1855_Goedsche_156_126.txt

Kränzen waren auf den anderen Fingern ausgestochen, seine musculösen arme wahre Bilderrollen, gleich der berühmten Gallerie Leporello's. Die ganze Armee kennt ihn und weiss, dass er schon zwei Mal zum tod verurteilt und zu langjähriger Kerkerstrafe und Kugelschleppen begnadigt wurde. Er ist 1840 bei der afrikanischen Armee unter den Zephyren eingetreten und schon zwei Jahre darauf verging er sich gegen seine Vorgesetzten der Art, dass das Kriegsgericht das Todesurteil fällte. Aber Marschall Bugeaud brauchte einen Mann, dem er eine gefährliche Sendung durch das Land der Kabylen auftragen wollte, und Lebrigaud erbietet sich dazu. Er führt seinen Auftrag unter tausend Gefahren aus und der Marschall erlässt ihm die Strafe. Im Jahre 1850 wurde er zum zweiten Mal begnadigt, nachdem er seinem Corporal im Zank um ein Mädchen ein Ohr abgehauen und aus Eifersucht gegen den Bevorzugten die geschichte selbst angegeben hatte. Für die Almaschlacht hat er von Canrobert die Tapferkeitsmedaille erhaltener gehört vor Sebastopol zu den enfants perdu und man erzählt hundert waghalsige Streiche von ihm.

Das ist der Bursche, den Bourdon herbeiführt. Die Physiognomie des Zuaven hat durch einen frischen, ziemlich schlecht zusammengeflickten Säbelhieb nicht besonders gewonnen, der ihm die linke Wange gespalten, aber Lebrigaud kümmert sich wenig darum.

Ein Geschrei und Gelächter empfängt ihn, um den sich bald ein bunter Kreis sammelt, und selbst die Schauspieler strecken ihre Köpfe hinter dem Vorhang hervor, um an der Unterhaltung teil zu nehmen.

"Wo bleibst Du, Lebrigaud? es ist Zeit, in Dein Costüm zu kriechen. Wenn wir dinirt haben, beginnt die Vorstellung!"

"Tununle Dich, Lebrigaud. Willst Du mit uns Trutahn speisen, mein Junge?"

"Zum Henker! wie sieht der Bursche aus? – Du kommst in Arrest, wenn der kapitän Dich sieht."

"Pah! Ihr Narrenich holte mir's bei den Russen; kann man nicht seinen kleinen Krieg auf eigene Hand haben, ohne gerade Napoleon III. zu sein?" Er nickte bedeutsam der Fürstin Mulaschpulaschkin zu.

"Hast Du Händel gehabt?" flüsterte der Zuave.

"Verteufelteich glaube, man hat mich erkannt! Einer der Grenadiere liegt auf dem rücken. Es wird Sturm geben."

Der Sergeant-Major war hinzugetreten. – "Wo hast Du die Schmarre da über Deine Fratze bekommen, Lebrigaud?"

"O, Papa Fabrice, es ist eine alte von damals, als ich Euch bei Inkerman aus den russischen Bajonneten holte, das dumme Ding ist bloss wieder aufgebrochen."

Die schlaue Antwort entzog ihn einem scharfen Eramen, denn der im Dienst sehr strenge Feldwebel drehte sich bei der Erinnerung um und ging brummend wieder nach seinem Platz.

"Goddam your eies! I have tirst!" schrie der betrunkene Matrose.

"Wen hast Du da?" – "Was sagt er?" fragte es bunt durcheinander.

"Oh, je le trouvai – c'est mon ami. Car ce John Boule, voyez-vous, ça ne sait pas s'arranger comme nous autres; ça ne sont que des zenfants. Puis ça nous zaime! cré nom de chien comme ça nous zaime!" und mit der Guterzigkeit des echten Bruder Lüderlich hob er mit Hilfe der Nächststehenden den betrunkenen Matrosen, den er wahrscheinlich in seinem Leben am Wege zum ersten Mal gesehen, von dem Maultier und eine lebhafte Debatte begann, wie man den Gast am besten amüsiren könnte.

"I have tirst, Johny Crapaud!"

Die mündliche Unterhaltung zwischen den Alliirten dieses Schlages war gewöhnlich für sie selbst und jeden Andern ganz und gar unbegreiflich; sie bestand aus excentrischen aber fruchtlosen Ausfällen des Einen in die englische und des Anderen in die französische Sprache, wobei der Freund das, was der andere Freund nach seiner Mutmassung gesagt haben dürfte, verbindlich in die eigene Muttersprache übersetzte und der erste Sprecher die Richtigkeit der Uebersetzung mit dem herzlichsten "Oui, oui" oder "Yes, yes" approbirt.

"Er will das Teater sehen," schrie Bernaudin hinter dem Vorhang vor. "Gieb ihm einen Platz im Parquet, Lebrigaud!"

"Er will uns zum Pferderennen abholen!" riefen Andere.

"Er will Würfel spielen, diese John Bouls haben immer Gold!"

"Narren!" sagte lachend der Corporal. "Der Bursche ist ein Schwamm, er hat Durst!"

"Ah c'est ça camarade! Du hast Recht, ich erinnerte mich nicht gleich, dass Du das Kauderwälsch verstehst. achtung vor Corporal Bourdon, Inngens, er ist ein Gelehrter und der einzige Mensch, ausser Mademoiselle, seiner Schwester, vor dem ich Respect habe." Lebrigaud, der von kleiner Figur war, die aber ganz Muskel und Behendigkeit schien, blickte bei den Worten mit einer Art zärtlicher Bewunderung auf den viel jüngeren Mann, der ihn in der Tat ein Mal windelweich gewalkt hatte, als er seiner Schwester mit Gewalt einen Kuss geraubt. – "Mort de ma vie! ich habe nicht die geringste Eifersucht auf Dich, obgleich Du's bereits zum Corporal gebracht hast, während ich, Narcisse Lebrigaud, seit fünfzehn Jahren den Gemeinen spiele!"

"Mademoiselle Nini! Eine Flasche Wein!"

"NeinCognac! Diese Engländer trinken Nichts als Rum!"

"Teufel! Und sie sind doch eine so zärtliche Nation."

"Zärtlich? wie so?"

"Ei, sie behandeln ihre Weiber wie die Kätzchen. Sagen Sie nicht zu