er die Wogen hin, wo unter Kaiser Romanos 942 der Patrizier Teophanes die Schiffe der Russen schlug, die jetzt die letzten Freunde seines geknechteten Volkes sind; wo die Genuesen und Venetianer1 ihre ehrgeizigen Kämpfe um die herrschaft des alternden Byzanz fochten; wo die türkische Myte das antike Bett des Herkules zum Riesengrabe Josua's gewandelt, das von Derwischen bewacht wird; – stösst, weiterstreichend, an das Vorgebirge Argyconium mit seinen phantastischen Schlössern der Sultana's, berühmt als Unkiar Skelessi, wo am 26. Juni 1853, im Angesicht der lagernden russischen Armee, jener Tractat geschlossen wurde, der die Dardanellen den Flotten England's und Frankreich's sperrte und die Ursache des grossen Kampfes geworden ist.
Diesseits aber bricht sich der kühlende Luftzug, der Strom der Wellen in der Bucht von Terapia, ehe Beide weiter fluten.
T h e r a p i a – P h a r m a c i a – wo Medea ihr Gift auf die Küste streute, Perle des Bosporus, wo die fürstlichen Familien des alten Byzanz ihre Sommerpaläste bauten und in den kühlenden Lüften des Pontus schwelgten! T h e r a p i a , dessen Wässer so oft das Blut der Venetianer und Genuesen rötete, wohin Nicolo Pisano sich flüchtete, als er am 13. und 14. Februar 1352 mit dem Feind und den Stürmen gekämpft: – sei mir gegrüsst, lieblichste Bucht des lieblichen Bosporus am Tale der kühlen Quelle, wie Dein leuchtendes Bild vor meiner erinnernden Seele steht! – – –
Nahe dem Palast, den Fürst Ypsilanti erbaut und der jetzt zu einem französischen Lazaret eingerichtet worden, taucht ein stattliches, im orientalischen Styl gebautes, Landhaus den kurzen Mauervorsprung seines untern Stockwerks in die zum goldenen Horn eilenden Wogen. Zur Seite öffnet sich, wie bei all' diesen Villen, welche die Ufer des Bosporus zieren, das Wassertor zum Einlass der Kaïks, und das Haus umgeben, auf der Rückseite von hoher Mauer eingeschlossen, Terrassen mit Oleander, Geranium, Myrten und Lorbeer bedeckt. Die erste Terrasse trägt, an das Vorderhaus stossend, einen grossen Pavillon.
In diesen Winkel des Edens von Constantinopel hat sich der tiefe Kummer und die zügelloseste Lust geflüchtet. Der griechische Banquier, dem das Haus gehört und der das Reich bis zu Ende des Krieges verlassen musste, hat es durch seinen bulgarischen Agenten vermietet; den geräumigen, mit einem besonderen Ausgang versehenen, Seiten-Pavillon bewohnt der englische Baronet mit dem kranken Griechen, dessen Erwachen aus dem letargischen Zustand er – selbst ein Schatten und dem grab verfallen – hartnäckig bewacht, gemeinsam mit dem jungen Araber, der seinem Gefangenen hierher gefolgt. In dem ersten Geschoss des Vorderhauses aber wohnt C e l e s t e B i b e s c o , die Geliebte des Garde-Capitains Grafen B r e t a n n e , der im misslungenen Sturm der Verbündeten auf den Malachof am 18. Juni verwundet, sich an die Ufer des Bosporus hat bringen lassen, um hier unter der Pflege von Frauenhand zu genesen.
Die schöne Lorette ist nicht bloss mehr die Geliebte des reichen Offiziers; das Testament Alfred de Sazé's hat sie selbst zur Besitzerin von Reichtum gemacht, den sie bereits mit vollen Händen zur Befriedigung all' ihrer Lüste und Launen verschwendet. In der wohnung der übermütigen Coquette und ihres ausschweifenden Beschützers feiern jede Freude, jeder wollüstige Genuss des Orients ihre nächtlichen Orgien, während die Hitze des Tages die Bewohner im Schutz ihrer luftigen Gemächer an's Lager oder in die kühlen Baderäume fesselt.
Es ist Mitternacht – die Jalousieen des grossen Gemachs, das, nach orientalischer Sitte, den ganzen Flügel des Hauses einnimmt, sind geöffnet und lassen durch die schützende Hülle der Muskitairs die köstliche milde Seeluft eindringen. Eine Tafel, bedeckt mit den feurigen Weinen von Cypern und Santorin, dem dunklen Olymp, Bordeaur, Scherbet und Champagner in grossen Eiskufen, mit prächtigen dunkelglühenden Trauben von Brussa, den süssen Pfirsichen von den Felsenwänden des Hellespont und den Feigen von Smyrna; besetzt mit den schwelgerischen Confitüren, die auf Chios aus Rosenblättern und Geranium, Quitten und Mastix bereitet werden, – steht in der Mitte des halb europäisch, halb asiatisch möblirten und rings an den Wänden mit breiten Divans umgebenen Saales.
sechs Paare befinden sich darin in höchst ungenirten Situationen. Der Zustand der Tafel, die zerbrochenen Gläser und Teller, die auf dem Boden umhergeworfenen seidenen Kissen der langen Divans an den Wänden, der tolle Uebermut der Einen und die stumpfe schlaftrunkene Haltung der Andern beweisen, dass die Orgie schon stundenlang gedauert hat.
Zwei Mänaden, die Verderbniss des Occidents und des Orients gleichsam repräsentirend, führen den Vorsitz. An dem untern Ende des Tisches, auf den weichen indischen Matten, ruht die junge Smyrniotin, die ihr Schicksal aus dem Dunkel eines asiatischen Dorfes in den Palast von Tschiragan geführt, aus der Alma des Grossherrn zur Freundin des brittischen Baronets und zur Odaliske des Pascha's von Varna, ihres jetzigen Gebieters, gemacht hat: N a u s i k a – N e d e l a , die Tochter des Kameeltreibers, des Räubers vom Pagus zu Smyrna! Der rechte Arm, von prächtigen goldenen und Korallen-Braceleis fast vom Handgelenk bis zum Ellbogen bedeckt, hält nachlässig ein zierliches mit Perlmutter und Silber ausgelegtes Tambourin zwischen den hannahgefärbten Fingern, während die linke Hand ein Champagnerglas hebt, um es von dem Offizier an ihrer Seite füllen zu lassen. Ein gelber persischer Shawl ringelt sich in