Vorfall und der unangenehmen Erinnerung zu entgehen, in die Armee, und erst die Erscheinung Annuschka's lehrte mich, jenem traurigen und mich immer noch bedrückenden Bilde eine bestimmte Form zu geben."
"Es war Gottes Schickung – selbst die Schwester wird Ihnen die Tat nicht zurechnen."
"Dennoch liegt sie mir schwer auf der Seele, und wenn Sie einem Sterbenden den bösen Augenblick erleichtern wollen, Fürstin, so helfen Sie ihm, an der Schwester zu vergüten, was er am Bruder verbrochen. Ich lebte früher in den Tag hinein und hatte mein Vermögen genossen – ich nenne es genossen, so dass mein Testament mir gerade kein grosses Kopfzerbrechen gemacht haben würde. Das Schicksal aber hat mir eine Malice gespielt; denn vor etwa sechs Wochen erhielt der verarmte Marquis, der seit dem letzten Arrangement mit seinen Gläubigern keine Aussicht mehr hatte, als sein Offizier-Patent, die amtliche Nachricht, dass er ein reicher Mann geworden. Ein entfernter Verwandter, dessen Namen ich kaum gehört, ein Plantagenbesitzer auf Martinique, dem seine ganze Familie das gelbe Fieber zum Jenseits befördert, hat die Albernheit gehabt, mich zum Erben zu machen, und der kapitän de Sazé würde in Paris fünfzehnhunderttausend Franken deponirt finden, wenn er nicht so töricht gewesen wäre, sich vor Ssewastopol das Bein zerschmettern zu lassen."
"Gott kann noch Alles wenden!"
"Nein, Fürstin, Er hat mehr zu tun, als sich mit einem leichtfertigen Toren zu beschäftigen. Dass Er aber ist, dass Er die zahllosen Fäden dieses wirren Durcheinander, das wir Leben nennen, dennoch in Seiner Hand leitet," fuhr der Kranke wieder mit ernsterem, fast feierlichem Tone fort, "das zeigt mir die Fügung, welche meine letzten Stunden durch die sorge gerade des Mädchens erleichterte, deren Bruder ich erschlug. Mein Wunsch und mein Wille ist, bis auf einige Legate, ihr das Vermögen, das mir der Zufall so rechtzeitig in den Schooss geworfen, zu hinterlassen. Dazu bitte ich Sie, mir behilflich zu sein. Das blosse Niederschreiben meiner letzten Verfügungen würde jedoch kaum dazu genügen und sie jedenfalls in eine Menge Weitläufigkeiten verwickeln. Kein französischer Gerichtshof aber wird der Marquise de Sazé das ihr bestimmte Erbe streitig machen!"
Er schwieg erschöpft; die lange Unterredung begann ihn offenbar fieberhaft zu erregen, wie sein Auge zeigte. Dennoch hielt es die junge Fürstin für Pflicht, zu erwidern: "Annuschka ist mit ihrer Lebensstellung zufrieden. Sie wird unter keiner Bedingung dem – der ihren geliebten, zärtlich betrauerten Bruder getödtet, ihre Hand reichen wollen."
"Aber sie braucht es nicht zu wissen, warum sollte sie es je erfahren?" sagte der Offizier dringend. "Wollen Sie einem Mann, der Vieles gut zu machen, den leichten Trost durch eine unnütze Bedenklichkeit verkümmern? Sie wissen so gut wie ich, dass diese Ehe Schein, und ehe vielleicht der morgende Tag anbricht, sie witwe ist."
"Ich weiss nicht, wie ich sie zu dem eiligen Schritt bewegen soll."
"Der Tod, Fürstin, gestattet keine lange Bedenkzeit, das wird auch sie begreifen. Sagen Sie ihr, dass ich für ihre sorgsame Pflege auf diese Weise ihr danken wolle, dass es meinen Tod erleichtern werde und" – um seine blassen Lippen schwebte wieder das leichte spöttische Lächeln des Lebemannes, der so manches Frauenherz an sich gefesselt – "ich glaube, sie wird sich nicht weigern, Alfred de Sazé's Gattin zu werden."
Er lehnte sich zurück in die Kissen; die Fürstin empfand, dass sie kein Recht habe, eine Sühne zurückzuweisen, die ihrer Milchschwester und treuen Gefährtin vielleicht eine glänzende Zukunft bereiten konnte. Sie erhob sich und sprach: "Ich gehe, um die Erfüllung Ihres Wunsches zu versuchen, Herr Marquis. Annuschka wird nicht erfahren, wessen Hand ihren Bruder getödtet, bis – Doch sagen Sie mir das Eine noch, wann geschah die unglückliche Tat?"
"Ich erinnere mich des Tages ganz genau, Fürstin; es war am Abend des 26. März. Ihre Landsmännin, die Bagdanoff2, hatte in der Oper getanzt und ich war zum ersten Male dort wieder mit Méricourt zusammengetroffen nach seiner Rückkehr von Algier. Ich gedenke deutlich des Abends und selbst unsers Gesprächs – es handelte sogar von Ihnen und Ihrem Bruder und er erzählte mir zuerst von dem seltsamen Spiel der natur, die einem armen Marketenderburschen eine wirklich seltsame Aehnlichkeit mit Ihrem Bruder gegeben."
Die Fürstin war stehen geblieben und hatte sich lebhaft zu ihm gewandt; fliegende Röte übergoss ihr Gesicht. – "Meinem Bruder Iwan gleich? ich bitte Sie, wer? wo?"
"Ein armer Verrückter oder Schwachsinniger. Der Vicomte traf ihn zuerst bei dem Einschiffen der Truppen in Marseille. Ich selbst sah ihn in Varna und muss gestehen, dass diese enorme Aehnlichkeit mich wirklich anfangs erschreckte."
Die Fürstin presste die Hand auf die heftig wogende Brust, auf ihrem Antlitz wechselte mehrfach die Farbe, während ihr Mund fast keuchend stammelte: "Und lebt – der Mann noch? Wo ist er? Haben Sie Näheres über ihn erfahren? Erzählen Sie mir Alles, es – es wird Iwan so sehr interessiren, von seinem Ebenbilb zu hören!"
"Er gehört zur Cantine der Marketenderin Nini Bourdon vom dritten Zuaven-Regiment, bei dem Méricourt steht. Die niedliche Kleine sorgt wie eine Mutter oder eine Geliebte für den verrückten Burschen, den sie für ihren Verwandten ausgiebt. Ich versuchte selbst