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i e r das Oberkommando der französischen Armee übernommender Kaiser hatte seinen Kämpen zum Turnier gewählt.

Die Stärke der verbündeten Truppen betrug zu dieser Zeit durch die bedeutenden Nachsendungen aus Frankreich, die Ankunft des türkischen Corps unter Omer Pascha und der Sardinier unter General La Marmora1: 174500 Mann, von denen 100000 allein auf die Franzosen kamen. Auch die Zahl der Russen in der Krimm war auf c. 200000 Mann gewachsen, so dass fast eine halbe Million Krieger auf diesem Fleck Erde einander gegenüberstand.

Am 9. April hatten die Verbündeten ein zweites Bombardement auf die Festung eröffnet, das, in Betracht seiner riesenhaften Vorbereitungen, einzig in der geschichte dasteht. Die Kosten des Vorbereitungs-Materials betrugen nicht weniger als s i e b e n Millionen Franken. Fünfhundertund a c h t Geschütze schweren Kalibersmindestens 32 pfündige und viele Bombenkanonen, die 100- und 200 pfündige Hohlkugeln warfenbildeten die Armirung der Demontir-Batterieen von der QuarantaineBucht bis zum östlichen Ende der Rhede. V i e r z e h n T a g e dauerte dieses furchtbare Feuer mit beinahe gleicher Heftigkeitwährend des Tages die Kanonade, während der Nacht das Bombardementununterbrochen fort und mehr als z w e i m a l h u n d e r t t a u s e n d K u g e l n verschiedener Art wurden während dieser Zeit auf Ssewastopol geschleudert.

Dennoch hatte dieser entsetzliche Eisenhagel nicht den gehofften Erfolg. Obschon die russischen Batterieen dem Feind nicht mit gleicher Heftigkeit antworteten und durchschnittlich alle 24 Stunden 15–20 russische Geschütze demontirt wurden, lieferten die ungeheuren Vorräte des Arsenals und die Artillerie der versenkten Schiffe doch hinreichenden Ersatz und mit jedem Morgen sahen die Verbündeten die jenseitigen Batterieen in demselben Zustand, wie vor Beginn des Bombardements. Alles, was am Tage die feindlichen Geschosse zerstört hatten, war in der Nacht, trotz des heftigen Bombenfeuers, wieder ausgebessert. Keine der Festungs-Batterieen wurde zum Schweigen gebracht, wogegen dies mehrfach mit englischen und französischen der Fall war. Schon am zweiten Tage waren hier 50 Geschütze demontirt. Die Flotteeingedenk der erhaltenen Lectionhielt sich ausser dem Bereich der Seeforts. In der Festung machte jeder Tag des Bombardements gegen 500 Mann kampfunfähig, die Verbündeten verloren etwas über 200.

Während der nächtlichen Bombardements wüteten zugleich die Kämpfe um die Logements fort.

In der Nacht zum 2. Mai liess Pelissier, der damals noch den linken Flügel der Belagerungsarbeiten kommandirte, die Redoute Schwarz und die Logements vor der Bastion IV. und V. mit 10000 Mann stürmen; – die Logements wurden nach einem grossen Verlust genommen, die Redoute Schwarz aber schlug den Angriff zurück.

Die Belagerungsarbeiten waren somit nur wenig vorgeschritten, als Pelissiergleichgiltiger gegen Menschenleben, als je ein russischer Führerden Oberbefehl in Stelle Canrobert's erhielt, der, sorgsam und aufopfernd, doch selbst fühlte, dass er zu einem solchen Kampf nicht die Energie und Rücksichtslosigkeit besitze, welche allein den Sieg verschaffen konnte. Würdig von seinem Posten als Oberbefehlshaber zurücktretend, bewies er den Mut und Gehorsam des Soldaten, indem er sich das Kommando seiner frühern Division zurückerbat.

Der neue Oberkommandant ging sofort zum Sturm der Verteidigungslinien über. Schon in der Nacht zum 22. Mai warf er auf die Linien der Contre-Approchen zwischen der Quarantaine-Bucht und der Mastbastion drei starke Colonnen unter General de Salles, denen Chrulef begegnete. Der blutige Kampf dauerte die ganze Nacht ohne Resultat, beide Teile hatten weit über 2000 tote und Verwundete. In der nächsten Nacht erneuerte sich die Schlacht.

General Pelissier richtete nun sein Augenmerk gegen die Schiffervorstadt und ging mit seinen Approchen vor; – am 2. Juni waren die französischen Linien so weit vorwärts gedrungen, dass die russischen Logements vor der Kamschatka-Lünette geräumt werden mussten, weil das französische Feuer sie im Rükken fasste. – ––––––––––––––––––––––––––––

Es war Abend; – in einem mittelgrossen Gemach des Erdgeschossesder Fürst und die Fürstin Oczakoff hatten bei der immer grösseren Ueberfüllung der Lazarete den bedeutendsten teil ihres Hauses für Kranke und Verwundete eingerichtet, die die Fürstin mit ihren grauen pflegte, – lag, auf einem wohlgeordneten Feldbett, ein verwundeter französischer Offizier im unruhigen Schlummer. An seiner Seite sass die Fürstin selbst, – während an der andern Wand zwei dunkle Gestalten sich beschäftigten, Jussuf, der Mohr, und Nursädih seine Schwester.

Der ehemalige Courier des Sultans und spätere Baschi-Bozuk war hager und abgefallen; die Folgen der schweren Wunden, die er an der Felsenbrückc von Schloss Aju erhalten, zeigten sich noch in seinem ganzen Aeussern, obschon sechs Monate seitdem verflossen. Nur sein gelbglänzendes Auge hatte den alten feurigen blick bewahrt, der jetzt oft mit dem Gefühl der Dankbarkeit die schöne Gestalt der Fürstin suchte, deren Befehl und Güte ihn damals gerettet. Dann wieder kehrte das Auge mit Zärtlichkeit zu seiner Schwester zurück, seine aufgeworfenen Lippen öffneten sich zu einigen freundlichen Worten und er versuchte mit dem etwa drei monat alten kind zu spielen, das diese auf ihrem Schooss hielt. –

Die ganze Liebe einer jungen Mutter lag in den Augen, mit denen Nursädih das kleine Mädchen betrachtete, das seiner Farbe nach zum Mulattengeschlecht gehörte, bei der edlern Gesichtsbildung der Mutter aber schon jetzt nur wenig die Merkmale der schwarzen Race zeigte.

"Klein Piccaninni sein artig Kind heute," sagte der Schwarze, "wecken Signor Offizier nicht auf, spielen hübsch mit schwarzen Onkel."

"O Jussuf," flüsterte das Mädchen, "die