unbedeutenden Wunden das seine war; denn über ihm lag, mit seinem eigenen Körper ihn schirmend und von zwanzig Bajonnetstichen durchbohrt, von Kolbenschlägen zerschmettert, der treue Bogislaw, der schon die erste Stunde seines Hüteramtes mit dem Herzblut zahlte. Mit den letzten Atemzügen, den letzten zuckenden Bewegungen des fliehenden Lebens noch suchte er den seinem Gebieter geleisteten Eid zu halten und den Jüngling zu schützen.
Da – als auch die riesige Kraft Koschka's zu erlahmen begann und sein schäumender Mund nur noch unverständliche heisere Töne murmelte und der Kolbenschlag eines Schotten ihn schon auf ein Knie sinken gemacht – donnerte das "Urrah" der Russen als Jubelruf der Rettung in ihre Ohren, und rechts und links stoben die Engländer auseinander in eiliger Flucht nach der zweiten Tranchee.
"Der heilige Andreas, sankt Basilius und wie sie Alle heissen, lohne Euch den Liebesdienst, Lieutenant Birjulew," keuchte der befreite Matrose, indem er seinen Gefangenen, den Kommandanten des 34. Infanterie-Regiments, am Kragen aufhob und ihn wie einen Sack sich über die Schultern warf; "ich habe den Inglischen, der mir Bolotnikow erschoss. Aber ich bitte' Euch, nach dem Knirps da zu sehen, der mir so wakker beigestanden, und dem Mann, der mit ihm war. Ich möchte selbst kein todtes Stück der tapfern Burschen in den Händen der Feinde lassen."
Man hob den blutigen verstümmelten Körper des Jägers auf, legte ihn über zwei Gewehre und richtete den jungen Offizier empor, der mehr betäubt als verletzt war und, rasch zu sich kommend, die blutüberströmte Hand seines Retters in der seinen, neben der improvisirten Trage herlief. Denn Lieutenant Birjulew befahl, nachdem der Zweck des Anfalls erreicht, den eiligsten Rückzug, um das so glücklich bisher ausgeführte Unternehmen nicht im letzten Augenblick noch zu gefährden. Während die russischen Schützen in den Logements die Verfolger in Respekt hielten, gelangte die kleine Colonne glücklich an den Fuss des berges, wo sie ihre Verwundeten an die mit den Sänften und Tragen harrende Reserve abgab und im Schutze der Nacht und des Feuers des "Jehudil", der in der Spitze der Südbucht ankerte, den gefährlichen Sarandakina-Grund passirte und die Mast-Bastion wieder erreichte.
Man hatte ausser dem Obersten einen englischen Ingenieur-kapitän und zwölf Soldaten zu Gefangenen gemacht. Nur mit Mühe konnte Koschka bewogen werden, den seinen wieder auf die Beine zu stellen und in einer den Kriegsgebräuchen entsprechenderen Weise zu behandeln und zu transportiren, und es bedurfte des ernsten Befehls seines Kommandanten dazu.
Der Ausfall hatte übrigens auch auf den anderen Punkten, wiewohl mit grossen Verlusten, einen günstigen Erfolg für die Russen gehabt. Die Truppen Chrulef's schlugen sich gegen die Divisionen Mayran und Brunet und nahmen und verloren drei Mal das Terrain zwischen den russischen Redouten und den französischen Trancheen, bis es endlich in ihren Händen blieb und die am Abend vorher von den Franzosen eroberten Logements wieder von ihnen besetzt wurden. Auch die griechischen Freiwilligen verrichteten tapfere Taten gegen den rechten Flügel der britischen Trancheen und warfen das 77. und 97. Regiment.
Dieser glückliche Ausgang führte eine in der geschichte des Krieges kaum erhörte kühne Offensive der Belagerten gegen die Belagerer herbei, indem die Ersteren mit einer verbundenen Linie neuer Contre – Approchen bis auf 600 Schritt gegen die feindlichen Parallelen vorgingen. – – –
Als die tapfere Schaar Birjulew's, der für diese Nacht zum kapitän-Lieutenant und Flügel-Adjutanten ernannt wurde, zu ihrer Bastion zurückgekommen, fand sie schon am Eingang derselben neben dem Admiral die beiden Frauen mit dem Verbinden der vorausgesandten Verwundeten beschäftigt. Michael, der Unterfähnrich, hatte seinen Retter keinen Augenblick verlassen; als man den blutigen Körper aber aus der Sänfte hob, war längst auch der letzte Funke von Leben entflohen. Prasskowja Iwanowna machte darauf aufmerksam, dass die verstümmelten Finger des Mannes das blutüberströmte, von Bajonnetstichen zerrissene Fragment eines Briefes im Todeskampf aus der inneren tasche seines Rockes gezogen zu haben schienen und festgeklammert hielten, gleich als sei die Bestellung des Blattes die letzte Aufgabe seines Lebens. Als man es aus der erstarrten Hand gelöst, entzifferte man die Adresse des jungen Fähnrichs, der halb bewusstlos über der Leiche seines Freundes jammerte. Der Matrose Koschka aber legte die schwere Hand auf seine Schulter, während die kleine behende Alte seine eigenen Wunden verbinden half, und sagte: "Zum Henker, Bursche, ein braver Kerl wie Du muss nicht weinen! Sie sollen mich an den Flaggenknopf vom grossen Mast schnüren und zwei Mittelwachen lang in der Julisonne am sankt Georgen-Cap braten lassen, wenn Koschka Dir je vergisst, dass Du mit dem toten dort der einzige bei ihm bliebst in den britischen Tranchirungen!" –
Eine Trauerkunde trübte die Freude des tapfern Marine-Lieutenants über das gelungene Unternehmen; sein Gesellschafter am Nachmittag, der Podpolkawnik Sazepin, war im Laufe des Abends auf dem eben erst übernommenen Posten in den Trancheen der Redoute Schwarz getödtet worden, seine Ahnung also in rasche Erfüllung gegangen. – –
Als Michael Lasaroff am andern Morgen, während ein Waffenstillstand zwischen den Gegnern zur Beerdigung der toten ihm Musse gab, den zerrissenen, halb vernichteten Brief zu lesen versuchte, konnte er nur folgende geheimnissvolle, blutverwischte Worte noch entziffern:
"Mein geliebtes ......
... wollte es wohlmachen mit Dir, meiner .......... letzten Freude auf der Welt, ........ Wohl fühle ich, dass ....