1855_Goedsche_156_113.txt

das Glück uns begünstigt, wird Ssewastopol ein Schuttaufen undich gestehe es zuunsere militairische herrschaft auf dem Schwarzen Meere für längere Zeit vernichtet sein. Man stampft weder Arsenale, noch eine Flotte, noch ihre Equipage aus den Gräbern."

Das Auge des jungen Mannes mit dem stolzen, ernsten Gesicht schaute finster und voll Schmerzes war, als läge diese stolze Flotte, diese Riesenschöpfung nicht auf dem grund des Meeres, sondern in der Tiefe seines Herzens begraben.

Es folgte eine Pause. Endlich schrieb der Kaiser einige Worte auf ein Blatt und reichte es dem Unterhändler. – "Ist Ihnen dieser Datum genehm?"

"Ja, Sire, obgleich alle Chancen dann für Sie sind. Ueberlebt Ssewastopol diesen Tag, so wäre esja, es wäre Wahnsinn, Ihre brave Armee noch einem Winter, wie der vorige, auszusetzen. Der Wassenstillstand beginnt demnach auf jeden Fall vor diesem Tage an?"

"Ich bin es zufrieden! – Wenn Sebastopol fällt, selbst im Sturm, sollen sich Ihre Truppen unangefochten zurückziehen dürfen. Wir werden den Sieg nicht verfolgen."

"Ich danke Ihnen, Sire, obgleich ich hoffe, dass er auf unserer Seite sein wird. Die Einschiffung der Franzosen wird von uns durch keine Feindseligkeiten gefährdet werden."

Beide Parteien lächelten unwillkürlich bei diesem Wettstreit des Nationalstolzes.

"Ihr Turnier, mein Herr, wird Ströme von Blut kosten. Können wir auch die Menschenleben verantworten?"

Der Russe sah ihn erstaunt an. – "Elihn Burrit, Sire, ist ein Narr. Fürsten können keine Philantropen sein, wie teilnehmend auch ihr Herz dem einzelnen Leiden schlägt. Die Armeen der Könige sind die Aderlassmesser der menschlichen Gesellschaft. Wir Russen machen Politik m i t den Soldaten, nicht u m der Soldaten willen."

"Sie sprechen kühn," sagte lächelnd der Kaiser, indem er sich erhob, "und sind überhaupt ein seltsamer Unterhändler, mit dem man sehr rasch zu Ende kommt. Walewski und Nesselrode hätten sicher zu dem, was wir in einer halben Stunde erreicht, Monate gebraucht, was allerdings wahrscheinlich noch mehr Blut gekostet haben würde. Dochwir haben bei alledem einen Hauptfactor ganz ausser Spiel gelassenSeine Herrlichkeit Lord Palmerston und meine intimen Verbündeten!"

"Euer Majestät Flotteich mache Ihnen mein Compliment über Ihre Marineund die Russische hätten vereint England vom Erdball peitschen können! Euer Majestät mögen es mit England einrichten nach Ihrem Belieben. Wir unterhandeln mit Frankreich."

Ein selbstzufriedenes stolzes Lächeln lag auf dem

Gesicht des französischen Herrschers. – "So wären denn alle Punkte geordnetaber in welcher Form wünscht Seine Majestät der Kaiser Alexander einen Austausch unserer Stipulationen?"

"Sire, meinder verewigte Kaiser hat uns die

Lehre von dem blauen Buch hinterlassen. Mein Souverain ist zufrieden mit dem Versprechen Eurer Majestät, das ich die Ehre habe, hiermit anzunehmen. Ich habe Ihnen freilich dagegen Nichts zu bieten, als eben diese Vollmacht."

"Ihr Wort genügt mir gleichfalls," sagte sein Geg

ner artig. "Es soll mich sehr freuen, Eure K a i s e r l i c h e H o h e i t nach geschlossenem Frieden offiziell in Paris zu empfangen und das bewiesene Vertrauen dann zu vergelten."

"Sire – – –"

Der Herrscher Frankreichs überreichte dem über

raschten Gast das kleine Buch, in welchem er mehrfach geblättert, aufgeschlagen an einer der ersten Seiten, indem er zugleich die Feder der Glocke drückte. Es war der Gotaische Almanach vom Jahre 1850.

Die Tür hinter der Portiere öffnete sich augen

blicklich und Oberst Nei trat ein.

"Leben Sie wohl," sagte der Kaiser, indem er sei

nem Besuch die Hand reichte, "und reisen Sie glücklich. Ich hoffe, das Turnier fällt zu unserer beiderseitigen Zufriedenheit aus und wir sehen uns recht bald wieder. Lieber Graf, Sie werden die gefälligkeit haben, sich ganz zur Disposition – – dieses Herrn zu stellen."

Er geleitete den Besuch, der seit jener Anrede ein bedeutsames Schweigen beobachtet, mit auffallender Artigkeit bis an die Schwelle des Gemachs. Als er zurückkam, warf er sich auf die Ottomane und bedeckte, tief aufatmend, das Gesicht einige Augenblicke mit der Hand.

Als er sie zurückzog und wie an jenem Abendvor Jahresfristvor das Portrait seines Oheims trat, war sein Antlitz marmorfest in den stolzen Zügen und das Auge ruhte mit einem gewissen selbstzufriedenen Hohn auf dem Bilde. – "Die Sühne ist gebrachtmeine Schuld an Dich abgetragen und die Beleidigung, die mir selbst geworden. Jetzt kommt die Zeit, die mein allein ist!"

Der Kaiser schritt gedankenvoll einige Male auf und nieder. "Ich bin müde von all' dem," sagte er endlich, "und muss zu Ende kommen. Sehen wir, ob Walewski meinen Mann gefunden hat."

Er klatschte in die hände und sein vertrauter Kammerdiener Andrée trat sogleich durch die entgegengesetzte Tür ein.

"Ist der Graf im Salonallein oder in Begleitung?"

"Seine Excellenz harren seit einer Viertelstunde. Es ist ein alter Herr bei ihm."

"Lass Beide eintreten."

Der Gebieter hatte wieder auf der Causeuse Platz genommen, der grosse Arbeitstisch trennte ihn von den Eintretenden.

Diese waren der Graf Walewski und der Mann, welchen der Kaiser am Triumphbogen getroffen, diesmal in einer seinem Alter entsprechenden vornehmen Civilkleidung, mit dem Kreuz der Ehrenlegion geschmückt.

"