1855_Goedsche_156_101.txt

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"Koschka, den Liebling des seligen Admirals? ei, wer hätte das nicht, der in den letzten drei Jahren am Schwarzen Meer stand! Ist es nicht derselbe Bursche, der bei Sinope eine Fregatte in Brand steckte und im ägeischen Meere den Kampf gegen fünf griechische Seeräuber bestand? Ich möchte ihn wohl sehen."

"Derselbe, Herr, Sie können seine Bekanntschaft leicht machen. Er liegt dort oben in der Schiessscharte auf seiner Kanone und schläft, weil Beide gerade Ruhe haben." – Der Offizier setzte die silberne Seemannspfeife an die Lippen und liess einen langgezogenen Ton erklingen, worauf man eine Menge kräftiger Männer aufmerksam die Köpfe erheben sah und auch der Schläfer bei dem Wiegenlied der Kanonenschüsse den seinen erhob; der einzige sogar nur halblaut gesprochene Name brachte ihn sofort auf die Beine und er kam mit dem langsamen, schwankenden Schritt, der den Seeleuten eigen ist, auf die Gruppe der Offiziere zu, zog seine fettglänzende Haarlocke über die Stirn und machte einen tiefen Kratzfuss.

Es war ein Mensch von riesigem und dennoch grosse Behendigkeit verratendem Gliederbau, das Gesicht mit den scharf ausgeprägten Zügen der mongolischen Race, doch von grosser Gutmütigkeit: nur das schmal geschlitzte Auge blitzte Scharfsinn und Keckheit.

"Euer Gnaden haben mich gerufen?"

"Wohl, tapferer K o s c h k a . Ich hörte mit Vergnügen, dass Du Dich zu der Zahl der Matrosen gemeldet, welche uns heute Nacht begleiten werden. Du sollst die Vorhut führen, wenn Du versprichst, der Ordre die strengste Folge zu leisten und Dich nur dann auf ein Schlagen einzulassen, wenn ich es befehle."

Der grosse Matrose wiegte sich etwas verlegen auf seinen Hüften. – "Ah, Euer Gnaden sticheln wegen der dummen geschichte in den französischen Tranchirungen, oder wie sie das Ding nennen. K tschortu! Aber ich möchte, wenn's Euer Gnaden Nichts verschlägt, gern erst hören, mit wem wir diese Nacht zu tun haben sollen, ehe ich leichtsinnig so ein Versprechen gebe."

Der Marine Offizier lachte. – "Ja, Bratka, das weiss ich selbst noch nicht so recht, da musst Du diesen Herrn befragen."

"Ist er von den Unsern?" fragte der Matrose vertraulich.

"Wenn Du meinst von der Marine," entgegnete der Bezeichnete, "so habe ich allerdings nicht die Ehre und werde nicht einmal den Ausfall mit machen. Aber ich bin Offizier vom Stabe des Fürsten und war mit ihm an der Donau."

"Ah," sagte der Matrose mit wenig verhehlter Geringschätzung, "das sind, glaube' ich, die Herren, die immer reiten müssen. Nun, – es muss auch solche geben und ich möchte wohl auch ein Mal auf einem Pferde sitzen, bloss um zu sehen, ob es wahr ist, dass so ein Ding beim Laufen gerade so stösst, wie die Sturzwellen in der See bei Nordost." – Er zog die Hosen in die Höhe und fuhr sich verlegen durch die Haare. – "Weisst Du, Väterchen." fuhr er halblaut zu seinem Offizier fort, "ich traue dem Neuen noch nicht so ganz, er gehört zu dem Landvolk, doch denke ich so bei mir, unser Vater Nachimoff wird wohl das Beste für ihn tun. Aber der Teufel soll meine Mutter kriegen, wenn ich auf Deinen Vorschlag nicht lieber gleich die Wahrheit sage. Wenn's gegen die Inglischen geht, stell' mich lieber hinten hin, denn ich habe einen Zahn auf die Burschen, der noch nicht ausgeglichen ist, und ich möchte da vielleicht verlauter sein, als erlaubt wird. Gieb Bolotnikow meine StelleDu kannst Dich auf ihn verlassen. Gott und die Heiligen wissen es."

"Was hast Du mit den Engländern, Koschka?"

"Das ist doch klaralle Welt weiss es, sie haben den Kaiser durch den Telo-Grafen, den Hundssohn, vergiftet, weil er nicht türkisch werden und die Factoria zur zweiten Frau nehmen wollte. Als ob ein rechtgläubiger Mann nicht an einem Weibsen genug hätte, wenn sie auch eine Königin sein täte. Ausserdem hat das Szbrod4 mir vor drei Tagen eine so gute Kanone zerschossen, wie nur je eine noch ihren Schnabel durch die Luken gesteckt hat."

Das Lächeln der Umstehenden prallte an der genügsamen überzeugung des Meerwolfs ab. Er sah sie Alle ziemlich scheel von der Seite an und knurrte einige unverständliche Höflichkeiten in den Bart, denn als Liebling der Admirale nahm er sich manche Freiheit heraus. Dann seinen plumpen Gruss wiederholend, wollte er sich eben entfernen, als sein scharfes Seemannsauge auf die zwischen der Mastbastion und der Bastion V. vorgeschobene Redoute Schwarz fiel. "Der Admiral wird sogleich hier sein, Väterchen," sagte er zu dem Lieutenant. "Seine Flagge ist fort und ich sah sie noch an ihrer Stelle, ehe ich hierher kam."

Ein blick überzeugte den Offizier, dass das Privatsignal eingezogen war, welches den Truppen den Ort des Verweilens des Abteilungskommandanten jedes Mal anzeigte, und bald darauf sah man auch in dem gedeckten Trancheeweg eine kleine Gruppe von Männern eilig heran kommen.

Es war der Vice-Admiral N o w o s s i l s k i , der seit fünf Monaten den Befehl der zweiten Verteidigungsabteilung (von der linken Flanke der Bastion V. bis zum LabordonajaGrund) führte und während der ganzen Zeit den ihm zugeteilten Rayon nicht verlassen, ja nicht ein einziges Mal sich entkleidet hatte