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bereits totdurch Oesterreichs Dankbarkeit."

"Ja, aber Russland muss sich verpflichten, auch nicht einmal für die Wiederherstellung des Scheines etwas zu tun."

"Unsere Staatsmänner haben diese erste Forderung Eurer Majestät erkannt und Russland verpflichtet sich dazu."

"Das ist mir lieb. Es wird, um der allgemeinen stimme willen, notwendig sein, dass bei dem Friedensschluss Russland einige Concessionen am Schwarzen Meere macht, vielleicht die Abtretung einer unwesentlichen Landesstrecke zur sogenannten Regulirung der Gränze und der Donaumündung. Wir sind die Letztere Oesterreich schuldig für seine Rolle, werden aber dafür sorgen, dass es keinen festen Fuss am Schwarzen Meere fasst. Das Protektorat der DonauFürstentümer wird unter die gemeinsame Diplomatie gestellt."

"Das ist ein wichtiger Verlust für Russland."

"Eine blosse verführerische Gelegenheitsmacherei. Nach dem Verlust Ihrer Flotte und Arsenale im Süden ist Ihnen die Sache ohnehin nutzlos."

"Aber unsere Flotte ist noch nicht verloren!" Das Auge des Russen blitzte stolz und feurig.

"Sie ist es; – wir können natürlich nicht über den Bosporus wieder zurückgehen, bevor die russische Flotte zu existiren aufgehört. Ueberdies ist sie ja zur Hälfte bereits vernichtet. Doch das wollen wir später erörtern. Sein Sie versichert, dass ich gar keinen Einspruch erhebe gegen jede Verstärkung Ihrer Flotte im Norden, eine solche kann nur mein Wunsch sein und ich werde Ihnen mit Bereitwilligkeit die französischen Werfte für diesen Zweck öffnen."

Der junge Diplomat sagte langsam und feierlich: "Wir sind bereit, unsere Angriffsstellung im Süden zu opfern, natürlich unter Vorbehalt unserer Rechte bei einer künftigen Regulirung der türkischen Frageaber unter der Bedingung, dass England keine weiteren Erwerbungen am Mittelmeere macht und nicht am Schwarzen Meere festen Fuss fasst."

"Ach, dafür lassen Sie mich sorgen; Sie werden in Kurzem ein Pröbchen davon hören, wie ich meinen speculirenden Verbündeten in Ihrem Interesse auf die Finger sehe! Möge Russland zusehen, wie es sich den Weg nach Indien bahnt und sich nach China ausdehnt, ich werde gar Nichts dawider haben. Asien ist das Land der nächsten fünfzig Jahre."

"Sireich will Ihre Offenheit erwiedernSie wünschen das Mittelmeer?"

"So ist esund es ist nicht mehr als billig, dass Frankreich dort herrscht. Seine natürliche Lage berechtigt es dazu und ich hoffe es noch zu erleben, dass jeder lecke Eindringling auf sein natürliches Gebiet zurückgewiesen wird. Sie taten Recht, mein Herr, geradezu auf den Hauptpunkt unserer Verständigung loszugehen. Hier ist das Bündniss der Zukunft für Russland und Frankreich. Vorläufig verlange ich nur, dass Sie meine Politik und meine Festsetzung in Italien nicht beschränken, ich werde dafür mit Ihnen in der dänischen Frage Hand in Hand gehen. Dies sprengt das österreichischenglische Bündniss, und Preussen in Schach zu halten ist Ihre Sache."

"Wir sind einverstanden. Preussen ist ein Staat, dessen Hauptaufgabe seine innere entwicklung und seine Verteidigung gegen Oesterreich bleibt."

"Dies, erkenne ich an und wünsche dringend mit ihm ein freundliches verhältnis. Weiter können wir uns nicht viel nützen; doch muss ich darauf bestehen und dafür sorgen, dass es nach dem Frieden sich der Anerkennung meiner Berechtigungen anschliesst. dafür werde ich sein Recht der Teilnahme an den Friedensverhandlungen trotz seiner angenommenen Neutralität gegen alle englischen Einwendungen unterstützen. Die öffentlichen Friedensverhandlungen müssen natürlich in Paris stattfinden."

"Sollte nicht Brüssel oder Berlin – –"

"Nein, mein Herrkeinen Rückzug! Das ist das erste und natürlichste Zeichen jener Anerkennung und Sicherung, die eben unser Hauptbedingniss ist."

"Wir überlassen Eurer Majestät die Wahl."

"Und nun, da wir mit der Zukunft fertig sind, lassen Sie uns zur Regelung der Nebenfragen übergehen, ich meine die ehrenvolle Beendigung des Krieges selbst und die Entscheidung über Sebastopol."

"Sire, Sie werden Nichts verlangen, was die Waffenehre Russlands beleidigt! Wir wünschen den Frieden, aber wir sind nicht besiegt, undich muss es wiederholenSsewastopol ist fester denn je!"

Der Kaiser sann eine Weile nach. – "Die Verständigung ist vom militairischen Standpunkt schwieriger, als vom politischen. Sie sind wahrscheinlich selbst Offizier oder haben wenigstens gedient?"

Der Fremde verbeugte sich.

"So werden Sie desto leichter einsehen, dass ich die Armee schonen muss. Sie kann ohne einen Erfolg oder eine grosse Niederlage nicht zurückkehren, und die letztere würde alle unsere diplomatischen Pläne vernichten oder in weite Ferne schieben. Der Franzose lebt von der gloire und ich darf die Armee nicht verletzen. Vielleicht eine ehrenvolle Capitulation?"

"Sire, Sie haben die britische und die türkische Armee zu Aliirten!"

"Ei, die könnte man sich vom Halse schaffengeben Sie den Burschen in Kleinasien eine Lection, dort ist mir Ihr Sieg ganz recht. Doch machen Sie selbst einen Vorschlag, Sie werden ohne einen solchen nicht hierher gekommen sein."

"Lassen Euer Majestät uns den Kampf um Ssewastopol gleich einem Turnier des Mittelalters betrachten. Welches dann auch der Ausgang sei, die politischen Folgen sind durch die eben erfolgte Verständigung über die Zukunft geregelt; – unsere Armeen kämpfen nur noch um die Ehre. Euer Majestät mögen selbst den Zeitpunkt bestimmen, bis zu welchem Tage dies Turnier dauern soll. Jeder tue das Mögliche für den Ruhm seiner Waffen. Die Einnahme der Südseite oder der von Ihnen festgesetzte Termin endet den Kampf und lässt einen Waffenslillstand eintreten, während dessen der Frieden geschlossen wird. Auch im Fall