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"Meine Mutter starb, indem sie mich gebar!" sagte der Zeichner grimmig und stand still. Wir hatten den Ausgang der Sperlingsgasse erreicht; ein kleiner Handwagen, mit Kisten und Kasten beladen, versperrte uns den Weg. "Jetzt will ich Ihnen auch sagen, wo ich in der Tat hin will, nicht, wohin ich gehen könnte", sagte Strobel. "Kommen Sie!"

Verwundert folgte ich dem in eine dunkle Kellerwohnung Hinabsteigenden.

So ist das menschliche Leben. Lange, lange Jahre hatte ich in dieser Gasse gewohnt, täglich fast war ich vor diesem haus, vor diesen trüben Fenstern vorbeigegangen, und heute, am letzten Tage, den die arme hier wohnende Familie dahinter zubringt, steige ich zum ersten Male die feuchten Stufen hinab zu ihr. Der Zeichner stellte mich dem Hausherrn vor, dem Schuhmacher Burger, einem mann, welchem eine ganze Passionsgeschichte vom gesicht abzulesen war. Heute abend führt ihn und die Seinigen die Eisenbahn der Seestadt zu, von wo sie ein Schiff nach einer neuen Heimat, nach dem jungen Amerika bringen soll; und der Zeichnerwill die Familie begleiten nach Hamburg.

Die wenigen des Mitnehmens werten Habseligkeiten der ärmlichen wohnung waren schon zusammengepackt; die bleichen, traurigen Gesichter der Eltern, das teilnahmlose der alten Grossmutter, die auch heute noch am gewohnten Platz hinter dem Ofen spann, die Kinder, welche verwundert in den Winkeln kauerten, alles machte einen tiefen wehmütigen Eindruck auf mich.

Es ist nicht mehr die alte germanische Wander- und Abenteuerlust, welche das Volk forttreibt von Haus und Hof, aus den Städten und vom land, die den Köhler aus seinem wald, den Bergmann aus seinem dunkeln Schacht reisst, die den Hirten herabzieht von seinen Alpenweiden und sie alle fortwirbelt, dem fernen Westen zu: Not, Elend und Druck sind's, welche jetzt das Volk geisseln, dass es mit blutendem Herzen die Heimat verlässt. Mit blutendem Herzen; denn trotz der Stammzerrissenheit, trotz aller Biegsamkeit des Nationalcharakters, der so leicht sich fremden Eigentümlichkeiten anschmiegt und unterwirftworin übrigens in diesem Augenblick vielleicht allein die weltistorische Bedeutung Deutschlands liegt –, trotz alledem hängt kein Volk so an seinem Vaterland als das deutsche.

In englischen Schriften läuft Deutschland öfters als "te faterland" κατ' εξοχην. Das wird zwar mit einem gewissen "sneer" gesagt, aber es ist eine Ehre für unsere Nation, und wir können stolz darauf sein.

O ihr Dichter und Schriftsteller Deutschlands, sagt und schreibt nichts, euer Volk zu entmutigen, wie es leider von euch, die ihr die stolzesten Namen in Poesie und Wissenschaften führt, so oft geschieht! Scheltet, spottet, geisselt, aber hütet euch, jene schwächliche Resignation, von welcher der nächste Schritt zur Gleichgültigkeit führt, zu befördern oder gar sie hervorrufen zu wollen.

Als die Juden an den Wassern zu Babel sassen und ihre Harfen an die Weiden hingen, weinten sie, aber sie riefen:

Vergesse ich dein, Jerusalem,

so werde meiner Rechten vergessen!

Die Worte waren kräftig genug, selbst die zuckenden Glieder eines Volkes durch die Jahrtausende zu erhalten.

Ihr habt die Gewohnheit, ihr Prediger und Vormünder des volkes, den Wegziehenden einen Bibelvers in das Gesangbuch des Heimatdorfs zu schreiben; schreibt:

Vergesse ich dein, Deutschland, grosses Vaterland:

so werde meiner Rechten vergessen!

Der Spruch in aller Herzen, unddas Vaterland ist ewig! Das letzte Hausgerät war zusammengebunden und auf den kleinen Wagen in der Gasse gelegt. Traurig schauten sich die armen Leute in ihrer verödeten wohnung, die alle Leiden und Freuden der Familie gesehen hatte, um.

"'s ist 'n hart Ding, 's ist 'n hart Ding!" sagte seufzend der Meister, und Strobel klopfte ihn leise auf die Schulter.

"Es ist Zeit, Mann! Fasst Euch ein Herz, geht Eurer Frau mit einem guten Beispiel voran."

"Der Totengräber hat versprochen, er will unseres Fritzen Hügel draussen nicht verrotten lassen!" schluchzte die Frau.

Burger wischte sich mit dem Ärmel über die Augen, erhob sich aus seinem Hinbrüten und ging, seine alte Mutter hinaufzuführen auf die Gasse; seine Frau weinte laut, brach einen Zweig von der verkümmerten Myrte im Fenster, legte ihn in ihr Gebetbuch und nahm ihr jüngstes Kind auf den Arm, während sich die andern an ihre Schürze und ihren Rock hingen. Die Familie stieg die enge, schwarze Treppe, welche auf die Strasse führte, hinaufsie hatte ihren langen Weg begonnen!

Draussen wechselte Regen mit Sonnenschein, wie der April es mit sich brachte. Der Meister zog seinen Wagen voraus, wir andern folgten. Einen letzten blick werft zurück in die enge, dunkle, arme Sperlingsgasseihr werdet wohl oft genug an sie denken –, und dann hinaus in die weite Welt, ihr Wanderer!

Bis an das Tor brachte ich den Zeichner und seine Schützlinge. Ein letzter Händedruck, ein letzter Gruss! Wer weiss, ob wir nicht noch einmal uns wiedersehen, Strobel! Lebt wohl, lebt wohl! – Und wieder einmal konnte ich einsam und allein zurückkehren, einsam und allein dies Blatt der Chronik der Sperlingsgasse aufzuzeichnen.

Am 1. Mai. Abend

Ich sass heute nachmittag draussen im Park in den warmen Sonnenstrahlen, die hell und lustig durch die noch kahlen Zweige der höheren Bäume und durch das mit zartem, frischem Grün bedeckte niedere Gesträuch fielen. Kinder mit Sträussen von Frühlingsblumen zogen an mir vorüber