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mehrmals, ihn auszuholen, indess er ist toll wie ein Märzhase, wenn auch ganz unschädlich, und folgsam wie ein Kind, und die stehende Antwort, die man höchstens von ihm erlangt, ist die confuse Rede: elf Uhr! der Zug geht ab!"

Iwanowna Oczakoff hatte sich von dem Erzähler abgewandt, ihr Gesicht ihm verbergend. Mehrere Minuten stand sie so da, ihr ganzes Wesen schien dadurch heftig erschüttert, so dass es selbst dem Kranken auffiel und er danach fragte. Erst dann schien sie ihre Fassung zurückzuerhalten und mit tiefbewegter stimme sprach sie. "Ich glaube, Sie hatten Recht vorhin, Herr Marquis, als Sie sagten, die Hand des allmächtigen Gottes habe Sie auf dies Schmerzenslager und gerade in dies Haus geführt. Ich erkenne seinen Willen und gehe, mit Annuschka zu sprechen. Jussuf wird einen würdigen Geistlichen, den ich kenne, hierher führen, seine Schwester aber unterdessen bei Ihnen bleiben."

Sie ging und hiess den Mohren, ihr folgen, währen Nursädih, die junge schwarze Mutter, auf die Bitte des Kranken ein Schreibpult vor ihn legte und ihm behilflich war. ––––––––––––––––––––––––––––

Eine Stunde darauf hatte sich die Scene in dem Zimmer, das bald der Schauplatz jenes geheimnissvollen Scheidens von Seele und Körper sein sollte, ein Wenig geändert. Neben dem Bett des französischen Offiziers sass in einfachem schwarzem Kleide, den kleinen Myrtenzweig im Haar, der unter dem Donner der Schlachten fortgegrünt auf dem heimatlichen Boden, und von dem weissen Schleier halb verdeckt das bleiche Mädchen, das bald zur jungfräulichen Frau werden sollte, die Hand des Kranken mit halb scheuem, halb zärtlichem blick in der ihren; denn das scharfe Auge des Franzosen hatte sich nicht getäuscht und es weniger Ueberredung der Fürstin bedurft, als diese gefürchtet. Die Herrin selbst ging unruhig im Zimmer auf und ab, während schweigend und achtungsvoll ein französischer Corporal, gleichfalls Gefangener, den in der Heilung begriffenen linken Arm in der Binde, in der Nähe Nursädih's an der Tür sass.

Diese öffnete sich jetzt und Jussuf führte einen ehrwürdig aussehenden Mann in der Kleidung der russischen Geistlichkeit herein. Seine Rechte hielt in einem Körbchen die heiligen Gefässe, während er auf dem andern Arm ein kleines Kind von etwa andertalb Jahren trug.

Die Fürstin eilte ihm entgegen. – – "Nehmen Sie unsern Dank, ehrwürdiger Vater V a s i l i P o l a t n i k o w , dass Sie unserer Bitte gefolgt sind, und geben Sie uns Ihren Segen."

Der Pope, die heiligen Gefässe niederstellend, machte das Zeichen des Kreuzes über ihre Stirn. – "Der Segen des Herrn ist bei Dir und den Deinen, o, meine Tochter, denn Dein Herz gehört ihm, und wer tut wie Du, ist der Fürsprache der Heiligen sicher." – Er sah umher, wohin er das Kind auf seinem Arm, einen muntern Knaben, setzen könne, als Annuschka zu ihm trat und ihn bat, es ihr zu geben. – "Es ist eine Waise," erzählte der Priester auf einen fragenden blick der Fürstin, "auf dem Meere geboren, inmitten von Kampf und Tod. Die griechische Mutter zahlte sein Leben mit dem ihren und übergab den Knaben sterbend meiner sorge. Er hat keinen Verwandten mehr, da auch sein Oheim, einer der Capitani's des Fürsten Morosini, beim grossen Ausfall des Generals Chruleff gefallen ist."

"Aber warum lassen Sie das Kind nicht bei Ihrer Familie, hochwürdiger Vater?"

Der ehemalige Kaplan des "Wladimir" beugte in schmerzlicher Ergebung das Haupt. – "Der Herr," sprach er traurig, "hat auch mich schwer heimgesucht, wie ganz Russlandmein Weib und meine beiden Töchter sind die Opfer der Seuche innerhalb dreier Tage geworden und mein Haus ist öd' und verlassen. Dieses Kind hat Niemand als mich, der für sein zartes Alter sorge trägt."

"O, so lassen Sie es mir," sagte die junge Braut rasch und errötend, "lassen Sie mich dafür sorgen und so die Mutterpflichten erfüllen. Wir wollen es pflegen und warten in diesen Schreckenstagen, bis Gott über uns anders bestimmt."

"Annuschka tut Recht, ehrwürdiger Vater," sprach die Fürstin, "und ich vereine meine Bitte mit der ihren. Wie konnten Sie auch uns in Ihrer Not vergessen! Gott gebe den Ihren Frieden und Ihnen ein seliges Wiedersehendieses Kind des Unglücks aber gehört hinfort unserer sorge."

Sie fasste die Hand des Geistlichen und führte ihn zu dem Lager des Kranken, ihn von der heiligen Pflicht unterrichtend, die man von ihm verlangte, und von dem Zustande des Offiziers, der zugleich eines zweiten, noch feierlicheren Sacramentes bedürftig sei. Der Geistliche verstand so viel Französisch, um einige fragen an den Kranken über die Handlung zu richten, der er die kirchliche Weihe erteilen sollte, und während er einen Tisch zum Altar improvisirte, winkte der Offizier den Anwesenden, näher zu treten.

"Ich bitte Sie, Kamerad," sagte er zu dem gefangenen Corporal, "wenn Sie ausgewechselt werden und unser Frankreich wiedersehen, stets zu bezeugen, dass diese Heirat von mir im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte und nach reiflicher überlegung geschlossen ist. Dieses Papier, Durchlaucht, das ich in Ihre hände lege, entält meinen letzten Willen. Er sichert meiner Gattin mein sämtliches Vermögenmit Ausnahme einer Summe in Gold und Wechseln, die mir von Paris mit der Nachricht des Erbes in