1855_Goedsche_156_127.txt

jeder: Mies!?"

Ein brüllendes Gelächter belohnte den schlechten Witz.

"dafür behandeln ihre Damen sie en Canaille! Sie sagen Mylord, und Mylord ..."

"Ist ein Hundename!" – Neues Gelächter, während dessen der Brite, der, ohne Ahnung von der Beleidigung seiner Nation, mit grämlichem blick umherstarrte, in einer der Gruben vor Anker gebracht wurde, die vor der Bühne das Parquet bildeten. ––––––––––––––––––––––––––––

Aus den hintern Räumen der Cantine kamen langsam im Gespräch drei Männer, denen ein kaum über dem Knabenalter stehender Jüngling, in ein russisches Capôt gehüllt, den linken Arm in einer Binde, die Stirn gleichfalls umwunden, folgte.

Die drei Männer waren der Lieutenant-Colonel Méricourt, der deutsche Arzt, jetzt Medecin-Major der dritten Zuavenund Sir Edward Maubridge.

"Es tut mir leid, Monsieur de Lasaroff, dass ich Sie in das Gefangenen-Depôt abliefern muss," sagte der Vicomte, "aber da Ihre Wunden so gut wie geheilt sind, muss ich meiner Pflicht Genüge leisten, wenn Sie Ihr Ehrenwort verweigern."

"Mein Herr," sagte der Jüngling schüchtern, "ich glaube nicht, dass Sie mich deshalb tadeln werden."

"Nicht im Geringsten, – das ist Ihre Sache! Aber da der Doctor heute sich dafür ausgesprochen hat, dass Ihr Schicksalsgenosse, der griechische Offizier, mit erster gelegenheit nach Constantinopel zur bessern Pflege gebracht werden soll, muss ich den Posten einziehen, der Sie Beide bewacht, und Sie in's Hauptquartier einliefern, damit man über sie verfügt."

Der Jüngling verbeugte sich schweigend und setzte sich in trübem Nachdenken an einen der Tische in der Nähe des Verschlages nieder.

Die drei Männer blieben unsern des Comptoirs, an dem jetzt Celeste beschäftigt war, nach Nini's Dictat eine Anzahl Speisekarten auszufertigen, in ernstem Gespräch stehen. Die Strapazen des Winters und des Feldlagers zeigten sich in den gebräunten festen Gesichtern des Colonels und des Arztes, während die Gestalt des Baronets noch hagerer und gebeugter erschien, als da wir ihm zuletzt begegnet, in den Schreckensscenen von Schloss Aja. Er war in die Farbe der Trauer gekleidet, der Flor um seinen Hut galt dem gemordeten Bruder, die eingefallenen Wangen zeigten die hektische Röte, dieses gefährliche Kennzeichen innerlich verborgener schleichender Krankheit. Dennoch lag in seinem Auge, in seiner Haltung eine gewisse Kraft und Entschlossenheit, ein Daransetzen des ganzen Denkens und Lebens an einen bestimmten Zweck.

"So sind Sie also der Ansicht, dass Herr Caraiskakis die Ueberfahrt aushalten kann?" fragte er zu dem Arzt gewendet.

"Ja, Sir. Lassen Sie mich den unglücklichen Zustand meines Freundes noch ein Mal recapituliren, und Ihnen meine Ratschläge geben, denn leicht dürfte dazu in den nächsten Tagen nicht Zeit sein."

"Ich bitte Sie darum."

"Als Sie nach unserer merkwürdigen Rettung aus dem Felsenschloss der Palta, die zwei mir teure und gute Menschen, gegen welche ich mir leider schweren Undank vorzuwerfen habe, in's Verderben stürzte, – zu mir kamen, Sir Edward, gebeugt von dem schrecklichen tod Ihres wackern Bruders; – als Sie offen und männlich das begangene Unrecht bekannten und meine Vergebung verlangten, dass Sie mich einem schmachvollen tod überliefern gewellt –: da reichte ich Ihnen aufrichtig die Hand und versprach Ihnen meinen geringen Beistand; – denn wir trugen eine gemeinsame Erinnerung an Wesen im Herzen, die Tod und Schicksal von uns gerissen."

"Aber Ihre Erinnerungen, Sir," unterbrach ihn finster der Baronet, "waren rein, – an den meinen klebt die Schuld, und das Grab gibt seine toten nicht wieder!"

"Diona ruhe in Frieden! Ihr seliger Geist möge den bittern Hass zwischen Ihnen und ihrem Bruder sühnen helfen. – Ich begriff, dass Ihr Leben und Denkenzuerst vielleicht aus Eigensinn und Laune, später von der stimme des Gewissens gefestigteinzig an der Erlangung Ihre Kindes hing das Gregor Caraiskakis Ihnen verweigert, ja, von dem Sie nicht mehr als seine Existenz wissen, nicht einmal das Geschlecht. Ich begriff dies Gefühl; denn ich empfand, dass ich selbst mein Leben opfern könnte für ein Kind, welches das meine wäre. Ich versprach Ihnen, wie gesagt, meinen Beistand, da Sie nicht von den Mauern Sebastopols weichen wollten, hinter denen Sie Ihren Gegner und vielleicht auch das Pfand seiner Rache glaubten."

"Der Erfolg hat es bewiesen!"

"Sie haben RechtGott selbst hat durch eine seiner wunderbaren Fügungen die Lösung des Rätsels in Ihre Hand gelegt und es dennoch auf's Neue verwickelt. Der Handjar des jungen Arabers, der jetzt da drinnen bei seinem Opfer sitzt und dessen Beziehungen zu Gregor Caraiskakis mir selbst fremd sind, hatte den Kopf meines unglücklichen Freundes gespalten bei dem nächtlichen Angriff der griechischen Freischaar und der Russen auf die britischen und türkischen Batterieen am Mamelon. Es war nicht Zufall, sondern des Allmächtigen Fügung, die Sie am Morgen auf die Kampfstätte führte und den Schwerverwundeten erkennen und aus den Händen der unwissenden Türken retten liess."

"Sie, Doctor, waren der erste Gedanke, der mir einfiel; ich wusste, dass Sie sein Freund waren."

"Ich danke Ihnen für das Vertrauen gegen mich. Sein Fanatismus, der ihn zum Verrat selbst an der Freundschaft führte, hat uns getrennt, aber ich wäre ein schlechter Mann, hätte sein Unglück nicht jede Erinnerung an seine Verschuldung getilgt und nur das Andenken an unsere