aller Lebenstätigkeiten war. Nur der Klang der russischen Worte, in denen der Fähnrich erzählte, schien seine Aufmerksamkeit zu erregen und sein Ohr wohltätig zu berühren.
"Und wir müssen hier gefangen sein," schloss Michael Lasaroff seine Rede, "wir können ihnen keine Nachricht geben von der drohenden Gefahr. Die Lünette ist das Vorwerk unsers Bollwerks, – das erkennen und wissen diese Fremden gut genug und dass, wenn der Malakoff fällt, Ssewastopol verloren ist! O, möchte immer an seinen Wällen ihr Stolz und ihr Uebermut sich brechen!"
Eine klare feste stimme gab die Antwort auf den Wunsch des tapfern Knaben:
"D a i B o s c h e ! "
Erstaunt schaute der Fähnrich nach dem Eingang. Dort stand der britische Offizier, die Hand zum Himmel erhoben. Die Linke hatte die Mütze und die entstellende blaue Brille entfernt – seine Augen waren fest und innig auf den Irren geheftet, während er nochmals die Worte wiederholte:
"Dai Bosche!"
War es der Klang dieser stimme – waren es die zwei Worte selbst, mit denen der Russe häufig auf ein Gebet oder einen Segensspruch antwortet – sie wirkten wie ein elektrischer Strom auf die Seele des Irren, wie eine plötzliche Erinnerung aus der Kindheit und Jugend, wie ein Strahl von Licht auf die Nerven seines Denkvermögens. Er war emporgesprungen, seine hände an die Schläfe gepresst, seine grossen braunen Augen hafteten weit geöffnet auf der fremden Erscheinung, die mit magischer Gewalt ihn anzuziehen schien. Dann Schritt vor Schritt, sie unverrückt anstarrend, schwankte er auf sie zu.
Eben so fest hielt der britische Offizier seine Augen auf ihn geheftet, aus denen Trauer und Zärtlichkeit sprach. Langsam senkte sich sein Arm, und seine Hand streckte sich nach dem armen Schützling Nini's aus – seine Lippen öffneten sich wie zu einem Wort, einem Ruf, den wogende kämpfende Gefühle in seiner Brust noch erstickten.
Aber noch ehe er die Lippen überschritten, hatte sich die Scene verändert.
Mit Staunen hatten die stummen Zuschauer das seltsame Naturspiel betrachtet, das die beiden einander so fremden Wesen boten. Wie sie so dicht auf einander zugetreten, war die Aehnlichkeit zwischen ihnen deutlich, ja wahrhaft erschreckend. Das blasse krankhafte Antlitz des Irren trug unverkennbar die Züge des schönen kräftigen Gesichts des fremden jungen Offiziers – Augen, Nase und Mund boten dieselben Formen. Die merkwürdige Aehnlichkeit, dies Spiegelbild schien eben so auffallend auf den Irren zu wirken und den Eindruck der stimme und der Worte des Fremden fortzusetzen. Es kämpfte und rang offenbar in seinem Geist, gleich als wolle er eine schwere Last von sich schütteln. Seine hände wühlten krampfhaft in dem lockigen Haar – in dem Spiegel der Augen schien Verstand und Erinnerung zu dämmern.
Der gang der Ereignisse verhinderte die Katastrophe. Der Auftritt hatte noch andere Zeugen gehabt, auf welche der Anblick des nicht mehr durch die Brille entstellten Gesichts des Offiziers seine wirkung geübt.
Die Hand Michael Lasaroff's zeigte nach der Tür; seine Miene schien verwirrt nach der Bedeutung der seltsamen Scene zu fragen.
Eine andere fasste zugleich des Briten Arm. "Keine Bewegung, Fürst – um des himmels Willen schauen Sie nicht zurück, oder Sie sind verloren," flüsterte eine stimme an seinem Ohr. "Geschwind die Brille vor die Augen."
Neben dem englischen Offizier stand der Vicomte de Méricourt, gefolgt von dem Arzt und dem Baronet, und durch die geöffnete Tür schauten der SergeantMajor und das Geschwisterpaar Bourdon.
"Willkommen, Lieutenant Talbot!" fuhr der Vicomte mit Geistesgegenwart laut fort, "es freut mich, Sie hier zu treffen – die Aehnlichkeit des armen Burschen da mit Ihnen hat gewiss auch Ihr Interesse erregt!" Er war zwischen den Offizier und die Tür getreten, sein Auge traf zugleich bittend und verständigend den Arzt, und dieser trat zu Nini und ihrem Bruder, ihnen erzählend, dass der Fremde ein ihnen längst bekannter Offizier sei. Fabrice und der Corporal zogen sich sogleich respectvoll zurück.
Der Lieutenant-Colonel atmete tief auf, als er die nächste Gefahr so glücklich beseitigt sah. "Welche törichte Verwegenheit führte Sie hierher, Fürst?! General Pelissier lässt ohne Ansehen Jeden als Spion erschiessen, der in Ihrer Lage betroffen wird. Sprechen Sie – was kann ich – was können wir Alle tun, Sie zu retten; denn wir Alle danken Ihrer edlen Schwester Leben und Freiheit."
Fürst Iwan Oczakoff, denn Dieser war allerdings der verkleidete Russe, nahm, ohne ein Wort zu entgegnen, ein versiegeltes Briefpacket aus der Brusttasche und reichte es dem Vicomte.
"Für mich?"
Der Fürst nickte bejahend.
Méricourt riss die Emballage auf, ein Dokument, mit dem Siegel des Gouverneurs von Sebastopol bescheinigt und ein an ihn adressirter Brief waren darin. "Von de Sazé? – demnach ist er gefangen in Sebastopol?"
Das Auge des Fürsten wies traurig nach dem Brief, den der Vicomte rasch überflog. "Der Unglückliche – so hat er geendet?"
Der Fürst entfaltete eines der Papiere, es war der amtlich beglaubigte Todtenschein.
"O mein Gott – in seiner Blüte, als ihm das Glück lächelte!" Der Colonel presste traurig die Hand an seine Stirn. "Sein Vermächtniss, sein Wille soll mir heilig und all' meine Tätigkeit dem Recht seiner Gattin geweiht sein. Aber er starb in Ihrem haus, Fürst, gepflegt in seiner letzten Stunde von Ihrer hochherzigen Schwester, die ich mit Entsetzen jetzt in den tausend Gefahren jener Stadt