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Auflauf in der Avenue deutlich bemerken konnte; dennoch starrte der Unbekannte mit einem gewissen Entsetzen auf den Kaiser, und die tiefe Narbe, die von der linken Schläfe des greifen Gesichts quer über den Schädel lief, glänzte weiss in der Röte der Aufregung, welche jenes bedeckte.

Der Kaiser hatte sich zu dem Oberst Nei gewandt und ihm, auf den Mann, der in eine alle SoldatenUniform gekleidet war, deutend, einige Worte gesagt, dann aber rasch seinen Weg fortgesetzt. Der Fremde, sobald er bemerkt, dass die Rede von ihm war, kreuzte die arme und erwartete ruhig die Annäherung des Offiziers, der vom Pferde gestiegen war.

"Ich habe einen Auftrag an Sie, mein Herr," sagte er artig zu dem Greise, "und bitte Sie, mir einige Schritte zur Seite zu folgen, um die Aufregung nicht zu vermehren."

"Ich stehe zu Diensten, doch ersuche ich Sie, mir zuvor zu sagen, was jener Auflauf in den Champs Elysées zu bedeuten hat?"

"Es ist so eben ein nichtswürdiges Attentat auf den Kaiser verübt worden, dem Seine Majestät jedoch mit Gottes Hilfe und durch die Wachsamkeit der Polizei des Herrn Balestrino glücklich entgangen ist."

"Ah! Balestrino," sagte der Alte mit finsterm Spott, "er ist ein anderer Mann, als diese Corsen. Und was ist aus dem Mörder geworden?"

"Man hat ihn ergriffen und er befindet sich in diesem Augenblick wahrscheinlich schon auf dem Wege zur Conciergerie." Der Greis schwieg einige Augenblicke. – "Was wollen Sie von mir?" "Der Kaiser, der Sie zu kennen scheint, wünscht Sie zu sprechen." "Er hat Sie beauftragt, mich zu verhaften?" "Neiner befahl mir bloss, Ihr Ehrenwort als Soldat zu fordern, dass Sie sich heute Abend um 10 Uhr bei dem Gouverneur des Invalidenhotels einfinden wollen, von wo man Sie abholen wird." "Und wenn ich mich weigere?" "Dannallerdingsglaube ich auf meine eigene Verantwortungaber Seine Majestät haben einen solchen Fall gar nicht vorausgesehen und mir nur aufgetragen, sein kaiserliches Wort für Ihr ungefährdetes Kommen und Gehen zu verbürgen." "Ich werde kommen!" "Ihr Ehrenwort?" Der alte Soldat sah ihn unmutig an. – "Ihr Vater, der Marschall, hätte an meinem blossen Ja nicht gezweifelt! – Auf mein Ehrenwort als Soldat eines Grösseren, denn er istich werde zur Stelle sein." Er wandte dem Obersten ohne zu grüssen den Rükken und entfernte sich langsam. – – – –––––––––––––––––––––––––––– Ganz Paris war in Aufregung über das Attentat, die Polizei in Bewegung; das diplomatische Corps, die Minister, die hohen Corporationen mit der Familie des Kaisers waren schon vor dessen Rückkehr in den Tuillerieen versammelt, um Glück zu wünschenbis 10 Uhr dauerte die Flut der Audienzen, ehe der Kaiser zur Ruhe kommen konnte. Der Justizminister hatte noch am Abend seine Aussage aufgenommen. – –

Im Arbeitszimmer des K a i s e r s , demselben, in welchem vor Jahresfrist Credit, Krieg und Revolution so wichtige Beschlüsse erfuhren, sass der Gebieter Frankreichs, bequem hingestreckt auf einer Chaiselongue, zur Seite einen vergoldeten Gueridon, auf dem mehrere Papiere ihm zur Hand lagen. Der Kaiser rauchte eine Cigarre, zwei Herren mit hohen Ordensauszeichnungen auf dem Frack standen an dem grossen Arbeitstisch. Wir sind Beiden bereits begegnet: – Graf W a l e w s k i , der bisherige Gesandte in England, und P e r s i g n i , der frühere Minister des inneren. Sie waren bestimmt, ihre Rollen in dem neuen Ministerium zu tauschen.

Die Verhandlung hatte bereits einige Zeit gedauert. – "Eine Ihrer letzten Amtshandlungen, lieber Graf," sagte fortfahrend der Kaiser, "soll die Stellung der Corsen unter Balestrino's Leitung sein. Ich habe mich überzeugt, dass er der Geschickteste und Tätigste ist."

"Wann glauben Euer Majestät, dass die Veröffentlichung der Ernennungen erfolgen soll?"

"In fünf oder sechs Tagen. Die Demission Drouin de L'Huys muss erst im Publikum ihre wirkung tunaugenblicklich verdrängt sie der heutige Vorfall. Die Ernennung Touvenel's für Constantinopel soll den Anfang machen. Lassen Sie einstweilen nur Layard und Roebuck mit ihrem Sebastopol-Comité für uns arbeiten. Lord Bourgoyen's zeugnis ist noch compromittirender, als das des Herzogs von Newcastle und das Spiel wird binnen Kurzem in unsere Hand sein."

"Oberst Sibtorp," sagte Graf Walewski spottend, "beabsichtigt Lord Russell über Spezifizirung seiner Wirtshausrechnungen für die Mission nach Berlin und Wien zu interpelliren. Er meint, die Ausgaben für die weibliche Begleitung müssten gestrichen werden."

Der Kaiser lachte herzlich. – "Diese Sucht unserer geliebten Alliirten, sich zu compromittiren, kommt uns sehr zu Statten. Palmerston's Eigensinn ist die beste Chance, die wir uns wünschen konnten und ich prophezeihe Ihnen, die Friedensconferenzen werden ihrer Zeit n u r in Paris stattfinden. Wann glauben Sie, Graf, dass der neue Schlüssel für die Chiffern in London eintreffen kann?"

"Nicht vor dem 6. oder 7. Mai."

"Das passt zu dem Ambassadenwechsel. Es ist eine kostbare idee dieser Engländer, – ein einziges Exemplar zurückzuhalten und das so glücklich sich escamotiren zu lassen."

"Und was beschliessen Euer Majestät in Bezug auf die dadurch erfahrene Absicht