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Onkel Wachholder!" rufen verwundert mehrere Stimmen, und im nächsten Augenblick sind wir von den Nachtschwärmern und Abendfaltern umgehen und erkennen in ihnen wohlbekannte Freunde und Freundinnen von Gustav und Elise. Ein Gewirr von Begrüssungen und fragen erhebt sich nun. "Wo ist fräulein Ralff, wo ist Lieschen, wo ist die Liese, wo ist Herr Gustav, wo steckt der Mensch?" schwirrt das durcheinander und wird beantwortet, bis endlich Gustav und Elise zurückkommen von ihrer wilden Jagd, keuchend und rot, die Haare in Unordnung, Elise mit einem grossen Riss im Kleide, aber beide Arm in Arm wie artige, verträgliche Kinder. – Jetzt geht der jubel erst recht an! "Das ist schön, das ist prächtig, das ist ausgezeichnet; guten Abend, Natalie; guten Abend, Ida; ich grüsse Sie, mein fräulein; wo kommt ihr her, ihr Herumtreiber, usw usw."

Wie ist doch die Jugend so schön; wie wenig bedarf sie, um glücklich zu sein! Ein bisschen Mondschein, ein paar klingende Wassertropfen, die Strophe eines Liedes, und die jungen Herzen fühlen Gedichte, wie sie noch nie dem Papier anvertraut werden konnten. Ich, der alte Mann, welch ein Dichter, welch ein Maler müsste ich sein, wenn ich alle diese frischen, blühenden Gestalten, die da heute an diesem einsamen Abend wieder um mich her auftauchen, mit ihrem fröhlichen lachen, ihren kleinen Sorgen und Freuden, ihren kleinen Sünden und Tugenden, mit ihren verstohlenen Seufzern, noch verstohleneren Zärtlichkeiten und ihren lauten Neckereien auf die Blätter dieser Chronik festbannen wollte! Wie abgeblasst und schal sieht alles aus, was ich bis jetzt zusammengetragen und niedergeschrieben habe; wie farbenbunt und frisch erlebte es sich! Aber wo war auf einmal der Mond geblieben? Die dunkeln Wolkenmassen, die im Süden lange genug gedroht hatten, hatten sich unbemerkt herangewälzt; es grollte und murrte in der Ferne, und schwere warme Regentropfen schlugen vereinzelt in die lenes susurros sub noctem, in das leise Geflüster im Schatten der Nacht.

Kennt ihr das "Rette sich, wer kann!" bei einem plötzlich hereinbrechenden Gewitter in einer grossen Stadt? Alle Gruppen lösen sichSchürzen werden über den Kopf, Taschentücher über die Hüte gebunden; hier flüchtet ein Pärchen unter eine laubige Akazie, dort ein dicker alter Herr unter den Vorsprung eines Hauses; hier schlüpft leichtfüssig ein junges Mädchen dicht an den Häuserwänden hin, dort wandelt langsam und gleichmütig ein Naturmensch daher, nichts vor dem Regen schützend als seine glühende Zigarre.

Die Droschken scheinen sich zu vervielfältigen, und – "süss ist's, vom sichern Hafen Schiffbrüchige zu sehen" – an allen Fenstern erscheinen lachende Gesichter. Studenten, Referendare, junge Teologen usw. wischen ihre Brillen ab; Maler verlassen ihre Paletten und Staffeleien und machen Studien nach dem Leben; Tanten und Mütter schelten über Indezenz. – Platsch, platsch! Alle Dachrinnen senden wie hämische Ungeheuer ihre Wassergüsse der dahertrabenden Menschheit in den Nacken. Es ist lächerlich-schrecklich bei Tage, schrecklich bei Nacht!

"Siehst du, Lieschen, das hast du erst gewolltso lange hast du mit dem wasser gespielt! Das kommt davon!" ruft ärgerlich die Tante Helene. Gustavs jubel erreicht den höchsten Grad, und lachend schleppt er seine Mutter nach, während diesmal ich mit Liesen vorauslaufe. Nach allen Seiten haben sich unsere Freunde und Freundinnen von vorhin zerstreut. Das Gewitter kommt immer näher, der Donner brummt ganz artig, und die Blitze sind gar nicht übel. Selbst Gustav meint: "Gottlob, da ist die Sperlingsgasse!" Welche Überschwemmung! – Gute Nacht und keine langen Worte! – Gustav verschwindet mit seiner Mutter hinter ihrer Haustür, und auch wir erreichen glücklich die unsrige. "Gott, Herr Wachholder, was habe ich für 'ne Angst gehabt!" ruft die alte Marta uns von der Treppe entgegen. Lieschen pustet und ächzt und lacht, hält arme und hände weit ab vom leib und wird so schnell als möglich ins Bett geschickt. Gustav ruft natürlich von drüben noch einige fragen herüber, auf welche wir aber nicht antworten, und der Mondschein-Spaziergang ist zu Ende.

Am 15. April

Der April, der einst mensis novarum hiess, ist der wahre monat des Humors. Regen und Sonnenschein, lachen und Weinen trägt er in einem Sack; und Regenschauer und Sonnenblicke, Gelächter und Tränen brachte er auch diesmal mit, und manch einer bekam sein teil davon. Ich liebe diesen janusköpfigen mürrisch in den endenden Winter zurückschaut, mit dem andern jugendlich fröhlich dem nahen Frühling entgegenlächelt. Wie ein Gedicht Jean Pauls greift er hinein in seine Schätze und schlingt ineinander Reif und keimendes Grün, verirrte Schneeflocken und kleine Marienblümchen, Regentropfen und Veilchenknospen, flackerndes Ofenfeuer und Schneeglöckchen, Aschermittwochsklagen und Auferstehungsglocken. Ich liebe den April, den sie den Veränderlichen, den Unbeständigen nennen und den sie mit "Herrengunst und Frauenlieb" in einen so böswilligen Reim gebracht haben. –

Ich wurde diesen Morgen schon ziemlich früh durch das Geräusch des Regens, der an meine Fenster schlug, erweckt, blieb aber noch eine geraume Zeit liegen und träumte zwischen Schlaf und Wachen in diese monotone Musik hinein. Das benutzte ein schadenfroher Dämon des Trübsinns und des Ärgernisses, um mich in ein Netz trauriger, regenfarbiger Gedanken einzuspinnen, welches mir Welt und Leben in einem so jämmerlichen Lichte vorspiegelte und so drückend wurde, dass ich mich zuletzt nur durch einen herzhaften Sprung aus dem Bette daraus erretten