jedoch die peinliche Situation. Doctor Welland war offenbar sehr aufgeregt, seine Miene unruhig und nachdenkend. Hinter ihm folgte Jussuf, der Mohr, der beim Erblicken des Vicomte sogleich auf diesen zusprang und mit dem höchsten Ausdruck von Freude seine Füsse umfasste und küsste.
"Jussuf? – um des himmels willen, wo kommst Du her?"
"Inshallah – es ist jubel in meinen Augen, Herr, dass ich Dich wiedersehe. Was kann ich sagen? – ich war verwundet und gefangen bei den Moskows – ein Engel hat den armen Mohren gerettet und ihm die Freiheit gegeben, dass er zu seinem Aga zurückkehren möge."
"Ich habe mich einige Augenblicke von meinem Posten entfernt," sagte der Arzt, "um Ihnen die seltsame Nachricht zu bringen. Vor einer Stunde brachte eine Ordonnanz des kommandirenden Offiziers der Vorposten an der Tschernaja den Mohren zu mir, den wir für tot im Schloss Aju zurückgelassen und der seitdem bei den Russen gefangen war. Er behauptete, sich selbst ranzionirt zu haben und hat sich bei den Wachen auf mich und Sie berufen. Ich bestätigte seine Aussage und übernahm seine weitere Meldung. – Er bringt das Pferd des Arabers zurück und den Dank des Fürsten, der glücklich Sebastopol erreicht hat," fügte er flüsternd hinzu. – Das Ehrenwort, das er dem Fliehenden gegeben, liess ihn verschweigen, wie der Mohr zugleich der Ueberbringer eines geheimen Schreibens an ihn gewesen, das seine Blicke jetzt nachdenkend und forschend auf dem irren Schützling der Marketenderin weilen machte.
Der Vicomte war hocherfreut durch die Rückkehr des On-Baschi's seiner frühern Bozuks, den er bei seiner Rückkehr zu dem 3. Zuaven-Regiment zu seinem Diener gemacht. Er reichte ihm die Hand und überwies ihn an den Bruder Nini's, um ihn zu equipiren und alles Nötige ihm zu verschaffen. Dann wandte er sich wieder zu dem Arzt. "Sie finden mich und kapitän Mongin bei einer unangenehmen Untersuchung. Das törichte Mitleid von Mademoiselle dort hat Ihren wiederhergestellten Patienten, der heute der allgemeinen Ordre gemäss an das Gefangenen-Depôt in Kamiesch zurückgeliefert werden sollte, entkommen lassen. Seine Genesung war bereits durch Oberst Polkes gemeldet und wir werden nun Beide wahrscheinlich vielerlei Verdriesslichkeiten für unsere Nachsicht und Ueberschreitung der allgemeinen Regel haben. Zum Glück hat die Flucht auf ihren Freund keinen Einfluss, der von den Türken zum Gefangenen gemacht worden."
"Die Sache ist kaum so bedeutend, als Sie dieselbe ansehen, Kommandant. Das Gelingen oder Misslingen des bevorstehenden Sturmes wird ganz andere Dienstsünden bedecken, und es ist wohl unnötig, dass Sie irgend Jemand deshalb zur Strafe ziehen. Wenn Ihre Zuaven den Mamelon nehmen, wird kein Oberst oder General der ganzen Armee nach einem entkommenen russischen Knaben fragen, wie der kleine Lasaroff war!"
"Lasaroff? – Michael Lasaroff?" rief der Fremde, der aufmerksam dem Gespräch zugehört. "Verzeihen Sie, mein Herr, Sie nennen einen Namen, der mich angeht. Der russische Gefangene, der diese Nacht entflohen – ist es der Fähnrich Michael Lasaroff?"
"Derselbe, mein Herr!"
Der alte Mann schlug die hände vor das Gesicht. "Alles umsonst – Alles verloren! – auch hier zu spät! – So geschehe denn der Wille Des da Oben; – was sind menschliche Berechnung, sterbliche Mühen gegen Seine Bestimmung!" – Traurig und gebrochen taumelte die hohe Greisengestalt auf den Sessel zurück, – zwei schwere Tränen quollen aus den grauen Wimpern und flossen langsam über die gefurchten Wangen, – die eherne Kraft, die so lange ihn aufrecht gehalten im Kampf für seine Pläne, seine Meinungen und seine Zwecke, – sie war vernichtet vor der überzeugung, dass in der Bestimmung über Völker wie über Menschen der Wille des Ewigen keinen Eingriff sterblicher hände duldet. – Verwundert, aber mit achtungsvollem Schweigen schauten die fremden Krieger auf den alten Mann, bis dieser sich ermannte und seine feste ernste Haltung wieder gewann. "Verzeihen Sie einem mann die Schwäche," sagte er mit Würde, "der selten in einem langen und bewegten Leben ihr unterlegen. Ich bin der Graf Lubomirski, einst kapitän unter Napoleon dem ersten, – und der Knabe, der diese Nacht nach Sebastopol zurück entflohen, ist mein Enkel, der einzige Sprosse meines Blutes. Ihr Kaiser – es ist gleichgiltig, wie ich die Gefangennahme erfuhr – gab ihn in meine hände, hier ist der Befehl, ihn Angesichts desselben mir auszuliefern. Doch vergeblich forsche ich seit zwei Wochen im Hauptquartier, in allen Gefangenen-Depôts, ich fand den Namen zwar in den Listen angeführt – seine person jedoch war verschwunden."
"Vielleicht eine Fahrlässigkeit der Schreiber," sagte der Vicomte. "Der junge Mann wurde als verwundet gemeldet und nicht abgeliefert, da seine Jugend uns dauerte und der Aufentalt in den Lazareten durch den Typhus Gefahr bringt."
"Ich begreife es und danke Ihnen dafür. Erst heute Morgen vernahm ich in Folge des erlassenen Generalbefehls aus dem Hauptquartier zufällig, dass bei Ihrem Corps sich noch einige Gefangene und Verwundete befänden und eilte hierher. Es war zu spät!" – Er schwieg einige Augenblicke, dann überreichte er dem Vicomte die kurze offene Ordre von der Hand des Kaisers. "Nehmen Sie, Herr Kamerad," sagte er traurig, "sie ist jetzt nutzlos für mich und wird Sie jeder Verantwortlichkeit für Ihre Güte überheben. Wenn Sie einem alten Krieger, einem gefährten des Ruhmes der französischen Adler eine weitere Freundlichkeit erweisen wollen