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hindern werden. Nur wenn es galt, das Kreuz gegen unsern alten Erbfeind zu erheben, waren Griechen jedes Stammes einig, und selbst da noch trieben Neid und Ehrgeiz ihr zerstörendes Spiel. Wenn der Wille des Königs auch gut, so ruht die Regierung doch grösstenteils in Händen, die nur darauf bedacht sind, zur eigenen Bereicherung oder Unterdrückung der politischen Gegner alle Macht zu verwenden. Die Verwirrung wird gesteigert durch die Einflüsse der mächtigern Staaten Europa's. Wo an anderen Höfen die diplomatische Intrigue ihr verdecktes Ziel zu erreichen strebt, da tritt bei uns die offene drohende Forderung auf. Das arme gedrückte Hellas erliegt unter der Last des europäischen Protektorats. Blicken Sie hin nach Jonien, der proklamirten freien Republik! Der britische Schutz hat es in Fesseln geschlagen, ärger wie die indischen. Ich führe Ihnen nur die einzige Tatsache an, dass auf allen sieben Inseln nur eine einzige Druckerei ist, die englische Regierungsdruckerei, und dass kein anderes Blatt, als das Regierungsorgan, erscheinen darf. Der Gouverneur von Corfu ist mehr Herr in unserem Griechenland als König Otto, und seinem peremtorischen Verlangen und der Forderung des englischen Gesandten verdanke ich die Verweisung vom Festlande, die mich seit zwei Jahren auf den Inseln des Archipel umhertreibt, weil in einigen Artikeln der 'Elpis' ich die unterdrückten Brüder auf Corfu in Schutz nahm und die Auflösung des Senats kritisirte."

"Wenn ich mich recht erinnere," fragte Welland, "so stammen Sie ja wohl ohnehin von den Inseln?"

"Von dem unglücklichen Chios, das trotz seines Märtyrertums im Befreiungskriege der englische Machtspruch unter den Fesseln des Halbmondes liess. Meine Mutter flüchtete mit uns aus den Mörderhänden des Kapudan Pascha auf's Festland, wo mein Vater bereits für das Kreuz kämpfte. Die sehnsucht nach der Geburtsstätte liess vor zwei Jahren meine Mutter mich begleiten, ich brachte sie nach Chios zu Verwandten und schweifte seitdem umher, von Insel zu Insel, durch die Klöster des Atos, Stambul hinauf und an den Küsten des Pontus. Ueberall, wo ich weilte, fand ich die Herzen nach Erlösung schlagend, die Faust sich ballend im ohnmächtigen Grimm. Ueberall mein Volk trotz des Tausimats und aller Fermans vom Moslem unterdrückt und geschlachtet. Glauben Sie mir, Welland, was ich gesehen und erlebt, würde Ihnen das redliche Herz in der Brust umkehren. Nur in Constantinopel und in den Küstenstädten, wo die europäischen Consuln residiren und ihre Anwesenheit die Pascha's im Zaume hält, haben die griechischen Christen geduldete Rechte; im inneren des Landes herrscht der Jahrhunderte alte Druck noch in seiner vollen Willkühr und Barbarei."

"Aber Ihre Geschwister? Sie erzählten mir so oft von ihnen."

"Mein älterer Bruder steht im griechischen Heer an der Gränze, mein jüngster ist in diesem Augenblick in Zettinge und hielt die Schluchten der Tschernagora mit dem tapferen Bergvolk gegen Omer Pascha's Redif's. Beide sind ihrer Väter würdig und ich nenne sie mit Stolz meine Brüder. Wenn ich sie sehe, werde ich ihnen den Segen ihrer greisen Mutter bringen, denn ich komme von ihrem Sterbebett auf Chios, wo ich sie gestern unter den Platanen begrub, die auf den Trümmern meines väterlichen Hauses wachsen. Möge die blutgetränkte Erde der Heimat ihr leicht sein!"

Welland reichte dem trauernden Freunde die Hand. "Und Ihre Schwester?"

Des Griechen strömende Augen stammten auf. über sein bleiches Gesicht flog die Zornesröte heftiger Erregung und er streckte den Arm aus gegen die Stadt, die aus dem Duft von Licht und wasser emporschwamm, überragt von dem Pagus, an dessen Seiten über die Kuppeln und Minarets der Türkenstadt sich die Cypressenwälder der Friedhöfe hinaufziehen, während hoch von der Spitze die Trümmer des alten genuesischen Kastells sich gegen den Himmel zeichnen.

"Ich gehe, sie zu schützen, oderzu richten!" sagte er mit tiefer stimme und wandte sich ab. Die drängende Menge umgab sie und verhinderte jedes weitere Gespräch. –

I s m i r , – wie es die Türken nennen, – S m y r n a im mund der geschichte, das Kind Alexanders des Grossenzehn Mal verwüstet von der Hand mächtiger Feinde, und zehn Mal wieder emporgestiegen aus seinen Trümmern, Smyrna, eine der sieben heiligen Kirchen Kleinasiens, dehnte sich vor den Blicken der Reisenden an seinem prächtigen drei Meilen breiten Golf aus. Wie fast alle Uferstädte Griechenlands und Kleinasiens an der Höhe der Berge terrassenmässig emporsteigend, bietet es einen prächtigen Anblick. Rechts am türkischen Kastell vorüber mit seinen schläfrigen Schildwachen und unbehülflichen Geschützen fliegt der Dampfer gegen die Stadt, die von Bergen umgeben nur rechts am Ufer hin sich nach der Karavanenstrasse öffnet, auf der in langen Reihen die gekoppelten Kameele die köstlichen Früchte und Erzeugnisse des südwestlichen Asiens zum Stapelplatz des levantinischen Handels bringen. Rechts im Vordergrund die neue Kaserne, ihre Höfe in das Meer tauchend; darüber empor die Türkenstadt mit ihren zahlreichen Minarets und Kuppeln, den kleinen zum Terrassenbau so prächtig geeigneten Häusern, dem Grün der Büsche und der Bäume, den mäandrischen Windungen der Strassen; höher am Berge Pagus das armenische Quartier, links die Franken- und Griechenstadt mit den Flaggen der Consulate, den Kaffeehäusern Magazinen auf der Marina, – zur Seite einschneidend die Wässer des Golfs zwischen den Bergen, eine Bucht tief hinein, deren Ufer von den zierlichen Landhäusern des Dorfes Bournabat besetzt sind. Im Hafen und das ist der ganze Golf, ankern Hunderte von Schiffen aller Nationen, Kriegsfahrzeuge auf dem Wege von und nach Constantinopel