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wurde, er nach der Vorschrift angemeldet ist, nur Ihre Bitte und das Wohlwollen, das ich für den Knaben selbst fühle, bewogen mich, ihn aus Veranlassung seiner leichten Wunden als krank und in Privatpflege anzugeben. Aber der gestrige Tagesbefehl verordnet auf's Strengste die Ablieferung aller Gefangenen in's Haupt-Depot und der Kranken in die Lazarete, und Doctor Welland hat nicht länger zögern können, ihn als gesund zu melden."

"Fi donc! der abscheuliche Doctor!"

Der Offizier lächelte. "Ich kann jetzt in Wahrheit Nichts weiter tun, da der Bursche selbst die Abgabe seines Ehrenworts verweigert. Bringen Sie Ihre Bitte bei Oberst Polkes anvielleicht übernimmt er die Verantwortung."

"Brrr! Nein, mein Kommandant," lachte, sich schütternd, das Mädchen – "lieber einer Batterie entgegen! Monsieur le Colonel ist ein wilder Bär und ich weiss sehr wohl, dass nur Ihrem Schutz das arme Kind die erlaubnis zu danken hatte."

"AlsoMademoiselledie Dienstgeschäfte zwischen uns sind erledigtund nun zu Tische!"

"Sie sollen sogleich bedient werden, mein Kommandant, denn Sie sind eine Perle aller Stabsoffiziere." Ein koketter galanter Knix, und die hübsche Marketenderin sprang davon. – – – –

Die Mittagsstunde war heran gekommen und die Soldaten lagerten vor ihren Zelten um die Feldkessel, oder waren noch mit der Zubereitung der Menagen beschäftigt. In den Küchengräben loderten lustig ganze Reihen kleiner Feuer, vor den Cantinen und Marketenderbaracken dinirten die Gruppen der Offiziere mit den seltsamsten Tafelarrangements, auf Fassböden, rohen Tischen oder dem Rasen. Ueberall Heiterkeit, Gelächter, bunte Unterhaltungkeine Spur des grausigen Kampfes, wenn nicht von Zeit zu Zeit ein dumpfer, ferner Kanonenschlag herüber gedröhnt wäre und eine leichte weisse Rauchwolke sich aus der Ebene in die lichte, von der Hitze vibrirende Lust emporgekräuselt hätte, die Lage der Trancheebatterieen anzeigend. Regelmässig antwortete darauf ein gleicher Knall, ein gleicher Rauchwirbel aus den lang hingestreckten braunen Erdwerken der Festung. Seit einer Viertelstunde jedoch war auch dieses eherne Fragund Antwortspiel verstummt, denn es war nachgerade auf beiden Seiten Gewohnheit geworden, ausser an Tagen scharfen Bombardements, um die Mittagszeit von 12 bis 3 Uhr das Feuer gänzlich einzustellen.

Die Aussicht vom Abhang des Sapun war prachtvoll und das Panorama der Bucht von Sebastopol im Hintergrund von den Bergwänden der Nordforts geschlossen, lag in voller Ausbreitung vor den Augen. Die Höhe des Sapun war ungefähr 5- bis 6000 Schritt von dem User der Rhede in gerader Linie entfernt, der blick beherrschte dieselbe bis zu den Forts Alexander und Constantin und tauchte dann weit hinein in die Lichtreflexe des anscheinend unbeweglichen Meeresspiegels, von dem sich in einzelnen dunklen Punkten die vor dem Eingang stationirten Schiffe der alliirten Flotte oder ein nach Eupatoria ziehender Dampfer abhoben. Die Luft war so klar und durchsichtig, dass man auf der Rhede selbst mehrere der Takelage und des Spierenwerks beraubte, noch vorhandene russische Dreimaster genau überschauen, die Boote über die Süd- und Schifferbucht kreuzen, ja in den Strassen der Stadt die Soldatenzüge sich bewegen sehen konnte. Während links der Laboratornaja-Grund längs des grünen Hügels zur Südbucht zog, durchfurchten rechts der Dokawaja-, Kilen- und Steinbruchgrund die gelbe Fläche, auf der die Trancheen und Batterieen sich wie dunkle Zeichnungen hervorhoben, bis östlich über die Tschernaja hinweg, seitwärts der Ruinen von Inkerman, das von den hellen reflectirenden Farben geblendete Auge einen angenehmen Ruhepunkt an den Weinbergen der Meierei Bugharinaja fand.

Quer über die Südbucht sah man eine Anzahl russischer Linienschiffe in zwei Reihen ankern und ihre furchtbaren Breitseiten dem Einschnitt des Kirchhofs zwischen dem Redan (Bastion III.) und dem Malakoff (Kormlowski-Bastion) über die weissen Häuserreihen der Vorstadt zukehren. Das Ganze bot allerdings ein interessantes militairisches Bild, doch nur das Auge eines Eingeweihten oder eines Genieoffiziers hätte zu erkennen vermocht, dass einer jener wütenden Kämpfe in wenig Stunden bevorstand, deren Donner Himmel und Erbe erschütterten, die mit Blut und Leichen den Felsenboden der Krimm düngten. Einzelne Truppenkolonnen, die sich im Schutz der Bergrücken und Schluchten zu sammeln begannen, ein stärkerer Zug der Munitionskarren und Lasttiere nach den Batterieen, bildeten allein diese Anzeichen für den Kundigen.

Unter einer Korkeiche, deren mageres Schattendach noch durch ausgespannte Leinentücher verstärkt war, sass, um einen niedern schmalen Tisch von Fichtenbrettern, eine Anzahl französischer Offiziere, meist zu dem hier lagernden dritten Zuaven-Regiment gehörig, dazwischen die Uniformen verschiedener anderer Corps, Artilleristen der auf dem Sapunhügel erbauten Mörserbatterie, und zufällige Gäste, darunter zwei Offiziere der sardinischen Bersaglieri.

Die Unterhaltung flog bald heiter, bald ernst über hundert verschiedene Gegenstände und kreuzte sich in Scherzen und Mitteilungen, bis dazwischen wieder die Erzählung Eines oder des Andern eine allgemeinere Aufmerksamkeit für kurze Zeit fesselte. Der seltenste Gegenstand, der berührt wurde, war auffallender Weise das bevorstehende Bombardement.

"Sie trafen gestern in Kamiesch ein?"

"Die Veloce warf vorgestern Abend Anker. Wir brachten die Nachrichten, die das Bülletin gestern veröffentlicht hat."

"Man hört schöne Geschichten von Kertsch, Herr Kamerad von der See? Wenn nur die Hälfte wahr ist, muss es verteufelt locker dort zugegangen sein."

Der Marineoffizier sah sich vorsichtig um. "Sind Engländer am Tisch?"

"Dass ich nicht wüsste! Neinwir sind zufällig noch unter uns!"

"Dann, meine Herren, muss ich Ihnen sagen, dass unsere werten Verbündeten, die Engländer und Türken, sich auf das Abscheulichste benommen und