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ohne Antwort abzuwarten, sein Pferd.

"Oberst Maurelhan-Polkes," fuhr der Ober-General fort, das Regiment scheint mir allerdings etwas ausser Zucht und ich muss Sie bitten eine grössere Strenge eintreten zu lassen. Um den Uebermut etwas zu dämpfen und zu bestrafen, soll das Regiment morgen die Spitze nehmen beim Sturm auf den Mamelon. Lassen Sie daher die Brigade Vergé die Stellung im Dokowaja-Grund einnehmen und die erste Brigade den Angriff machen, C a m o u !

Ein donnerndes "Vive l'Empereur!" "Vive le général Pelissier!" erschütterte bei dieser Strafbestimmung rings umher die Luft. Die Zuaven geberdeten sich wie wahnsinnig; sie umringten, vorstürzend, den General, sie umarmten und küssten die Füsse seines Pferdes, sie schwenkten die grünen Shawls ihrer Kopfbedeckung durch die Lust und trieben tausend tolle Possen.

"Das ist unbillig, General Pelissier," sagte ernst Pontèves, der von der Garde-Suite allein noch zurückgeblieben war. "Diese Genugtuung hätte zum Mindesten den Garden gebührt und ich hatte Ihr Versprechen für meine Brigade bei der ersten gelegenheit und mahne Sie jetzt daran."

Der Ober-General klopfte ihn freundlich auf die Schulter. "Sei vernünftig, Pontèves, wenn es Ernst gilt auf den Malachof, sollst Du mit Deinen Grenadieren nicht fehlen, auf mein Wort. Der Mamelon ist ein Vorposten und den zu nehmen das Gesindel da gerade gut, das tolle Blut wird dabei genug decimirt werden, und nach dem Gefecht die Freundschaft wieder hergestellt sein. Ich kenne das und schicke deshalb Deine Brigade in die Trancheen, damit heute Ruhe bleibt. – Ist es gefällig, meine Herren, wir haben viel Zeit verloren! – Adieu, Kinder, und beeilt Eure Vorstellung, damit Euch die meine nicht stört!"

Er galoppirte unter dem Zuruf der Menge in weit besserer Laune davon, als er hergekommen; gefolgt von der ganzen Suite. ––––––––––––––––––––––––––––

Der Ober-General und sein Stab waren noch nicht in der Schlucht verschwunden, als das ausgelassenste Leben und Treiben in dem Lager dieser Männer begann, die Narren und Kinder in ihrem Müssiggang, Löwen und Helden im Gefecht sind! Die Nachricht von dem bevorstehenden Kampf lief wie ein Blitz durch die Zeltreihen der ganzen Brigade und schien, trotz der brennenden Mittagshitze, Alles zu elektrisiren. Selbst die Offiziere waren von dem allgemeinen Taumel angesteckt. Ueberall waren Kreise und Gruppen in lebhafter Demonstration, vor dem Teater sammelten sich dichte massen, nahmen die Plätze bunt durch einander um den eingeschlafenen britischen Matrosen ein und schrieen nach dem Beginn des Schauspiels und nach Musik, die Lieblingslieder und den Sturmmarsch zu spielen. In der Tat winde auch die Ruhe erst einigermassen hergestellt, als die Musiker, in einem Erdloch vor der Bühne postirt, den Zuavenmarsch begannen, der Vorhang in die Höhe ging und die sämtlichen dramatischen Künstler in den absurdesten Aufzügen in einer Reihe gruppirt erschienen, während Lebrigaud an ihrer Spitze mit einer entsetzlichen stimme den Text des Liedes brüllte, in dessen Chor bald die ganze Versammlung einfiel, dass die Melodie weitin durch die von der Sonnenglut zitternde Lust erklang.

Während dieser Scenen, die so wechselnd und belebt das allgemeine Interesse in Anspruch nahmen, hattengleichsam hinter den Coulissenandere Auftritte gespielt, die nicht minder wichtig und fesselnd waren für die einzelnen Personen unserer Erzählung.

Michael Lasaroff, der gefangene Unterfähnrich, war bei dem erscheinen der Cavalcade des OberKommandanten neugierig, wie es die Jugend ist, an ein offenes Fenster der Cantine getreten, die Feldherren zu sehen, während Nini, mit der Anklage gegen ihren Bruder noch unbekannt, neben ihm stand und ihm die Namen der Generäle nannte. Plötzlich fuhr der Jüngling zurücksein blick war auf eine ihm wohlbekannte Gestalt getroffen, einen alten Mann in Civilkleidung, die aber den früheren Krieger nicht zu verbergen vermocht hätte, auch wenn das Kreuz der Ehrenlegion auf der Brust und zwei tiefe Narben im Gesicht, von denen die eine sich am Schädel verlief, darüber in Zweifel gelassen hätten.

Der Greis ritt in der Suite des Generals en Chef. Sein Auge musterte traurig und ernst die bunten Kriegergruppen. Eine kurze Wendung weiterund es hätte gefunden, was es so sehnsüchtig suchte.

Der junge Unterfähnrich war lebhaft bewegtBlässe und fliegende Röte wechselten auf seinem von dem Wundlager noch angegriffenen Gesicht. Dann schien er seinen Entschluss gefasst zu haben und zog sich hastig, wie vor einer Entdeckung fliehend und zur Verwunderung seiner Beschützerin Nini, in die ihm angewiesene Abteilung der Cantine zurück. ––––––––––––––––––––––––––––

Die kurze Unterredung, welche der zum Arrest befohlene Grenadier-Offizier mit Madame Celeste geflogen, hatte doch genügt, dem Schicksal der Eitlen und Leichtsinnigen eine neue Wendung zu geben. Die Anwesenheit von Frauen im Lager ohne bestimmten militairischen Einrichtungen entsprechenden Beruf war zwar von beiden Ober-Feldherren untersagt, das Verbot wurde aber vielfach und unter allerlei Vorwänden umgangen.

In dieser Weise war auch Madame Bibesco von ihrem Entführer, dem kapitän de Sazé, während des Winters im Lager von Kamiesch untergebracht worden und hatte dort die Leiden und die Not der Armee weniger empfunden. Erst als ihr Beschützer und zeitweiliger Geliebter gefallen oder wenigstens verschwunden war und sie dadurch in allerlei Verlegenheiten geriet, hatte sie den Vicomte de Méricourt, als den ihr bekannten Freund desselben, aufgesucht und dabei Nini Bourdon in ihrer neuen Lage wiedergetroffen. So peinlich und unangenehm in vieler Beziehung ihr auch die Begegnung mit der früheren Freundin und deren gefährten sein mochte, hatte die Klugheit ihr doch geboten, das