das ihm wohl bekannt schien, doch liess die fremdartige Kleidung, der das Haupt bedeckende griechische Fez ihn im ersten Moment den Andern nicht gleich erkennen. Es ging ihm wie so häufig im Leben, man findet unter veränderten Umständen ein Gesicht, von dem man weiss, dass es uns bekannt und befreundet gewesen, ohne sich doch gleich zu erinnern, wo der Besitzer hinzutun ist, wie zu benennen.
"Erinnert sich Doctor Welland wirklich nicht mehr des Comilitonen," fragte der Grieche, "mit dem er vor Jahren die Kollegien unter Dieffenbach gehört, oder haben die acht Jahre, die seitdem vergangen, G r e g o r C a r a i s k a k i s so ganz aus dem Gedächtnisse der Freunde seiner schönen Jugendtage verdrängt?"
W e l l a n d warf sich in die geöffneten arme. "Die Schulbank des Knaben, die Aula des Jünglings schlingt ein Band gemeinschaftlicher Erinnerungen, das wahrlich auch im Männerleben sich nicht vergisst. Verzeihen Sie mir, Caraiskakis, dass ich 500 Meilen von dem Orte, wo wir zusammen gelebt, und in der veränderten Tracht Sie nicht wiedererkannte. Glauben Sie mir, ich habe, während der Dampfer mich an den Küsten Ihrer klassischen Heimat vorübertrug, gar oft Ihrer gedacht, und nur die Kürze unseres Aufentalts in Aten verhinderte mich, nach dem lieben Comilitonen alter Zeit zu forschen. – Aber," fuhr er fort und sah aufmerksam in das Antlitz des Universitätsfreundes, – "warum die Wahrheit verhehlen, gewiss, Sie haben sich auch sehr verändert, Gregor, und diese Falten, diese Blässe, stimmen wenig mit Ihren Jahren und dem frischen, kecken Lebensmut, den der Sohn des Helden vom Pyräus sonst in jeder Bewegung, in jedem Worte zeigte."
"Sie haben Recht," entgegnete der junge Mann, "ich fühle es selbst. Aber zuerst, – wie kommen Sie hierher nach der Levante, in die sich brauenden, drohenden Gewitter, Sie, den ich in Berlin in der Gewissheit eines brillanten Examens und einer baldigen guten Praxis oder einer Anstellung im Staatsdienst zurückliess? – Lassen Sie mich das erst hören."
"Der Mentor, der sich Ihnen gegenüber so oft als älter und erfahrener gerirt hat, wusste sich selbst nicht zu leiten. etwa zwei Jahre, nachdem Sie, lieber Freund, nach München und von dort, wie ich hörte, nach Griechenland zurückgekehrt waren, brach bei uns jene merkwürdige, mir selbst kaum erklärliche Revolte aus, die man die Märztage nennt. Sie kennen sie aus den Zeitungen. Ich war töricht genug, mich daran zu beteiligen, nachdem ich mir bereits seit einigen Monaten eine kleine Praxis gegründet hatte. In der Zeit ging Alles drunter und drüber, auch meine Existenz. Meine Familie trennte sich im Zorn von mir; so packte ich mein Bündel und zog nach Frankfurt, wo das deutsche Reichsparlament tagte und tobte. Dort blieb ich bis zum Frühjahr 49 und ein eigentümlicher Zufall, den ich Ihnen wohl später erzähle, führte mich nach der Platz und Baden, als der Prahler Miroslanski dort seine Lorbeeren zu pflücken dachte. Mir war die Sache zuwider, denn ich hatte viel gesehen und erlebt in der Zeit; aber es stand doch mancher eherne Mann mit aufrichtiger Gesinnung, mancher Jüngling mit glühender Phantasie und ehrlichem Herzen unter den Freischaaren, und wenn ich auch nicht an ihrer Seite gegen meine Landsleute focht, so widmete ich ihnen doch meine Kunst und wirkte als Arzt unter den Verwundeten und Sterbenden. Der Fall von Rastatt trieb mich nach Strassburg, von da nach Paris. Ich hätte vielleicht wiederkehren können in meine Heimat, da ich nicht compromittirt genug war, um sie mir für immer versperrt zu sehen; gewiss hätte es nur einer Bitte bedurft; aber teils war ich mit meiner Familie ganz zerfallen und erhielt nur heimlich hin und wieder einen Brief von den Schwestern, teils fesselten mich viele Freundesbande an Paris. Das Flüchtlings-Comitee unterstützte mich und ich gründete mir unter den Verbannten aller Nationen eine Praxis, die wenigstens ihren Mann nährte. – Aber, ich will es Ihnen gestehen, es fehlte mir die Befriedigung, ich sehnte mich fort in die Ferne, auf ein Feld, wo ich mehr wirken und schaffen konnte, aus den erschlaffenden Mauern von Paris mit seinen tausend politischen und socialen Intriguen hinaus in die frische natur. Schon wollte ich nach Algerien gehen, als ein Auftrag von Freunden mir einen anderen Weg wies. Ich erhielt Empfehlungen nach Constantinopel und an Herrn de Latour, den französischen Gesandten, der mir bei den jetzigen Verhältnissen gewiss leicht eine meinen Absichten entsprechende Stellung verschaffen wird. Vorläufig werde ich eine kurze Zeit in Smyrna verweilen."
"Da ist unser Ziel dasselbe," sagte freudig der Grieche, dem die etwas zurückhaltende und vorsichtige Erzählung vollkommen genügte. "Auch ich gehe nach Smyrna, mögen die Heiligen geben, mit gutem Erfolg. Selbst in anderer Beziehung ähnelt sich unser Schicksal, auch die Familie Caraiskakis ist ausgewiesen von hellenischem Boden, aus jener Heimat, die ihr Vater mit seinem Blut erkauft hat!"
"Sie sind verwiesen aus Aten?" fragte erstaunt der Deutsche. "Aber König Otto hat Sie und Ihre Brüder ja selbst erziehen lassen als eine Dankespflicht für den Heldentod Ihres Vaters."
"Wir haben auch über den König nicht zu klagen, er ist gut und will das Beste. Aber Sie kennen die Parteiungen nicht, die das arme Griechenland zerreissen und es immer am Emporblühen