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Indess er ist der Jüngste von uns und hat Zeit. Wer kommt dort?"

Er deutete nach der Bergseite, die nach Südosten führte und auf deren Abhang eine Reitergruppe von den entfernten Lagerplätzen der Garde herkam. "Parbleuich glaube, das ist Mellinet, der mich zu quälen kommt. Vorwärts, meine Herren, zur Victoria-Redoute!"

Ehe jedoch der Stab sich in Bewegung setzen konnte, sprengte der Commandeur der Garde-Division, General Mellinet, mit seinen beiden Divisionairs, den Generalen Ulrich und Pontèves, und mehreren Offizieren der Garde-Regimenter, herbei und schnitt dem Ober-Kommandanten gleichsam den Weg ab.

Als General Pelissier sah, dass er nicht mehr entkommen konnte, blieb er, verschiedene Verwünschungen murmelnd, auf der Stelle halten. Es war bekannt, dass er mit den obern, seinem Kommando untergebenen Offizieren häufig nicht besonders höflich umsprang und weit eher den Soldaten und unteren Graden etwas nachsah; namentlich erfreuten sich die Garden nicht gerade besonderen Vorzugs.

Um diese Tatsachen schien sich General M e l l i n e t jedoch wenig zu kümmern, als er gerade auf den Ober-General zuritt und kalt salutirte.

"Es freut mich, dass Sie kommen, Mellinet," sagte dieser, offenbar irgend einem Anliegen vorbeugend, "ich vermisste überhaupt heute die Herren von der Garde bei dem Besuch im britischen Hauptquartier; Sie können mich nach der Victoria-Redoute begleiten."

"Verzeihen Eure Excellenz," sagte der Angeredete kalt und fest, "ich muss um einige Augenblicke Gehör bitten und bin dazu hierher gekommen, da ich hörte, dass der Stab diesen Weg genommen."

"Nun, sprechen Sie unterwegs, ich habe EileSie werden wissen, dass das Feuer in drei Stunden beginnen muss."

"Ich habe nicht die Ehre, Eurer Excellenz Anordnungen schon zu kennen," beharrte der General, der wohl merkte, dass der Ober-Kommandant ihm zu entkommen suchte, "aber ich muss bemerken, dass die Sache sich am besten hier an Ort und Stelle entscheiden lassen wird."

"Meinetwegen denn! bitte, was wünschen Sie?"

"Ich komme im Namen der Garden Beschwerde zu führen, über Beleidigungen und Verhöhnungen, die man sich fortwährend gegen sie erlaubt."

"Ach. Larifari, die alte Leier von den ewigen Zänkereien," schrie der Ober-Kommandant. "Lassen Sie mich endlich damit ungeschoren, wenn Sie keine bestimmten Beschwerden anführen können. An allen Streitigkeiten hat ein teil so viel Schuld als der andere."

General Mellinet schien in Voraus entschlossen, Ruhe und Gelassenheit zu behalten, obschon die Behandlung ziemlich impertinent war und sein Gesicht sich zu röten begann; er begnügte sich daher, dem Ober-Befehlenden ein Papier mit den Worten zu überreichen: "Ich bitte Eure Excellenz, dies zu lesen."

Pelissier entfaltete das Blattes war eines der Plakate, welche man an die Zelte der Garden während der Nacht angeheftet hatte und dessen Inhalt wir bereits erwähnt haben.

Der künftige Marschall las das Pamphlet und brach dann in ein schallendes Gelächter aus. – "Mort de ma vie! Gestehen Sie, Mellinet, der Witz ist nicht übel. Ich bitte, Rivet, lesen Sie das Dings da!"

Er reichte mit baucherschütterndem lachen das Blatt dem Generalstabs-Chef, aus dessen Hand es die weitere Runde machte, während die Offiziere der Garde bleich und rot vor Zorn wurden.

"Gottes Blut," sagte endlich der General Pontèves, dessen Gesicht dunkelrot zu glühen begann, "wir sind nicht hier, um Ihr Gelächter zu hören, meine Herren, sondern um Genugtuung für dir Beleidigung zu fordern."

"Ah, sieh da, Pontèves," rief der Ober-General, "sei verständig und lache über den Scherz. Das ist das Beste, was die Herren tun können, denndie Angelegenheit der Trancheers ist doch nun ein Mal Wahrheit."

"Excellenz," sagte General Mellinet mit scharfem und erhobenem Tone, "wie dem auch sei, wir kommen nach gepflogener Beratung mit unsern OffizierCorps, um zwei Dinge zu verlangen. Das Erste ist, dass Sie den Garden gestatten, auf ihr Vorrecht Verzicht zu leisten und in dem Trancheendienst abzuwechseln, wie jeder andere teil der Armee; – das Zweite ist eine strenge Untersuchung wegen des angetanen Schimpfes, der bereits Blut gekostet hat und noch mehr kosten wird, wenn Euer Excellenz uns Ihr Einschreiten verweigern."

Der Ober-General sah den Redner von der Seite an, doch mochte er sich der Sache vor dem sardinischen Ober-Kommandanten schämen, denn er sagte ärgerlich: "Was ist's damit? reden Sie deutlich und klar, Herr General!"

"Es haben in Folge dieses Schimpfes heute Morgen bereits drei Duelle stattgefunden und ein Sergeant der Grenadiere ist dabei erstochen worden," sprach der Ankläger. "Die Soldaten der ganzen Division sind wütend, ausser sich, – und ich kann Euer Excellenz nicht für ausgedehnte Excesse einstehen, wenn die Täter nicht sofort bestraft werden."

Die Falte zwischen des Ober-Generals Brauen hatte sich vertieft, in den Krähenfüssen um die Augenwinkel lag Hohn mit aufsteigendem Zorn gemischt, als er fragte: "Das sind Alles allgemeine Anschuldigungen, General Mellinet, aber wer ist der Täter?"

"Es sind Zuaven vom dritten Regiment," sagte Pontèves barsch. –

Der Oberst des dritten Zuaven-Regiments, de Bonnet-