der Expedition nach Kertsch?"
"Meine Instructionen werden zur selben Zeit in der Krimm sein, wo Raglan's Bericht in London gelesen werden kann. Canrobert oder –" er schwieg einen Augenblick und überging das Wort, "wird demnach vollkommen Zeit haben, seine Massregeln zu treffen. Lieber will ich wahrhaftig die Russen am Bosporus dulden, als eine englische Festung am Eingange des Azow'schen Meeres. Bei der gelegenheit fällt mir ein: die Anordnungen wegen der ausschliesslichen Beförderung der Briefe nach und aus der Krimm durch die Post sind doch wiederholt und werden streng beachtet? Wir sind nicht solche Narren wie die Engländer, uns selbst zu compromittiren, und die gestrigen Listen da unserer Verluste und der Gefangenen, die wir seit Beginn des neuen Bombardements erfahren und gemacht, lauten wenig günstig."
"Die Lagerpolizei ist sehr aufmerksam und die Capitaine aller Transportschiffe haben strenge Instructionen, Sire. – Man täuscht sich übrigens im Publikum wenig über den Zweck der Anordnung und die Post hat manchen Spott zu erleiden. Die alte Herzogin von Beaufrémont z.B. gibt alle ihre Briefe nur mit einer Nadel zugesteckt auf die Post und schreibt darunter: 'Remettez l'épingle, s'il vous plait!'"
"Lassen Sie dem Faubourg Saint-Germain den Spass, dergleichen Beschäftigungen unterhalten ihn und schaden mir herzlich wenig. Wirken Sie nur für Beschleunigung des Besuchs der Königin Victoria, Persigny, ich will den Parisern für die 750 Millionen Franken der neuen Anleihe wenigstens ein Schauspiel geben, während die Regierung Ihrer Majestät für 16 Millionen Pfund Nichts tut, als Stoff für Blamagen aus der Krimm zu liefern."
"Sire, Sie sind heute bei Humor!"
Der Kaiser lächelte mit einem feinen rückhaltenden Spott. "Bah! glaubst Du, die Affaire aus den Champs Elysées habe mir den Appetit verdorben? Frankreich muss heute empfunden haben, wie viel an meiner person hängt – und dieser Bericht Pietri's über des Nichtswürdigen Vergangenheit und Herkunft beruhigt mich über die einzige Besorgniss, die ich aus dem seltsamen Zusammentreffen hätte ziehen können."
"Ich verstehe Euer Majestät Meinung nicht?"
"Der Herr Ambassadeur muss seine Wissbegierde schon für London aufsparen, wo sie mir hoffentlich recht gute Dienste leisten wird; für heute genug, meine Herren. Sie, lieber Graf, habe ich noch um einen vertraulichen Dienst zu bitten. – Bleiben Sie nur, Persigny, es ist kein geheimnis. – Wissen Sie, wen ich heute am Triumphbogen wieder erkannt?"
"Ich bin begierig, Sire?"
"Unsern Unbekannten aus dem Invalidendom – vor zwei Jahren."
"Dem die ganze Polizei so lange vergebens nachspürte? Und Euer Majestät liessen ihn nicht verhaften, wo sein erscheinen offenbar in Rapport zu dem Mordanfall steht?"
"Lieber Freund," sagte der Kaiser mit dem vorigen geheimnissvollen Lächeln, "es sind wahrscheinlich gegenwärtig viele merkwürdige Fremde in Paris, ohne dass sie gerade mit Herrn Pianori in Verbindung stehen. Doch ist meine Absicht eben, mich in dem vorliegenden Falle davon zu überzeugen, auch ohne dass ich in die Functionen meiner Polizei eingegriffen habe. Ich bitte Sie, von hier sich zu dem Gouverneur der Invaliden zu begeben; Sie werden den Mann, von dem wir eben gesprochen, dort finden, wenn ich seinen charakter recht beurteile, ihm dieses Papier geben" – er warf rasch einige Worte auf ein Blatt – "und ihn hierherführen. Nei ist anderweitig beschäftigt und Sie sind ihm bekannt."
"Und was soll ich mit ihm tun?"
"Sie führen ihn hierher – durch die Terrasse dü Bord und den Pavillon Marsan. André wird Sie dort abholen. Sie bleiben dann im blauen Salon im Bereich meiner stimme. Adieu bis dahin."
Die beiden Minister zogen sich zurück. Der Kaiser blieb einige Zeit allein, bloss mit seinen Gedanken beschäftigt und mit den Augen den Zeiger der grossen Uhr auf dem Kamine, ein Meisterwerk Delacour's, verfolgend. Mit dem Schlag halb elf hörte man ein Kratzen an der mittlern, durch eine schwere Portiere bedeckten Seitentür, die der Kaiser sogleich selbst aufschloss.
Zwei Männer traten herein, der Eine war der Graf Nei, der Andere ein zierlich gebauter Mann von etwa 28–30 Jahren in einem einfachen Civilanzug.
Der Kaiser erwiderte die Verbeugung des Unbekannten und sagte dann zu seinem Begleiter: "Verlassen Sie uns, lieber Graf, und verhindern Sie jede Störung, bis ich Sie rufe."
Der Adjutant verliess das Gemach, der Kaiser selbst schloss hinter ihm die Tür und liess die Portiere fallen. Dann wandte er sich zu dem Fremden und sagte einfach: "Wir sind allein, mein Herr!"
Einige Augenblicke betrachteten beide Männer einander mit offenbarem Interesse. Der Fremde war, wie gesagt, feingewachsen und jung, seine Gesichtsbildung hatte den tatarischen Druck in edlern Formen, das durch eine Brille bedeckte feurige Auge verkündete Mut und Energie nur eine Falte zwischen den Brauen einen gewissen Zwang, den er sich antat. Seine Manieren gehörten sichtbar der besten Gesellschaft an, doch war seine Haltung frei von jedem Zwange und der Devotion, die gewöhnlich die Nähe des Trägers einer Krone auferlegt.
Indem der Kaiser nach seinem frühern Platz zurückging, nahm er zwei kleine in englische Leinwand gebundene Bücher aus seiner Handbibliotek und legte sie neben sich auf die Causeuse. Sein Benehmen gegen den Fremden war übrigens artig wie das eines feingebildeten Privatmannes bei einer Conversation, nicht wie die Haltung des mächtigen Monarchen bei Erteilung einer Audienz