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in Ssewastopol haben, aber auch einer der unsern könnte Ihnen ein nützlicher Freund sein."

"O, meine Durchlaucht, ich bitte Sienicht so strenge. Ich beschäftige mich wahrhaftig schon seit heute Morgen mit sehr ernsten Dingen, bei denen ich ohnehin die Hilfe Ihres Popen in Anspruch nehmen muss. Wissen Sie, Fürstin, ich habe so ziemlich Alles erfahren auf der Welt, bis auf Eines: wie einem Ehemann zu Mute ist. Und dies Vergnügen will ich mir noch vor meinen Ende bereiten, – ich will heiraten!"

Die Fürstin wandte sich unwillig von dem Spötter ab und wollte sich erheben. Seine Hand legte sich leise auf ihren Arm, und als sie auf ihn schaute, sah sie einen schmerzlich ernsten Ausdruck in seinen Augen mit dem frivolen Lächeln seines Mundes kämpfen.

"Bleiben Sie, Fürstin," bat der Kranke; "was ich Ihnen gesagt, klingt nur wie übermütiger Frevel. O, fürchten Sie nicht, dass ein halbtodter Roué, wie ich, seine Blicke zu der Rose der Krimm erheben willich ehre die Rechte meines Freundes Méricourt, der für den Verlust eines Beines vielleicht gern an diesem Platz läge. Meine Absichten sind bescheidener und richten sich auf Mademoiselle Annuschka, Ihre Dienerin!"

"Sie reden irre, Herr von Sazé! Annuschka ist meine Freundin, meine Schwester, aber –"

"hören Sie mich aus, Durchlaucht," sagte der Kranke und seine stimme klang jetzt ernst und sanft, ein gewisser feierlicher Ausdruck hatte sich über sein Gesicht verbreitet. "Bei meiner Ehre, ich rede die Wahrheit! In Ihre Brust lege ich ein geheimnis nieder, was die meine erleichtern möge in jener Stunde, vor der wir Alle zagen, wie stark wir auch die Furcht uns wegzuspotten bemühen. Erinnern Sie sich wohl des besonderen Eindrucks, welchen Annuschka's erster Anblick auf mich machte, als ich in Ihr Haus gebracht worden?"

"Genau, Herr Marquis!"

"Von dem Fürsten erfuhr ich auf hingeworfene fragen, dass Annuschka einen Bruder hat, dem sie gleichfalls sehr ähnlich ist. Er war der Diener des Ihren, und ich erinnere mich jetzt, in Paris in Ihrem Hotel ihn gesehen zu haben."

"Er verliess uns nie."

"Und dennoch ist, wie der Fürst mir, ohne näher darauf einzugehen, mitteilte, dieser Mann, der nach Ihrer raschen Abreise in Paris zurückblieb, dort spurlos verschwunden?"

"So ist es!"

"Ich beabsichtigte, dem Fürsten, Ihrem Bruder, mein geheimnis mitzuteilen," fuhr der Kranke fort, "aber sein Dienst hat ihn, wie Sie mir sagten, nach der andern Seite der Stadt geführt und hält ihn dort fest. Es bleibt mir keine Zeit, seine Rückkehr zu erwarten, und ich musste mich an Sie wenden. Sie halten jenen MannAnnuschka's Bruderfür tot?"

"Wir sind überzeugt davonseine Treue ist zuverlässig und wir hätten sicher von ihm gehört."

"Er ist es!"

"Wie, Herr von Sazé, Sie kennen das Schicksal Wassili's? Sie wissen von ihm?"

"Ich bin leider überzeugtdiese Hand brachte ihm den Tod, wenn auch unabsichtlich."

Die Dame schauderte zurück. Schrecken, Angst und Aufregung spiegelten sich auf ihrem schönen Gesicht. Der Kranke sah, wie sie mit Gewalt nach Fassung rang, bis sie endlich die Worte hervorstiess: "Um Gotteswillen, Herr, ich beschwöre Sie, reden Sieerzählen Sie mir Alles!"

"Das ist meine Absicht, Fürstin, und mag zugleich meine Rechtfertigung seinwenn die Tat sich entschuldigen lässt!"

Die Fürstin winkte ihm, fortzufahren.

"An einem Abend des März im vorigen Frühjahr verfolgte mich am Quai des Cours la Reine ein ziemlich derangirt aussehender Unbekannter und fiel mich plötzlich wie ein wütendes Tier an unter Ausrufungen und Beschuldigungen, die mir gänzlich unverständlich waren und zum teil noch Rätsel sind. Ich sollte ihm Rechenschaft geben über seinen Gebieter, ich sei sein Mörder und dergleichen mehr. Das Gesicht war mir nicht ganz unbekannt, doch so verwildert, dass ich mich auch später nicht darauf erinnern konnte. Ich stiess ihn von mir, mich von ihm losreissend, und der Unglückliche taumelte so heftig gegen das Gitter des Flusses, dass er darüber hinweg und in den Fluss schlug, wo er sich am Eisenwerk eines Seineschiffes den Kopf zerschmetterte. Als man ihn an's Ufer trug, war er bereits tot."

"Und es war Wassili?"

"Ich wusste es nicht, bis ich verwundet hierher kam. Ich hörte am Tage darauf, dass die Polizei in dem Verunglückten einen russischen Spion entdeckt, doch nicht den Namen. Aber obgleich ich absichtslos und nur in der Abwehr den Tod des Mannes veranlasst und mehr als einen traurigen Duellausgang verschuldet hatte, konnte ich mich hier doch nicht über den Tod des Fremden beruhigen und sein düstres Bild schwebte lange vor meiner Seele und störte meinen Schlaf."

Die Fürstin weinte leise vor sich hin. – "Armer Wassilibis zum tod getreu!"

"Die ursache' des Anfalls und seine Worte sind mir, wie gesagt, noch ein Rätsel. Ich kann sie selbst nicht einmal auf jenes Duell beuten, denn der Diener Ihres Bruders wusste doch zweifelsohne, dass es nicht stattgefunden und sein damaliger Herr unversehrt in Russland sich befand. Ich trat, um der langwierigen Civiluntersuchung über jenen