des neunzehnten Jahrhunderts, im mund, ein Zeichenbrett auf den Knien und den Stift in der Hand. Ein dreibeiniger Tisch, der ohne Zweifel einst unter die Quadrupeden gehört hatte, war an diese Lagerstatt gezogen; ein leerer Bierkrug, eine halbgeleerte Zigarrenkiste, Tuschnäpfchen, bekritzelte Papiere und andere heterogene Gegenstände bedeckten ihn im reizendsten Mischmasch. drei verschieden gestaltete Stühle hatte die "Bude" aufzuweisen; der eine aus der Rokokozeit diente als Bibliotek, der andere, ein grünangestrichener Gartenstuhl, verrichtete die Dienste eines Kleiderschranks und der dritte, von dessen früherem Polster nur noch der zerfetzte Überzug herabhing, war, o horror! – zur – Toilette entwürdigt, und ein Waschnapf, Seife, Kämme und Zahnbürsten machten sich viel breiter auf ihm, als irgend nötig war. In einer Ecke des Zimmers lehnte der Ziegenhainer des wanderlustigen Karikaturenzeichners, und auf ihm hing sein breitrandiger Filz. In einem andern Winkel hing eine umfangreiche Reisetasche, und die Wände entlang war mit Stecknadeln eine tolle Zeichnung neben der andern festgenagelt. Das Ganze ein wahres Pandämonium von Humor und skurrilem Unsinn.
"Ah, mein Nachbar!" rief Meister Strobel, bei meinem Eintritt von seinem Sofa aufspringend, mit der einen Hand das Zeichenbrett fortlehnend, mit der andern den wackelnden Tisch am Fallen hindernd. "Das ist sehr edel von Ihnen, dass Sie meinen Besuch so bald erwidern; seien Sie herzlichst gegrüsst und nehmen Sie Platz!" Mit diesen Worten liess er die Last des Bibliotekstuhls zur Erde gleiten und zog ihn an den Tisch, von dem er ebenfalls die meisten Gegenstände an beliebige Plätze schleuderte.
"Ich bin gekommen, Ihnen mitzuteilen, Herr Strobel, dass Ihre Blätter grossen Anklang bei der Redaktion der 'Welken Blätter' gefunden haben und dass dieselbe stolz sein wird, Sie unter ihre Mitarbeiter zu zählen."
"Sehr verbunden", sagte der Zeichner, der sich auf mysteriöse Weise eben am Ofen beschäftigte, "bitte, nehmen Sie eine Zigarre und erlauben Sie mir, Ihnen eine Tasse Kaffee anzubieten."
Er sah und roch in einen sehr verdächtig aussehenden Topf, den er aus der Ofenröhre nahm. – "O weh", rief er, während ich alle Heiligen des Kalenders anrief, "die Quelle ist versiegt!"
"Bitte, machen Sie keine Umstände, Ihre Zigarren sind ausgezeichnet!"
"Ja", sagte Strobel, sich nun wieder auf sein Sofa setzend, "das ist der einzige Luxus, den ich nicht entbehren könnte, und ich preise meinen Stern, der mich in einer Zeit geboren werden liess, wo man die Redensart 'Kein Vergnügen ohne die Damen', in die jedenfalls passendere 'Kein Vergnügen ohne eine Zigarre' umgeändert hat."
"Sind Sie ein solcher Weiberfeind?"
"Keineswegs; im Gegenteil, ich beuge mich ganz und gar dem französischen Wort 'Ce que femme veut, Dieu le veut' und ziehe – deshalb gerade – die nicht so anspruchsvolle Zigarre vor, die für uns glüht, ohne das gleiche zu verlangen, die interessant ist, ohne interessiert sein zu wollen, und so weiter, und so weiter!"
"Sie sind wirklich ein echtes Kind unserer Zeit, die durch zu viele und zu verschiedenartige Anspannungen im ganzen bei dem einzelnen das Gehenlassen, die Ataumasie, die Apatie zur Gotteit gemacht hat."
"Puh", sagte der Zeichner, eine gewaltige Dampfwolke fortblasend, "ich konnte's mir denken, da sind wir schon in einem solchen gespräche, wie sie alles Zusammenleben jetzt verbittern: übrigens ist unsere Zeit durchaus nicht apatisch, aber der einzelne fängt an, das wahre Prinzip herauszufinden, dass nämlich die Sache durch die Sache gehen muss. – Nicht jeder erste und taliter qualiter beste soll sich fähig glauben, den Wegweiser spielen zu können, den Arm ausstrekken und schreien: Holla, da lauft, dort geht der rechte Weg, dortin liegt das Ziel!"
"Und die seitwärts abführenden Holzwege?..."
"Laufen alle der grossen Strasse wieder zu, nachdem sie an irgendeiner schönen, merkwürdigen, lehrreichen Stelle vorübergeführt haben. Ich, der Fusswanderer, habe nie soviel Erfahrungen für den Geist, soviel Skizzen für meine Mappe heimgebracht, als wenn ich mich verirrt hatte."
"Sie müssen ein eigentümliches Leben geführt haben und führen!" sagte ich, den sonderbaren Menschen vor mir ansehend. Er strich mit der Hand über das sonnverbrannte, verschrumpfte Gesicht und lächelte.
"Ein Leben, das gern auf Irrwegen geht, ist stets eigentümlich!" sagte er. "übrigens wird jeder Mensch mit irgendeiner Eigentümlichkeit geboren, die, wenn man sie gewähren lässt – was gewöhnlich nicht geschieht –, sich durch das ganze Leben zu ranken vermag, hier Blüten treibend, dort Stacheln ansetzend, dort – von aussen gestochen – Galläpfel. Was mich betrifft, so bin ich von frühester Jugend auf mit der unwiderstehlichsten Neigung behaftet gewesen, mein Leben auf dem rücken liegend hinzubringen und im Stehen und Gehen die hände in die Hosentaschen zu stecken. Sie lächeln – aber was ich bin, bin ich dadurch geworden."
"Ich lächelte nur über die Richtigkeit Ihrer Bemerkung. Wir alle sind Sonntagskinder, in jedem liegt ein Keim der Fähigkeit, das Geistervolk zu belauschen, aber es ist freilich ein zarter Keim, und das Pflänzchen kommt nicht gut fort unter dem Staub der Heerstrasse und dem Lärm des Marktes."
"Holla", rief der Zeichner, plötzlich aufspringend und nach dem Fenster