1855_Goedsche_156_125.txt

seine Plätze eingenommen haben und der Halunke ist noch immer nicht zur Stelle."

"Dort unten zieht er mit einem betrunkenen englischen Matrosen umher!"

"Ich will ihn holen," sagte Bourdon und stand auf.

"Ahjoli garçon! Du verdientest einen Kuss, schöner Corporal, wenn die Fürstin Mulaschpulaschkin nicht schon engagirt wäre. Lass Dir ihn jetzt von anderer Seite geben, mein Junge, das Feld ist rein."

Während Bourdon unter dem Gelächter der Kameraden sich bereits entfernte, fragte der SergeantMajor: "Was meinte der Kerl mit den Garden? Morbleu, es ist wahr, ich habe heute noch keinen Einzigen von den goldbetressten Narren in der Cantine gesehen, die sie sonst förmlich belagerten."

Die Umsitzenden schwiegen, indem sie sich anschauten, und ihre bedeutsam gewechselten Blicke verrieten, dass ihnen die ursache' nicht unbekannt war.

"Parbleu! werde' ich Antwort bekommen? Weiss Jemand, warum die Garde sich heute nicht blicken lässt?"

"Ei, Papa Fabrice," sagte eine helle und heitere stimme neben ihm, "sollten Sie wirklich die grosse Neuigkeit des Tages nicht wissen, die, wie man mir sagt, schon drei Duelle gekostet hat?"

Der Sergeant-Major hatte sich rasch und galant zu der hübschen Sprecherin umgewandt, indem er ein süsssaures Gesicht zu der ihm gewordenen Benennung schnitt. "Es ist wahr, Mademoiselle Nini," sagte er, "dass ich recht gut Ihr Vater sein könnte, aber Sacristi! die verteufelte Gewohnheit der Burschen da, mich Papa Fabrice zu nennen, klingt aus Ihrem hübschen mund für einen Anbeter noch in den besten Jahren eben nicht angenehm! – Dochwas ist denn geschehen und wissen Sie wirklich die ursache'? – haben die Garden ihr Lager abgebrochen oder was ist passirt?"

"Ei, ei, Papa Fabrice," lachte die Marketenderin schelmisch, "Sie müssen heute Morgen lange geschlafen haben!"

"Ich gestehe es zu meiner Beschämung, Mademoiselle. Wir sind nicht am Dienstund Ihr Bruder spendirte gestern Abend noch spät einen Korb voll Brussawein, der so leicht durch die Kehle rollt! Aber der Henker soll die Narren hier holen, dass sie mir nicht längst – –"

"Ruhe im Glied, Papa Fabrice, sonst erfahren Sie Nichts! Sie wissen ja, dass die Herren von der Garde keinen Dienst in den Trancheen zu tun brauchen?"

"Parbleu! was werde' ich nicht? Die Faullenzer haben d'rum Zeit genug, zu schniegeln und zu bügeln, von Morgens bis Abends sich hier umher zu treiben und den wenigen Damen, deren Anwesenheit allein uns hier den Dienst versüsst, die Köpfe zu verdrehen."

"Wenn Sie auf mich zielen, Papa Fabrice," sagte Nini lachend, "so geht der Schuss vorbei. Mit meiner Freundin Celestedas will ich nicht verschwören! Seit der schöne Husaren-Aide-de-Camp getödtet oder gefangen ist, geht es ihr schlecht und sie braucht Zerstreuung. Es ist aber doch ein boshafter Streich, den man gegen die Herren von der Garde verübt hat."

"Ich bitte, sprechen Sie, Mademoiselle."

Die hübsche Marketenderin hatte ein Stück Kreide aus der tasche geholt. – "Da, sehen Sie, Papa, das haben boshafte hände in vergangener Nacht an die Zelte der Garden geschrieben. Man las es heute Morgen und es ist ein wahrer Aufruhr entstanden."

Der Sergeant-Major war den kecken Krähenfüssen des Mädchens gefolgt und las:

"LA GARDE de MEURe ici, ET NE SE REND

PAS aux tranchées!"

Ein allgemeines Hohngelächter begleitete den Vortrag der Worte, selbst der Sergeant-Major konnte, den bis über den Hals herabfallenden Schnurrbart streichend, ein wohlgefälliges Lächeln nicht unterdrücken, denn das Privilegium der Garden war allgemein verhasst und hatte schon zu vielen Zänkereien Veranlassung gegeben.

"Peste! ich glaube wohl, dass ihnen da der Aerger zu Kopf gestiegen, denn der Spass ist vortrefflich. Aber ich begreife immer noch nicht, warum sie deshalb von der Cantine fortbleiben. Gegen Verdruss ist ein tüchtiger Schluck ein Radikalmittel!"

Nini schien mit der Antwort zu zögern. – "Ich habe gehört," sagte sie endlich, "dass sie die Zuaven beschuldigen."

"Ah so, mein Engelsie könnten Recht haben, denn ich verstehe' mich auf die Bursche. Nun weiss ich auch, warum Madame Celeste so ärgerlich ausschaut. Sie ist besorgt, dass der reiche Graf von Pontève's Grenadieren, der ihr den Hof macht, seit Sie sie beim Comptoir angestellt, ihr aus dem Garn geht. Parbleu! da kommt Einer, dem ich den Streich auf den Kopf zusagen möchte, wenn nicht gar Ihr Bruder selbst mit dabei gewesen istdas ist ohnehin so ein halber Gelehrter!"

Die Prozession mit dem Maultier und dem betrunkenen Engländer war herangekommen; der Soldat, der das Tier führte, L e b r i g a u d , der gesuchte Acteur.

Der Mann war der wahre Typus eines Zuaven, ein ausdrucksvollerer, von wilder Energie strotzender Kopf kaum denkbar. Wie alle Zuaven, trug er den Schädel rasirt, aber auf dem obern teil der Stirn, wo der Fez aufsitzt, zeigte sich ein Gürtel von tättowirten Figuren. Auf dem Mittelfinger der rechten Hand hatte er eine Frauenfigur mit griechischen Formen, auf jenem der linken den Kopf einer Römerin eingegraben. Herzen mit Namen und