1855_Goedsche_156_139.txt

ich uns eine Flasche hole."

Er kehrte bald darauf zurück und schenkte ein. Von dem Platz, den sie gewählt, konnten sie unbemerkt den britischen Offizier beobachten.

"Peste!" murmelte der Sergeant-Major, "es ist wunderbar, wie ähnlich er dem blödsinnigen Jungen schaut. – Erinnerst Du Dich noch des Russen, der bei Inkerman mit seiner Pistolenkugel mir die Wange schlitzte? – Es ist, als ob der Teufel das verhenkerte Gesicht in alle Nationen der Welt hinein gehext hätte!"

"MorbleuDu hast Recht, Papa Fabrice, mich daran zu erinnern! Ob der Bursche am Ende gar ein falscher Engländer ist? – Ich will mich doch gleich überzeugen!"

Er erhob sich, nachdem sie die Flasche geleert, und schlenderte bei dem Tisch des Briten vorüber, wo er wie zufällig stehen blieb.

"Wollen Sie nicht unser Teater mit Ihrer Gegenwart beehren, mein Offizier?" fragte er auf Englisch. "Es wird ein prächtiges Stück aufgeführt und ich werde für einen guten Platz sorgen."

Der Fremde fuhr bei der unerwarteten Anrede zusammen, antwortete aber sogleich: "Später, mein Tapferer. Im Augenblick bedarf ich einer kleinen Erholung, denn es ist eine ziemliche Strecke von Kadikoi bis hierher."

"Ach, Sie kommen gewiss, das Bombardement mit anzuschauen. Man wird es prächtig von hier sehen, das französische und britische Feuer in einem Ueberblick."

"Und wann soll es beginnen, mein Freund?" fragte der Engländer, aufmerksam geworden, mit einiger Unruhe.

"AhGeneral Pelissier ist von noblem Charakter. Er wird uns nicht in unserm Vergnügen stören. Unsere Landsleute am weissen Berg müssen ja auch zuvor ihr Steeple-chase abhalten, wie sie ihre Hundejagd nennen. Ich denke so gegen fünf Uhr, Sir. Aber das wird gar Nichts sein gegen unsern Sturm morgen. Sie wissen doch, dass das dritte Zuaven-Regiment die enfants perdu bilden wird?"

"In der Tatich wusste es nicht!"

"O dann müssen Sie morgen wieder hierher kommen oder hier bleiben und den Spass ansehen, wenn der Dienst Sie nicht bindet. Auf Wiedersehen, mein Offizierich höre meine Kameraden mich rufen, aber ich komme es Ihnen zu sagen, wenn der zweite Act beginnt!"

Er entfernte sich nach dem Ausgang der Cantine, wo Fabrice mit der Marketenderin Nini sich unterhielt, während daneben das Publikum eben einem Couplet der Fürstin Mulaschpulaschkin donnernden Beifall klatschte. "Wir haben uns getäuscht, Papa Fabriceder Herr ist ein veritabler Engländer, der aus reinem Zufall dem armen Jean so ähnlich sieht."

Eben traten der Vicomte, der Arzt und der Baronet zu der Gruppe. – ––––––––––––––––––––––––––––

Der schwachsinnige Bursche, der Gerät von den Tischen der Cantine fortgeräumt, schlich wieder zurück nach dem hintern, für die beiden Kranken und Gefangenen bestimmten Raum, wo er den grössten teil seiner Zeit zubrachte.

Er war kaum durch die Tür verschwunden, so erhob sich der britische Offizier, nachdem er einen raschen blick in der Cantine umher geworfen und sich unbemerkt gesehen hatte und folgte dem Blödsinnigen.

Er legte die Hand auf den Drücker der Tür und horchte einen Augenblickim nächsten schloss sie sich hinter ihm. ––––––––––––––––––––––––––––

In dem halb von Seegeltuch, halb von Holzwerk gebildeten Seitenbau der Cantine lag auf einem Feldbett, den Kopf in eine Binde gehüllt und von einem hohen Kissen gestützt, regungslos die abgezehrte Gestalt von Gregor Caraiskakis.

An seinem Bett sass stumm, die dunklen Augen fast bewegungslos auf sein Gesicht geheftet, Abdallah ben Zarujah, der Emir aus der Hedjas, und am andern Ende der stumpfsinnige Schützling Nini's.

Auf der andern Seite des Gemachs stand Michael Lasaroff, seinem kranken Leidensgefährten von dem Besuch des Generals Pelissier und was er von dem Bombardement und dem bevorstehenden Angriff auf die Festungswerke erlauscht, erzählend.

Weder die Anwesenheit Jean's, der sich mit sichtlicher Vorliebe an den jungen Unterfähnrich angeschlossen und aufmerksam den russischen Liedern lauschte, die dieser manchmal zum Zeitvertreib sangnoch die des Arabers schien den Erzähler zu stören. An Beide war man gewöhnt, denn der Emir erschien, wie bereits in dem Gespräch der Zuaven erwähnt worden, fast täglich in der Cantine, um nach seinem Gefangenen zu sehen, dessen Genesung er sehnsüchtig zu erwarten schien, obschon die stolze Würde seines Volkes ihm Ruhe und Geduld gab. So pflegte er, wenn der Dienst ihn nicht abhielt, eine bis zwei Stunden neben dem Kranken zuzubringen, die Augen auf sein Gesicht geheftet.

Auch dieser selbst schien sich an den Besuch gewöhnt zu haben, dessen Ursache gleichwohl Jedermann ein Rätsel war. Doctor Welland hatte an diesem Nachmittag dem Krieger der Wüste mitgeteilt, dass der kranke Grieche nach Constantinopel, behufs seiner bessern Heilung, geschafft werden solle und der Araber sass seitdem in ernstem Nachsinnen über die gewöhnliche Zeit seines Besuchs hinaus.

Zwei Augenpaare waren aufmerksam auf die erzählenden Lippen des jungen Russen geheftet, gleich als wollten sie jedes Wort verschlingen. Wir wissen, dass die einzige Lebenstätigkeit in dem fast völliger Apatie unterlegenen Körper des griechischen Capitains in den Augen lag, durch die sich das volle Seelenbewusstsein aussprach. Diese Augen drückten jetzt deutlich die Teilnahme des vielgeprüften Mannes, des treuen Bundesgenossen der Russen, an der Gefahr aus, welche die Festung bedrohte, und den Schmerz, hilflos hier liegen zu müssen.

Im seltsamen Gegensatz schien die innere geistige Tätigkeit des zweiten Aufhorchenden Null, während er körperlich im vollen Besitz