sehe! Das muss uns ein neuer Sporn sein, Sie zu retten – welcher Grund Sie auch immer zu diesem verwegenen Schritt bewogen hat. Kommen Sie her, Doctor – Sir Edward, ich beschwöre Sie, helfen Sie uns ein Mittel ersinnen, diesen Unbesonnenen einem schmählichen tod zu entziehen und glücklich über die Linien hinaus zu bringen."
"Von welcher Seite gelangten Sie in das Lager, Fürst?" fragte der Arzt.
Iwan Oczakoff deutete ruhig nach Osten. Es war offenbar, dass er nicht Rede stehen wollte.
"Es ist unmöglich, ihn dort wieder hinauszuschaffen," erklärte der Colonel. "Die Wachen sind, seit der Sturm beschlossen, verstärkt, Niemand darf unter irgend einem Vorwand die Linien verlassen, ich selbst kenne das Passwort noch nicht."
"So müssen wir versuchen, ihn auf der Seite der Engländer entfliehen zu lassen – die Aufsicht ist dort fahrlässig."
"Denken Sie an das Rennen," mischte der Baronet zum ersten Mal sich ein. "Die gelegenheit ist unbedingt günstig – die Tollköpfe setzen oft bis in die russischen Linien hinein und wenn der junge Mann Mut, Geistesgegenwart und ein gutes Pferd hat – ist seine Rettung leicht. Ich selbst will ihn so weit als möglich begleiten. Meine Nähe wird ihn vor jedem Verdacht sicher stellen."
"Der Gedanke ist vortrefflich," sagte überlegend der Arzt, "und muss auf's Schnellste ausgeführt werden, denn" – er sah nach der Uhr – "es fehlt nur noch eine halbe Stunde zur Rennzeit. Aber wo nehmen wir ein Pferd her?"
"Das meine steht gesattelt," fiel hastig der Vicomte ein, "erinnern Sie sich, dass ich Sir Edward begleiten wollte!"
Der besonnene Arzt schüttelte den Kopf. – "Das geht nicht," sagte er, "Ihr Pferd trägt das französische Sattelzeug und ist überdies ein schwerer Normann, der hinter den flüchtigen Rennpferden der englischen Offiziere zurück bleiben würde. Wir müssen ein Pferd haben, was ihm die Chancen des Entkommens sichert. Ausserdem bestehe ich darauf, Vicomte, dass Sie als Offizier ganz aus dem Spiel der Hilfeleistung bleiben."
Eine leichte Hand berührte leise seinen Arm, – es war Abdallah, der Araber, der, obgleich er nur einzelne Worte französisch verstand, doch mit der scharfen Beobachtung seines Volkes der Unterredung gefolgt war.
"Mein Freund, der die Heilkräfte der Kräuter und Metalle so gut kennt," fragte er sanft in türkischer Sprache, "braucht ein Ross?"
"So ist es, Emir – ein Pferd, schnell wie das Deine!"
"So nimm Eidunih, meine geliebte Stute, den Schatz der Zarugah – ich gebe sie Dir unter einer Bedingung."
"Welche? – sprich!"
"Lass mich diesen Mann begleiten, wenn sie ihn, wie ich hörte, nach Stambul bringen wollen."
"Was hast Du mit ihm, edler Emir – er ist Dein Gefangener, aber bedenke, er ist ein Unglücklicher, den Gott getroffen."
"Der Mann hat Abdallah ben Zarugah nie ein Leid zugefügt – er kennt ihn nicht! Aber Abdallah muss das Erwachen seiner Lippen belauschen, um ihn zu fragen, wo Der ist, dessen Züge er trägt und dessen Bruder er sein muss. Ich habe gesonnen und gesonnen, bis der Prophet Licht in meine Seele gesandt und mir zugeflüstert hat, dass der Moskow, den ich fing an den Ufern der Katscha und den die blutige Rose von Skadar von mir forderte, der griechische Verräter ist, den sie liebte."
"Ich weiss nicht, von wem Du sprichst, Emir."
"Er weiss es," sagte der Araber, auf den Capitano deutend, "denn Jener trug das Antlitz seiner Familie. Er soll mir Kunde geben, wohin Fatinitza, die Rächerin, verschwunden ist, ob sie meiner Hilfe bedarf oder ob sie treulos geworden am Glauben ihrer Väter um eines Feigen willen."
"Ich wiederhole Dir, ich verstehe Dich nicht – doch ich nehme Dein Anerbieten an, und Du sollst diesen Kranken begleiten, wenn Du das Heer verlassen darfst und mir schwörst, diesem mann kein Leides zu tun."
Der junge Emir legte die Hand auf sein Haupt. – "Ich gelobe es Dir, weiser Hekim-Baschi. – Abdallah ist ein freier Mann und kann gehen und kommen, wann und wie er es für gut findet. – Wohin soll ich die Stute Dir führen?"
"Bringe sie hinter das Lager dort rechts und harre unserer – an den beiden Cypressen. Sei rasch, Emir Abdallah, ich bitte Dich, und wenn es angeht, entstelle das Aeussere Deiner Stute, damit man sie nicht erkennt."
Der Araber nahm seine Gewänder zusammen, warf noch einen blick auf seinen Gefangenen und verliess das Gemach. Doctor Welland teilte eilig den Freunden das Anerbieten mit, und sie Beide kannten genugsam die edlen Eigenschaften des Pferdes, um zu wissen, dass es die Flucht des Russen sichern würde.
"Sie, Vicomte, müssen hier bleiben," fuhr der Arzt fort, "und die scharfen Augen Derer abwenden, denen bereits die unheilvolle Aehnlichkeit aufgefallen ist. Der Baronet und ich werden unsern jungen Freund oder Feind begleiten und Gott und seiner Geistesgegenwart muss das Weitere überlassen bleiben."
"Einen Augenblick noch," sagte der Colonel. "Ich kann es mit Ehre und Gewissen vereinbaren, Fürst, Sie von einem schmählichen