1855_Goedsche_156_103.txt

den verwundeten und gefangenen Feinden, deren Sprache sie verstand.

Immer heiter, immer munter bei der zärtlichsten Teilnahme war dagegen die kleine Alte, die von ihren geringen Mitteln in den Apoteken Eau de Cologne, Hoffmannstropfen und andere Linderungsmittel, kaufte und von den Gaben der Fürstin, mit der sie bald an den Krankenbetten Bekanntschaft gemacht, reichlich unterstützt wurde. Meistenteils war sie in den Verteidigungswerken selbst tätig, brachte, wo Jemand in der Nähe getroffen wurde, die erste Hilfe und legte den ersten Verband an. Dann pflegte sie zu sagen: "Sei lustig!" oder wenn sie einen Leichtverwundeten verbunden hatte: "Sei nicht feige, geh' wieder auf Deinen Posten!" Die Matrosen schwärmten für sie.

Die Alte trippelte auf den Admiral zu. – "Gott grüsse Dich, mein Täubchen, mein Landsmann! Ein Soldat, der uns begegnete in der Stadt, erzählte uns, dass Ihr einen Schwerverwundeten hier habt und er einen Regimentsdoctor holen solle. Da dachte ich und die gute Dame hier, es würde gut sein, wenn wir Euch sogleich ein wenig Hilfe brächten. Ich hätte Dich ohnehin heute Abend noch besucht, Admirälchen, mein Liebling, da ich gehört habe, dass wieder Etwas im Werke ist."

"Sei uns willkommen, Mutter Prasslowja Iwanowna," sagte der Admiral, "und Sie, durchlauchtige Dame, genehmigen Sie Unsere Verehrung, denn ich müsste mich sehr in der Aehnlichkeit irren, wenn ich nicht die edle Schwester unsers tapfern Kameraden Iwan Oczakoff vor mir sähe."

Die junge Dame machte eine bejahende Verneigung, indess Aller Augen bewundernd an ihr hingen.

"Verzeihen Sie einem alten Seemann," fuhr der Admiral fort, "der seit Monaten diesen Posten nicht verliess und Sie also nur durch den Ruf Ihrer Mildtätigkeit für uns arme Soldaten kennt, der ganz Ssewastopol erfüllt. Ihr wackerer Bruder hat auf dieser Bastion bereits gezeigt, wie würdig er einer solchen Schwester ist."

"Das Lob Iwan's aus dem mund eines solchen Helden muss selbst die Schwester ehren," sagte die Fürstin graziös. "Doch ist es Euer Excellenz gefällig, uns zu dem Verwundeten geleiten zu lassen, um zu sehen, ob wir seine Schmerzen erleichtern können?"

"Ja, Batuschka," fiel die kleine Alte ein, "tue Das, wir haben allerlei mitgebracht, was Deine Beinabschneider nicht haben. Und Ihr, meine Jungen, Täubchen, Kinderchen, wir bleiben heute Abend bei Euch und werden abwarten, wie Ihr Eure Sache macht und ob Ihr heil zurückkommt. Auf der RedanBastion und dem Korniloff haben heute die guten Schwestern vom Kreuz den Dienst übernommen."

Ein freudiger Zuruf antwortete der Alten und sie schüttelte sich mit den Matrosen und Soldaten die hände, putzte an ihnen herum und gab ihnen hundert gute Lehren. – "Ich fürchte," sagte der Admiral, "selbst Pirogoff's Hilfe wird bei unserm Kranken wenig vermögen. Beide Füsse sind ihm von einer Vollkugel zerschmettert. Doch mag ihm schon Ihre segenbringende Nähe ein Trost sein und ich will Sie sogleich zu ihm geleiten lassen."

Aus dem Kreis der Offiziere sprang der junge Unterfähnrich Lasaroff, dessen Augen voll Bewunderung an der schönen Samariterin gehangen hatten, mit der Frage: "Darf ich?" und der Admiral nickte lächelnd dem jungen Führer Einwilligung, dessen Schnelle der Galanterie seiner ältern gefährten zuvorgekommen war. ––––––––––––––––––––––––––––

Es war 10 Uhr, der Himmel wolkenbezogen geworden, so dass die Dunkelheit dem Angriff ihren Schutz verhiess. Bei der Batterie des Lieutenants Perekomski hatte sich das Detaschement versammelt: 475 Mann und 80 nur mit Spaten und Hauen bewaffnete Arbeiter. Lieutenant Birjulew hatte jetzt den Leuten den Zweck des Unternehmens und seine Anordnungen bekannt gemacht und sie harrten in geschlossenen Abteilungen des Kommandos zum Vorgehen.

Jetzt keuchte von der Bastion ein Unteroffizier her, ein zweiter Mann mit ihm. – "Der Admiral lassen Euer Gnaden sagen, dass der Augenblick gekommen. Das Signal ist auf der Bastion zu sehen," meldete der Erstere dem Kommandanten.

"Dann, Kinder, fertig. Ich habe Euch nur zu empfehlen, unter keiner Bedingung die FrontLinie zu brechen, sondern Schuller an Schulter zu marschiren, und werde genau Acht geben auf jede Uebertretung dieses Befehls. Mützen ab!"

Die Waffen rasselten leisedie ganze Schaar bekreuzte sich drei Mal mit tiefer Andacht. Währenddess hatte der Begleiter des Boten umhergefragt nach dem Unterfähnrich Lasaroff und den Jüngling endlich aufgefunden. – "Um der Heiligen willen, B o g i s l a w , wo kommst Du her? Ist meinem Grossvater ein Unglück geschehen?"

"Das grösste, was ihn treffen konnte, Junker: Eure Flucht!" sagte der treue Jäger. "Der alte Graf war ausser sich und wollte Euch nach; aber in Baktschiserai verweigerte man ihm die erlaubnis, nach Ssewastopol zu gehen, und zwang ihn, umzukehren."

"Gott sei Dank, dass er gesund ist und die Gefahren in der Festung nicht teilen darf. Ich konnte nicht anders, Bogislaw!"

"Ich glaube' Euch, Junker, und begreife das. Ich meine, der Herr gibt Euch im Stillen selbst Recht. Ich habe einen Brief an Euch von ihm."

Das Kommando: "Vorwärts mit Gott! Marsch!" unterbrach das Gesprächdie Colonne begann mit raschem, möglichst leisem Schritt sich in Bewegung zu setzen.

"Geh' zurück, BogislawDu wirst mir ihn später geben