Ich danke Ihnen, mein Herr, dass Sie Wort gehalten haben," sagte der Kaiser. "Es ist lange her, dass wir uns nicht gesehen, dennoch erkannte ich Sie sogleich – trotz der Verkleidung. Beabsichtigen Sie auch jetzt noch, Ihr Incognito beizubehalten?"
"Sire – ich bin der Graf Lubomirski, Escadronchef der polnischen Lanziers unter Ihrem Oheim, zuletzt Oberst in der Armee der polnischen Republik."
"Ah! ich kenne den Namen, einer der Helden von Somosierra mit Niegolewski – wenn ich nicht irre?"
Der Greis verbeugte sich.
"Mein Herr," fuhr Jener fort, "unsere Bekanntschaft ist seltsamer Art und ich gestehe Ihnen offen, dass ich es bedaure, einen Mann Ihres Namens in Verhältnissen und Verbindungen zu treffen, deren natur nur geheimnissvoll und verbrecherisch sein kann. Dennoch habe ich Vertrauen zu Ihnen und habe Sie unter Verpfändung meines Ehrenworts zu dieser zweiten Zusammenkunft eingeladen, um einige fragen und eine Mitteilung an Sie zu richten."
"Sire – meine Anwesenheit zeigt Ihnen, dass ich Ihnen antworten werde – so weit es mich betrifft – aber nur, – wenn ich die Ehre einer geheimen Audienz habe."
"Ich bat Sie schon früher, lieber Walewski – – –"
"Euer Majestät verzeihen – aber ich muss mich weigern, Sie mit einem mann allein zu lassen, der zu dem Bunde Ihrer gefährlichsten Feinde gehört."
"Der Herr war Offizier meines Oheims," sagte der Kaiser ruhig, "Sie hörten es selbst, lieber Graf; ich entbinde Sie aller Verantwortung und nehme diese auf mich. Bleiben Sie im Nebenzimmer."
Der Minister entfernte sich schweigend, nicht ohne noch einen besorgten blick auf den Polen geworfen zu haben.
Der Gebieter Frankreichs und der Sectionschef der revolutionairen Propaganda waren allein. Erst nach einigen Augenblicken brach der Erstere das Schweigen.
"Sie sind ein Mitglied der sogenannten Marianne oder vielmehr des Bundes der Unsichtbaren?"
Ein spöttisches Lächeln zuckte unter dem grauen Schnurrbart des Polen. – "Euer Majestät sind gut unterrichtet durch den Baron Riepéra."
"Sie haben das unbedingte Versprechen Ihrer eigenen Sicherheit in der Hand. Wollen Sie mir deshalb aufrichtig eine sonst gefährliche Frage beantworten?"
"Ich erklärte mich schon bereit dazu – da es ohnehin wohl die letzte Unterredung sein wird, mit der Euer Majestät mich beehren."
"Das wird von Ihnen abhängen," bemerkte der Kaiser, ohne auf den Doppelsinn zu achten. "Sagen Sie mir offen und ohne Besorgniss: wussten Sie um den heutigen Mordanfall gegin mich?"
"Ja, Sire!"
"Also doch – ein politisches, wohlüberlegtes Attentat, nicht der Wahnsinn eines Einzelnen! Das ist abscheulich!"
"Sire – Sie sind uns im Wege – Sie haben sich aus unserer Stütze zu unserm Herrn gemacht, Sie, der Republikaner auf dem Trone, sind der bitterste Feind der socialen Republik geworden – Sie müssen sterben, Sire!"
"Alter Tor! wissen Sie nicht, dass das Leben der Männer, die Gott auf einen Tron gesetzt, vor allen andern unter seinem Schutz steht?"
"Aber die Königsmörder, Sire, sind oft die Rächer in der Hand Gottes."
"Das ist Blasphemie! hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe, und hinterbringen Sie es den Häuptern Ihrer Verbindung, wenn Sie nicht, wie ich vermute, selbst eines – bitte," unterbrach er sich, denn der Graf war dem breiten Tisch einen Schritt näher getreten – "bleiben Sie an Ihrem Platz, ich wünsche nicht eine allzu grosse Nähe. Also hören Sie oder berichten Sie Jenen meinen festen Entschluss. Ich habe nicht Lust, meine person politischen Fanatikern oder Schurken länger zur Zielscheibe dienen zu lassen, weil ich ihren Plänen unbequem geworden bin. Ich erkenne an, dass die revolutionaire Propaganda so gut eine bestehende Macht ist, wie die legitimen Trone oder die Trone de facto, mit der man unterhandeln kann. Möge sie daher England, Italien, Ungarn – meinetwegen auch die Türkei zum Schauplatz ihrer Tätigkeit machen – ich werde sie gewähren lassen und bewillige ihr ausdrücklich dies Feld. In Frankreich aber dulde ich sie nicht mehr, in Frankreich bin ich Herr, ich allein! Ich habe sie mit offenen Waffen bisher bekämpft, aber ich schwöre Ihnen, bei dem geringsten Versuch von Meuchelmord, der noch ein Mal gegen mein Leben oder ein Leben der Familie Napoleon gemacht wird, soll Cahenne ein Eldorado sein und ich will sie verfolgen wie giftiges Gewürm bis in ihre geheimsten Schlupfwinkel. Also persönliche Sicherheit bei allem Prinzipienkampf, oder ein Vertilgungskrieg auf's Aeusserste!"
Das Gesicht des Herrschers war dunkel geworden bei den heftigen entschlossenen Worten – der alte Propagandist aber hatte ihnen anscheinend unbewegt zugehört.
"Jetzt, mein Herr," fuhr der Kaiser fort, "ist der Zweck erledigt, wegen dessen ich Sie hierher bemüht. Ich wollte sicher sein, dass meine Worte, mein Entschluss zuverlässig zu den Leitern jener Bündnisse kämen, und benutzte den Zufall, der mich Ihnen endlich wieder begegnen liess. Gehen Sie also zurück nach England, woher Sie mit dem feigen Meuchler gekommen und wo Lord Palmerston Ihren Freunden seinen Schutz gewährt. Sie haben mein Geleit und Niemand wird Ihre Abreise hindern. Aber hüten Sie sich, zurückzukehren nach Frankreich, – um der Erinnerungen von Somosierra willen wünsche ich dies, Herr Graf!"
"Sire – ich komme nicht aus England!"
"Woher sonst? – Diese Ermittelungen