sie, trotz des Kanonendonners, mittelst der Schärfung der Sinne verstanden. – "Nikalanta!" stöhnte er, "es war seine Tochter – ihr Gift brennt wie Feuer an meinem Herzen – Hilfe! zu Hilfe!"
Sie lag nicht in Menschenkräften, in menschlichem Wissen! Der Arzt mochte dies erkennen, denn er erhob sich mit einer Geberde des Bedauerns und sagte zu einem Stabsoffizier in der Nähe: "Diese Früchte sind wahrscheinlich mit einem indischen Narcoticon zufällig oder absichtlich getränkt, dessen Analyse uns unbekannt und gegen das kein Mittel existirt. Vielleicht Upas von dem berüchtigten Baum. Die Fälle solcher Vergiftungen sollen in Indien nicht selten vorkommen, wenn sie auch weniger acute wirkung zu zeigen pflegen."
"Der Teufel hole das Land!" murmelte der Offizier, "Cholera, Brillenschlangen, Tschaugh's und Tiger wären Unannehmlichkeiten genug, als dass man noch Giftmischerei dazu brauchte! England wird es nicht eher mit Sicherheit geniessen können, als bis die eingeborene fanatische Brut ganz und gar vertilgt ist!"
"Sir, das sind 150 Millionen Menschen!"
"Und wären es 1500 Millionen, wenn sie sich nicht dem Segen unserer kultur fügen wollen. Wie war es mit Irland noch vor 50 Jahren? Irland ist jetzt ruhig, seit man den Repeal über's Meer deportirt hat!" ––––––––––––––––––––––––––––
Als am Abend Mickei dem kapitän Stuart den Tod des Führers der zweiten Compagnie meldete, bemerkte der Offizier: "Es tut mir leid! Cavendish war ein besserer Kamerad, als wir Anfangs dachten und erst seit acht Wochen aus dem Lazaret. Schade, dass er noch immer vergessen hatte, uns die hübsche geschichte mit den Tigern zu Ende zu erzählen!"
Man war sehr gleichgiltig geworden gegen die Leben im Lager vor Sebastopol! – –––––––––––––––––––––––––––– Nicht der Frieden der Nacht, der prächtigen, funkelnden, üppigen Juninacht, ruht über Meer und Land, über Stadt und Berg. Der Donner der Mörser weckt die Echo's, an dem lichten Sternenhimmel ziehen die Bomben ihre lichteren, feurigen Bogen; aus den dunklen Erdschanzen und von den Wällen der bedrängten Stadt blitzt und flammt es von Minute zu Minute und der Hagel von Eisen, die Würfel des Todes rasseln über das Feld und furchen in der vergänglichen Nacht die Ruhestätten der langen, ewigen – die Gräber! Durch das Verderben besäete Feld schleicht still und spähend ein Knabe; – der sausende Tod, der auf den Granaten daher fegt, auf den feurigen Bomben durch die Luft saust, kümmert ihn nicht! Seine einzige sorge ist, vor den lauernden Posten, vor dem Schutz der belebten Schanzen, Batterieen und Laufgräben weit auszubiegen in die Fläche, wo die Vernichtung auf jedem Schritte droht. – Ein blaues Licht zischt in die Höhe – dort liegt die Bastion, die dunklen Wälle des Redan erheben sich kaum 200 Schritt von ihm! – Die gebückte, schleichende Gestalt ist einen Augenblick sichtbar geworden und in den Contre-Approchen bemerkt.
"Stai – Wer da?"
"Gutfreund! Gott schütze Russland!"
Michael Lasaroff ist bei den Seinen! – – – ––––––––––––––––––––––––––––
Mit dem Anbruch des Tages hat die Kanonade wieder begonnen, die eiserne Ablösung des eisernen Bombardements der Nacht. –
In der Cantine sass, 24 Stunden später als unsere vorige Scene begann, an einem Tisch mit dem ältesten kapitän seines Bataillons der Vicomte, während einige Papiere vor ihnen lagen und die Marketenderin mit ihrer Freundin, der Corporal Bourdon mit Lebrigaud und der irre Jean dabei standen.
"Wir wollen zunächst die Sache mit Madame Bibesco zu Ende bringen," sagte der Kommandant. "Sie haben gehört, Madame, dass mein verstorbener Freund mich beauftragt hat, Ihnen seine sämtliche im Lager zurückgebliebene Baarschaft auszuhändigen, die der Oberst seines Regiments in Verwahrung genommen hatte. Hier ist das Verzeichniss – die Summe besteht in 70,500 Francs, davon 50,000 in Wechseln auf das Haus Jacq. Alléon u. Comp. in Constantinopel auf Sicht zu zahlen, und 20,500 Francs in Napoleond'ors. Hier sind die Papiere und das Geld. Wollen Sie die Güte haben, mir über die Summe in Gegenwart dieser Herren zu quittiren?"
"Darf ich fragen, ob der Marquis in Beziehung auf mich nicht irgend eine weitere Bestimmung getroffen?" fragte die Abenteurerin, indem sie zur Bewahrung des Scheins das Taschentuch an die Augen führte.
"Nein, Madame." Die Worte des Briefes lauten
bloss: "Er hoffe, die Summe würde hinreichen, um Sie seinen Namen vergessen zu machen."
"Abscheulich! – Ich kann also ohne Bedingung
über dies Geld verfügen?"
"Ja, Madame."
Die Augen der ehemaligen Lorette funkelten – alle
Vergnügungen und Freuden von Paris tauchten in lokkenden Farben vor ihrem Geist auf. Doch schien zugleich ein Gedanke, ein Zweifel sie zu bedrücken und unschlüssig zu machen. Sie schob mehrmals einige der Geldrollen hin und her und ihr Auge flog verstohlen zu Nini hinüber. Unwillkürlich schrak sie zusammen, als ihr blick dabei den ihr zunächst stehenden irren Burschen traf. Noch nie war ihr die Aehnlichkeit desselben mit dem Fürsten Oczakoff so aufgefallen, und ihr Innerstes erbebte, als der arme ihr mit einem bisher an ihm nicht gekannten Lächeln des dämmernden Verständnisses zunickte und flüsterte: "ich weiss es wohl, Zehntausend!"
Eine dunkle Röte überzog die Stirn der jungen
Frau, sie nahm hastig fünf der Rollen zusammen und schob sie auf Nini zu. "Das ist Dein Anteil