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Dinge in einer unverteidigten Stadt begangen haben, die uns der Schmähung von ganz Europa aus setzen werden."

"Mordioux! um das zu sagen, – warum braucht man da die Anwesenheit der Beafsteaks zu fürchten!" rief ein Offizier.

"Wenn Sie die Güte haben wollen, mir Ihre Zeit zu bestimmen, kapitän Parquez," sagte der MarineLieutenant höflich, "so hoffe ich Sie zu überzeugen, dass es der Mannschaft der Veloce in keiner Weise an Mut fehlt."

"Unsinn! Estas en vestra camisa? Davon kann keine Rede sein! kapitän Parquez hat nicht daran gedacht, an dem Ruf der Männer von der Veloce zu zweifeln. AusserdemSie sind mein Gast."

Der gascognische kapitän murmelte einige Worte. "Kommandant de Narbonne Lara hat vollkommen meine Meinung ausgedrückt."

Der See-Offizier verbeugte sich freundlich. – "Auch tat ich die Frage nur, weil ich nicht Unbeteiligte verletzen wollte. Die Art und Weise aber, wie unter den Augen des Generals Brown und Vice-Admirals Lhons von den englischen Soldaten und Matrosen verfahren wurde, war empörend."

"Man hörte doch von einem Befehl des britischen General Brown," bemerkte ein Offizier der Chasseurs d'Afrique, "dass jeder Mann, der nach Dunkelwerden in der Stadt betroffen würde, g e p e i t s c h t werden solle?"

Allgemeines Gelächter. – "Der Befehl existirt," bestätigte der Lieutenant der Veloce, "aber er galt nur in Jenikale und passt übrigens für englische Soldaten und Matrosen. Unter unseine grosse Verteidigung der Küste und des Zugangs zum Asow'schen Meer fand nicht statt, die wenigen Batterieen wurden von der Flotte bald zum Schweigen gebracht und Kertsch ohne Widerstand übergeben."

"Die Russen sollen über Hals und Kopf sich auf allen Punkten zurückgezogen haben?"

"Das ist ihr System. Die Geschütze wurden unbrauchbar gemacht, die Magazine geleert oder gesprengt. Die ganze Küste glich in der Nacht, nachdem wir bei Ambalaki gelandet, einer Reihe ledernder Vulkane. Dennoch fand die verbündete Armee noch kolossale Vorräte nicht allein in den Schiffsarsenalen, sondern namentlich an Getreide in den Magazinen."

"Ei, so hoff' ich, werden uns die Commissaire bald ein besseres Brot liefern, als das hier auf meinem Messer."

"Täuschen Sie sich nicht, Lieutenant Brande," lachte der Schiffsoffizier. "Bei meinem Abgang hatte die Flotte bereits 248 Schiffe mit Getreide vernichtet und in Kertsch allein wurden über 2 Millionen Kilogramms verbrannt."

"Ader doch bloss Vorräte der Regierung?"

"Ich glaube nicht, – man hat keinen Unterschied zwischen dem Privateigentum der Kaufleute und den Vorräten der Regierung gemacht. Selbst das grosse Magazin des österreichischen Consuls, das geschickt unter der Form einer Villa versteckt war, wurde angezündet. General d'Autemarre schlug zwar vor, die Getreidemassen nach Constantinopel und unseren Lägern zu schaffen, oder wenigstens allen französischen und englischen Kauffahrern in Kamiesch und Balaclawa zu gestatten, hier umsonst Ladung zu nehmen, aber unsere Verbündeten eilten, ihren Hauptzweck zu erfüllen: den Russen möglichst viel materiellen Schaden zuzufügen."

"Sie wollten uns die Zerstörung von Kertsch erzählen, Kamerad," sagte der Kommandant des zweiten Bataillons, d ü M o u l i n .

"Wir rückten am Freitag, den 25., ein, marschirten aber sofort nach Jenikale weiter, indem nur eine kleine Abteilung Franzosen, dagegen ein Regiment Engländer und der grösste teil der Türken unter Reschid Pascha zurückblieb. Ausserdem war eine Zahl britischer Matrosen und Marinen gelandet und hatte den Auftrag, die Regierungsfabriken und eine Privatfabrik zur Verfertigung von Miniékugeln und Patronen zu zerstören. Viele der wohlhabenderen Bewohner und die Beamten hatten mit der russischenwie ich hörte, wenig über 2000 Mann starkenBesatzung die Stadt verlassen. Die Zurückgebliebenen aber kamen den Truppen an den Toren nach ihrem Landesbrauch mit Brot und Salz entgegen, und es wurde ihnen Schutz des Lebens und Eigentums zugesagt. – Wie gesagt, unsere Truppen rückten noch an dem Vormittag weiter, kaum aber hatten sie die Stadt verlassen, so begannen die abscheulichsten Scenen der Plünderung. Die Türen der verschlossenen Häuser wurden erbrochenwas nicht fortgeschleppt werden konnte, mutwillig zertrümmert. Mord und Notzucht wüteten in allen Strassen, die Horden der Zigeuner und der Tataren machten bald mit den Soldaten und Matrosen gemeinschaftliche Sache und führten sie von Haus zu Haus der russischen Kaufleute und Handwerker, ihnen dort neue Opfer der Habsucht oder der Wollust zeigend. Die Bevölkerung unterlag, völlig wehrlos, der viehischen Brutalität und es wurden Taten verübt, deren sich Karaiben schämen könnten!"

"Und geschah Nichts, dem zu steuern?"

"kapitän Fontain schickte täglich Patrouillen aus, so lange wir auf der Rhede ankertenaber was halfen die Wenigen, die nicht einmal das Recht hatten, gegen die Engländer einzuschreiten! Ich selbst schoss einen türkischen Marodeur nieder, der betrunken die Strasse daher taumelte, auf seinen blutigen Säbel einen Säugling gespiesst5. In fast allen Häusern waren Fenster und Türen zertrümmert, die Möbel zerschlagen, die Betten und Matratzen aufgeschlitzt aus blosser Zerstörungslust. Die Plünderung dauerte noch fort, als wir am 3. zurückstellen. Wäre sie nicht von so abscheulichen Scenen begleitet gewesen, man hätte lachen müssen über die Unvernunft dieser Raubsucht. Ich sah Matrosen sich müde schleppen an einem alten Lehnstuhl, an schweren Federbetten oder an einem hölzernen Heiligenbild mit einer Glorie von Blech um den Kopf. Einzelne machten freilich vorzügliche