Kleine ist so lieb und gut, als verstände sie schon Alles, was ich ihr sage. Aber sieh', der französische Aga erwacht und die Fürstin bedarf meiner: hier, nimm Du das Kind."
Der blut- und kampfgewöhnte Mann nahm den Säugling so zart und sorgfältig auf, als sei er zur Wärterin geboren, und schaukelte ihn auf seinen Armen, während Nursädih zu der Fürstin schlich.
Diese beobachtete das Erwachen des Kranken mit grosser Teilnahme. Auf ihrer leicht gebräunten Stirn lagen Zeichen trüben Sinnens und schweren Kummers, das schöne Antlitz, das sich draussen im Pulverdampf der Schanzen und Redouten, im Jammer der Lazarete nur heiler und tröstend zeigte, war hier düster und gedankenvoll.
Der kranke Offizier trug ihr wohlbekannte Züge – wohlbekannt aus einer glücklichen freudenreichen Zeit ihres Lebens! – der bleiche Mann mit den hohlen Augen, den feuchten an der Stirn klebenden Haaren war einst der Liebling der pariser Salons, der kecke Roué am Spieltisch, im Ballsall und Boudoir, der Tonangeber der Mode und der Vertraute der Chronique scandaleuse von ganz Paris, aus dem Reiche der Coulissen, wie aus den Cabineten der Diplomaten: Alfred de Sazé!
Bei einer der kecken nächtlichen Streifereien der russischen Matrosen und Jäger ausserhalb der Festung im Mai war der junge Reiteroffizier, der auch nach der Abreise des Prinzen Napoleon vor Sebastopol zurückgeblieben war, auf einer Feldwache aufgehoben und verwundet nach der Mastbastion gebracht worden, wo die Fürstin sich am Morgen befand. Sie hatte ihn sofort erkannt und gebeten, den Gefangenen in ihr Haus aufnehmen zu dürfen, das, wie erwähnt, bereits einer Anzahl Verwundeter und Kranker zur Heilstätte diente. Die an und für sich nicht gefährliche Wunde des lebenslustigen Marquis erregte jedoch bald ernste Besorgnisse, da das verdorbene Blut des pariser Lebens, eine seltsame Aufregung der Nerven, die ihn bald nach seiner Ankunft im haus der Fürstin ergriff und die wirkung der eingetretenen Hitze seinen Zustand, trotz aller Sorgfalt, verschlimmerte und fieberhafte Erscheinungen herbeiführte, die jenem furchtbaren Uebel ähnelten, das jetzt die Lazarete entvölkerte, rascher als Kugel und Bajonnet, und das der Schrecken der tapfersten Krieger war: dem Typhus.
Der Sorgfalt des Arztes gelang es zwar, den Ausbruch zu unterdrücken, aber der Tod hatte dabei auf andere Weise sich die Beute gesichert: der Brand hatte die Kniewunde erfasst und der eitle Franzose verweigerte, sich das Bein abnehmen zu lassen. Pirogoff selbst hatte ihn am Morgen besucht und sein Achselzucken verkündet, dass auch das äusserste Mittel jetzt zu spät kommen würde.
Der Kranke kannte vollkommen seine Lage; die Schmerzen hatten sich bereits gelegt und sein leichter und doch männlich entschlossener Charakter trat wieder stanz in den Vordergrund.
Der kurze Schlaf, wenn auch fieberhaft, hatte ihn doch gekräftigt. Sein Auge schien im Zimmer umherzusuchen und wandte sich dann auf die Fürstin. – "Wie fühlen Sie sich nach dem Schlummer, Herr Marquis?" fragte ihn diese.
"Parbleu, Durchlaucht, als letzte Vorbereitung zum ewigen ganz leidlich! Doch – Sie haben sich selbst wieder bemüht, – wo ist meine treue Wärterin Annuschka?"
"Sie ruht einige Augenblicke – ich verlangte es von ihr, weil sie ganz erschöpft war."
"Das ist kein Wunder; denn seit den fünfzehn Tagen, dass Ihre Güte mich hier aufgenommen, hat sie mein Krankenlager kaum verlassen. – Es ist mir lieb, Durchlaucht, dass ich allein mit Ihnen bin –: ich möchte Sie bitten, mir eine kurze Unterredung zu gewähren."
"Das Sprechen wird Sie ermüden und angreifen," sagte die Fürstin zögernd.
"Was tut das? – eine Stunde eher oder später – ich habe so viele vergeudet in meinem Leben, dass ich jetzt nicht geizen mag darum, wo es vielleicht das Beste gilt, was ich im Leben getan habe."
"Soll ich unsere schwarze Freundin fortschicken?"
"Nein, Fürstin, lassen sie Beide hier, wir werden sie ohnehin vielleicht brauchen. – Ich verstehe zwar nicht Russisch, Durchlaucht, aber ich habe wohl begriffen, was Ihr Doctor von heute Morgen gesagt."
"Beunruhigen Sie sich nicht, Ihr Leben liegt in der Hand des Allmächtigen."
"Beunruhigen? bah! Als ob das Leben derlei wert wäre! Ich weiss, ich muss sterben, und werde kaum noch vierundzwanzig Stunden Ihrer Güte zur Last fallen; das ist wenigstens eine Beruhigung auf den Weg."
"Freveln Sie nicht, Herr von Sazé. Es sollte mich tief schmerzen, wenn irgend Etwas Ihnen gezeigt hätte, dass Sie, wenn auch unser Feind, uns zur Last gewesen sind. O! warum haben Sie nicht unseren Bitten und dem Rat der ärzte nachgegeben und sich einer Operation unterworfen, die sicher Ihr Leben gerettet hätte!"
"Nein, Fürstin, das können Sie mir nicht im Ernst zum Vorwurf machen! Ja, wenn es noch ein Arm gewesen wäre, – ein leerer Aermel an der Brust ziert besser wie zwei Ordenskreuze und hindert nicht! – Aber denken Sie sich selbst, Alfred de Sazé an einem Krückenstock, auf einem Korkbein – Valga me Dios! ich möchte lachen, wenn ich mir die komische Figur in den Salons des Faubourg St. Germain oder auch nur bei Herrn Miré oder in den Tuilerieen denke. Es wäre ein allzu teurer Handel, ein Bein von gutem Blut für einen Napoleon!"
"Sie sollten ernstere Gedanken suchen und an Gottes Gnade denken, Herr. Ich bedaure, dass wir keinen Priester Ihrer Confession