. Er bewohnte ein Erdloch, wie die meisten Soldaten der Batterieen, und war unermüdlich tätig, bis er drei Monate später und nachdem er wochenlang nur einzelne Stunden geschlafen hatte, gänzlich zusammenbrach und für tot nach Ssewastopol gebracht werden musste, wo er wieder zu sich kam und zu seiner Herstellung nach Odessa geschickt wurde.
Hinter dem Befehlshaber bemerkte man auf einer Trage einen Schwerverwundeten. Die entgegen gehenden Offiziere erfuhren bald, dass es der Major Woschtschenski, der Kommandant der Redoute war, der in Gegenwart des Vice – Admirals schwer blessirt worden.
"Es ist mir lieb, Sazepin, Dich gleich zu treffen." sagte Jener. "Du musst auf der Stelle hinüber und den Befehl übernehmen. kapitän Lawroff ist zwar ein ausgezeichneter Offizier und glücklicher als seine Vorgänger, die in den Trancheen immer nur wenige Tage aushalten konnten, aber er hat damit vollauf zu tun und bereits zwei starke Contusionen am Kopf, die ihn fast blind machen.5 Er ist zu jung noch, um vorsichtig zu sein; eile Dich also, dass Du hinüberkommst. Ist ein Arzt auf der Bastion?"
Nur zwei Chirurgen waren augenblicklich zur Stel
le in dem zum vorläufigen Verband – Lokal eingerichteten Kasemattenraume. Ihnen wurde der Verwundete übergeben, da er sich, wieder zu sich gekommen, beharrlich weigerte, sich nach der Stadt schaffen zu lassen. Der Admiral schickte einen Boten nach dem nächsten Lazaret ab, um einen erfahrenern Arzt herbeizuholen, indess Oberstlieutenant Sazepin mit ernster Miene von seinen Gesellschaftern Abschied nahm, ihnen einen glücklichen Ausgang ihres Unternehmens wünschte und sich dann auf den Weg machte.
Baron Meiendorf hatte sich dem Vice – Admiral
vorgestellt und in seiner Gegenwart dem kommandirten Führer der Expedition die speziellen Instruktionen wiederholt. Es galt die Stellung der Engländer auf dem grünen Hügel zwischen dem Labordonaja- und Saranda – Nakina – Grund zu allarmiren und zu beschäftigen, um hierdurch den Angriff des kapitän Budischtschef von links zu unterstützen. Zugleich sollten die vorgeschobenen Schützengruben genommen und gegen den Feind gekehrt werden. Die Richtung von der Bastion her musste entlang der französischen Schildwachen genommen werden und es bedurfte daher grosser Vorsicht. Die Offiziere besprachen noch dies Unternehmen, als ein lauter Jubelruf der Matrosen und Soldaten sie störte. Der Admiral sah sich zornig um, aber seine Miene wurde sogleich wieder freundlich, als er zwei Frauen auf sich zukommen sah, umringt von einer Anzahl der tapfern Verteidiger, die mit fast kindischer Freude und einer Verehrung wie für Heilige die Beiden begrüssten.
Es waren zwei sehr verschiedene Erscheinungen, eine alte dürftig gekleidete kleine Frau, aber überaus beweglich und rührig, das saltige Gesicht mit dem immer geschwätzigen Mund voll Heiterkeit aus der weissen Haube hervorlachend; – die Andere eine edle jugendliche Gestalt mit ernstem, von dunklem Schleier umhüllten, von Luft und Anstrengung geröteten Gesicht, dessen interessantes Profil auf den ersten blick fesselte. Ein junger Kosack trug hinter ihr einen grossen Handkorb mit Verbandleinen, Charpie und verschiedenen Linderungs- und Stärkungsmitteln gefüllt.
Ganz Ssewastopol kannte bereits die beiden Frauen: P r a s s k o w j a I w a n o w n a G r a s o f f , die kleine Alte, die zu Anfang des Jahres plötzlich ihrer Familie in Petersburg entwichen war und in Ssewastopol erschien, um die letzten Tage ihres Lebens den Verteidigern zu widmen, und I w a n o w n a Fürstin O c z a k o f f , ein Engel des Lichtes für die Leidenden und Verzweifelnden.
Sie gehörten nicht einmal zu dem Orden jener barmherzigen Schwestern von der Gemeinschaft zur Kreuzes – Erhöhung, die seit dem 1. December unter der Anleitung des berühmten russischen Anatomen und Operateurs Pirogoff in den Lazareten und auf den Kampfstätten selbst eine furchtlose Menschenliebe und eine Tätigkeit entwickelten, die in den erhabensten Aufopferungen der Menschengeschichte nur dem ewigen Vorbild des göttlichen Erlösers nachsteht. Die beiden Frauen, die so eben die Bastion betreten, die eine alt und gebrechlich, die andere jung, schön, mit allen Gütern des Lebens gesegnet, kamen ohne das kirchliche Gelübde nur aus dem Gesicht der reinsten Vaterlandsliebe auf die Stätte der Schmerzen und weihten ihre Kräfte, ihr Leben den Unglücklichen.
Iwanowna Oczaloff war mit ihrem Bruder, der, wie es hiess, seine Stelle im Stabe des Fürsten – Admirals aufgegeben, um sich als Freiwilliger den Verteidigern Sebastopol's anzuschliessen, zu Ende December in der belagerten Stadt eingetroffen, begleitet von einer schwarzen Dienerin und dem alten Jessaul nebst seinen zwei ihm gebliebenen Enkeln. Sie hatten auf der Südseite in der Nähe des Denkmals Kasarski's, das so merkwürdig verschont blieb in all' den furchtbaren Bombardements, welche die Stadt erlitt, ein Haus bezogen, in dem im Herbst der junge Fürst den wahnwitzigen Tabuntschik pflegen liess und das der Familie gehörte. Hier teilten sie alle Schrecken und alles Elend der furchtbaren Belagerung unter hundert Handlungen des Heldenmuts und der Nächstenliebe, sonst aber in vollständiger Abgeschlossenheit lebend. Fürst Iwan hatte verschiedenen Ausfällen beigewohnt und in den Batterieen Dienste getan, während seine liebliche Schwester täglich, wenn ihr Bruder nicht im Dienst war, die Hospitäler besuchte und die Verwundeten pflegte. Doch sah man auffallender Weise nie die Geschwister zusammen und Eines hütete das Haus, wenn das Andere es verliess. Auch die schwarze Dienerin hatte seit mehreren Wochen die Schwelle desselben nicht überschritten. Das Wesen der Fürstin, wenn sie unter den Leidenden erschien, war stets ernst und still; einen grossen teil ihrer menschenfreundlichen Tätigkeit widmete sie nicht bloss den kranken Landsleuten, sondern mit gleicher Sorgfalt