leise dein altes Totengräberlied in den Bart!
Wie die Schollen dumpfer und dumpfer auf den Sarg poltern, und wie jeder Ton das arme Herz erzittern lässt in seinen tiefsten Tiefen! Wie das Auge sich anklammert an den letzten Schein des schwarzen Holzes, der durch die bedeckende Erde schimmert, bis endlich jede Spur verschwindet, die hinabgeworfene Erde nur noch Erde trifft, die Höhle sich allmählich füllt und endlich der Hügel sich erhebt, der von nun an mit dem geliebten begrabenen Wesen in unsern Gedanken identisch ist!
Wunderliches Menschenvolk, so gross und so klein in demselben Augenblick! Welch eine Tragödie, welch ein Kampf, welch ein – Puppenspiel jedes Leben, von dem des Kindes, das vergeblich nach der glänzenden Mondscheibe verlangt und verwelkt, ehe es das Wort "ich" aussprechen kann, bis zu dem des grübelnden Philosophen, der in dasselbe Wörtchen "ich" das Universum legt und zusammenbricht, ein körper- und geistesschwacher Greis, welcher kaum noch das Gefühl für Wärme und Kälte behalten hat.
Sieh um dich, Johannes: Verkehrt auf dem grauen Esel "Zeit" sitzend, reitet die Menschheit ihrem Ziele zu. Horch, wie lustig die Schellen und Glöckchen am Sattelschmuck klingen, den Kronen, Tiaren, phrygische Mützen – Männer- und Weiberkappen bilden. Welchem Ziel schleicht das graue Tier entgegen? Ist's das wiedergewonnene Paradies, ist's das Schafott? Die Reiterin kennt es nicht; sie – will es nicht kennen! Das Gesicht dem zurückgelegten Wege, der dunkeln Vergangenheit zugewandt, lauscht sie den Glöckchen, mag das Tier über blumige Friedensauen traben oder durch das Blut der Schlachtfelder waten sie lauscht und träumt! Ja, sie träumt. Ein Traum ist das Leben der Menschheit, ein Traum ist das Leben des Individuums. Wie und wo wird das Erwachen sein?
Auf einem Berliner Friedhofe liegt über der Asche eines volkstümlichen Tonkünstlers, der auch viel erdulden musste in seinem Leben, ein Stein, auf welchen eine Freundeshand geschrieben hat:
Sein Lied war deutsch und deutsch sein Leid,
Sein Leben Kampf mit Not und Neid,
Das Leid flieht diesen Friedensort,
Der Kampf ist aus – das Lied tönt fort! –
Ich lege die Feder nieder und wiederhole leise diese Zeilen. Ich kann heute nicht weiterschreiben.
Am 5. Dezember
Meinem Versprechen gemäss hatte ich der Redaktion der Welken Blätter – Wimmerianischen Angedenkens – einige der Federzeichnungen meines Nachbars Strobel vorgelegt und konnte heute schon ihm seine Aufnahme unter die Zeichner jenes witzigen Journals ankündigen. Da ich seine Nase hinter den Scheiben seiner Fenster einige Male hatte hervorlugen sehen, so machte ich mich auf den Weg hinüber zu meiner alten wohnung, in der ich, seit ich sie verlassen, so viele ein- und ausziehen gesehen habe.
Die dicke Madam Pimpernell hat es aufgegeben, in eigener, gewichtiger person über den Vorräten des Viktualienladens zu tronen, sie hat sich in einen gewaltigen, ausgepolsterten Lehnstuhl hinter dem Ofen zurückgezogen, von wo aus sie oft genug Dorette – auch Rettchen genannt –, ihre hagere Tochter und Nachfolgerin im Reich der Käse, der Butter und der Milch, zur Verzweiflung zu bringen vermag.
Das mittlere Stockwerk des Hauses Nr. elf steht augenblicklich leer, indem nach heftigen Kämpfen mit dem Parterre, treppauf und -ab, die letzten Einwohnerinnen: die verwitwete Geheime Oberfinanzsekretärin Trampel und ihre zwei sehr ältlichen und sehr ansäuerlichen Töchter Heloise und Klara – Öllise und Knarre von der Madam Pimpernell genannt –, abgezogen sind. Klavier, Harfe und Gitarre, die drei Marlicherweise mit, sowie auch den edlen Kater Eros und den ebenso edlen, schiefbeinigen Teckelhund Anteros – Geschenke eines neuen und doch schon antediluvianischen Abälards und Egmonts.
Wie oft bin ich einst diese steilen, engen Treppen hinauf- und hinabgeklettert, jetzt einen Haufen Bücher unter dem Arm, jetzt einen, wie ich glaubte, Furore machen sollenden Leitartikel in der Rocktasche. Wie oft haben Mariens kleine Füsse diese schmutzigen Stufen betreten, wenn sie mit Franz zu einem prächtigen Teeabend kam, dem ich immer mit so untadelhafter, hausväterlicher Würde vorzustehen wusste! Wie ich dann ihr helles lachen, welches die feuchten, schwarzen Wände so fröhlich wiedergaben, erwartete; wie sie so reizend über meine verwilderte stube spötteln konnte und dann trotz aller meiner vorherigen stundenlangen Bemühungen erst durch fünf Minuten ihrer Anwesenheit einen menschlichen Aufentaltsort daraus machte! Wie ich dann später von der kleinen Quälerin gezwungen wurde, eine unglückliche Flöte hervorzuholen und steinerweichend eine klägliche Nachahmung von "Guter Mond, du gehst so stille" hervorzujammern, bis Franz Einspruch tat oder mir der Atem ausging oder der kleinen Tyrannin die Kraft zu lachen! Es waren selige Abende, und ich nahm das Andenken daran mit hinauf bis zur Tür des Zeichners. Auf mein Anklopfen erschallte drinnen ein unverständliches Gebrumme; ich trat ein.
Manche Junggesellenwirtschaft habe ich kennengelernt und kann viel vertragen in dieser Hinsicht. Den Doktor Wimmer, den Schauspieler Müller, den Musiker Schmidt, den Kandidaten der Teologie Schulze habe ich in ihrer Häuslichkeit gesehen, von meiner eigenen Unordnung nicht zu sprechen, aber eine solche malerische Liederlichkeit war mir doch noch nicht vorgekommen. Eine Phantasie, durch Justinus Kerners kakodämonischen Magnetismus in Verwirrung geraten, könnte – gefroren, versteinert, verkörpert in einem anatomischen Museum ausgestellt – keinen tolleren Anblick gewähren! Auf einem unaussprechlich lächerlichen Sofa, viel zu kurz für ihn, lag, den Kopf gegen die Tür, die Beine über die Lehne weggestreckt und die Füsse gegen die Fensterwand gestemmt, der lange Zeichner, die Zigarre, die grosse Trostspenderin