, um die Aufmerksamkeit nicht auf hier zu lenken. – Signor Wellando, Sie werden in zwei oder drei Tagen mit mir nach Constantinopel gehen müssen; unsere Gegner sind tätig, und wir dürfen ihnen keinen Vorsprung lassen. Sie Fumagalli mit Bassitsch berufen die Ungarn und Italien auf morgen Abend nach dem Tempel des Jupiter, denn für heute bleibt uns keine Zeit. Eine Stunde vor Sonnenuntergang! Und nun Signor, ruhen Sie sich aus und schauen Sie sich diese sogenannte Königin Anatoliens an, Sie werden finden, dass sie einer Reinigung stark bedarf."

Costa schied, die Italiener folgten ihm, nachdem sie dem Deutschen versprochen, ihn Einer oder der Andere am Abend zu einem Gange abzuholen, und ihm geraten hatten, vor dem Essen ein türkisches Bad zu seiner Erholung zu nehmen.

Diese gewährte es ihm wirklich. Ein türkisches Bad ist einer der Genüsse, die wir Occidentalen leider nicht kennen, – es ist eine Wollust des Körpers, aus der man wie neugeboren hervorgeht. Stundenlang kann man sich unter der knetenden, streckenden, drükkenden Hand des Badedieners einem behaglichen Gefühl überlassen, gegen das jenes dolce farniente des Italieners nur ein Schatten ist.

Am Tisch, der bei Madame Giraud vortrefflich ist und die Genüsse des Orients und Occidents vereinigt, waren Gäste aller Zungen. Man sprach und erzählte von den Verwickelungen in Constantinopel, von den beginnenden Aushebungen in Syrien und Egypten und der grossen Unsicherheit der Gegend, ja der Stadt selbst, die J a n K a t a r c h i , der Kameeltreiber, mit seiner Bande in Schrecken zu setzen begann. Welland vernahm mit Erstaunen, dass eine Stadt von 150,000 Einwohnern von einem Räuber in fieberischer Angst gehalten wurde, der kaum 10–15 Mann zu seinem Gebot hatte.

Es war damals eine merkwürdige Zeit in Smyrna. Die Flüchtlinge aus Ungarn, Italien und Frankreich hatten sich in Masse an dieser Stätte uncivilisirter Freiheit und Nachlässigkeit gesammelt, es mochten ihrer wohl an 5- bis 600 sein. Dazu kam die abnorme Masse Gesindels, welche von dem griechischen Festland, den Inseln, dem ionischen Staat und namentlich von Malta und Egypten her sich hier zusammenfindet. Räuber und Mörder, denen der Galgen und die Garotte auf der Stirn geschrieben steht; Männer, die Menschenblut bei dem geringsten Streit oder für ihre Zwecke wie wasser vergiessen, füllten die Gassen und die Kaffeehäuser der Stadt. Verworfene Subjecte, deren Handwerk das Verbrechen, namentlich Malteser, diese Pest des Orients unter englischem Schutz, sprachen jeder Ordnung, jedem Gesetz Hohn. Längst hatten der Pascha und die türkischen Behörden die Aufrechtaltung einer gewissen Sicherheit, wie sie sich im Orient etwa erwarten lässt, aufgegeben. Den Mörder, den Räuberund deren ergriffen die Khawassen des Pascha's täglich auf offener Tat in den Strassen der Stadtreclamirte sofort der englische Viceconsul; denn der Vertreter der brittischen Macht lag Tag für Tag in Rum berauscht, – oder die Consule von Sardinien, von Griechenland oder sonst ein gefälliger Beamter, als Angehörige ihres Staates, und liessen sie nach einer Haft von kaum 24 Stunden wieder auf die menschliche Gesellschaft los. Um diesem Allem die Krone aufzusetzen, streiften die freien Räuber rings um die Stadt, und plünderten