verloren, die gröbere, gewöhnliche Welt zu schauen und zu vernehmen; ich kannte und belauschte die Leute in den Haustüren, die Kinderköpfe in den Fenstern, die schlafenden Sperlinge und Schwalben in ihren Nestern; es war wunderhübsch! – Jetzt zog der Strahl mit seinen Bewohnern schräg über unsere Wand fort und glitt auf die Fenster unserer Nachbarn zu. Halb zehn Uhr hörte ich's schlagen, als der Reigen vor dem Fenster der armen Frau Nudhart, die mit ihrem kranken Kind da wohnt, ankam und zitternd über einen knospenden Rosenbusch in das kleine Zimmer glitt. Leise singend schwebten die Geisterchen des Lichts, und ich mit ihnen, über den Fussboden hin, jagten sich um den Schatten des Rosenbusches auf dem Boden, küssten das bleiche Kindergesicht auf dem Bettchen und die ebenso bleichen Züge der darüber hingebeugten, armen, sorgenvollen Mutter. 'Wir bringen Hoffnung, wir bringen Genesung, wir bringen Leben!' flüsterten die Geister. Das kranke Kind legte seine magern Händchen lächelnd in den zitternden Strahl auf seinem Kissen. 'Wir bringen Hoffnung, Genesung, wir bringen Leben', sang ich mit im Chor, und fast widerstrebend folgte ich dem zurückweichenden Strahl. Noch einen letzten blick konnte ich zurück ins Zimmer werfen, und im nächsten Augenblick schwebte ich schon wieder in der Gasse. Die Tante aber musste jetzt wohl nach Haus gekommen sein, denn plötzlich mischten sich die Töne ihres Flügels in den Reigen: ich hörte, wie der alte Marquart drunten vor seinem Keller die Jungen zur Ruhe ermahnte. Aber mein Abenteuer war noch nicht zu Ende. Wir waren jetzt vor dem Fenster des ersten Stockes unseres Nachbarhauses; ein heller Lampenschein drang aus dem Zimmer hervor, und über ein Glas mit Goldfischen und das Strickzeug in den Händen der Frau Hofrätin Zehrbein schwebten wir hinein lustig und glänzend ohne eine Ahnung des Schrecklichen, welches uns bevorstand. 'Mein fräulein', lispelte eine stimme, in deren Inhaber ich den Assessor Kluckhuhn erkannte. 'Mein fräulein, inkommodiert Sie diese abominable schwüle Luft nicht zu sehr, bitte, so lassen Sie uns noch einmal jene köstliche Barcarole aus "Haydée" hören.' – Um Gottes willen! dachte ich, aber schon war's zu spät, meinen winzigen Begleitern das Drohende mitzuteilen und zu schneller Flucht zu raten; schon hatte Eulalia begonnen:
Das Lido-fest ist heute,
Lust und Vergnügen ringsum lächelt...
Entsetzen fasste die Geisterschar; ihre schillernden, glänzenden Farben verblichen; von dem Resonanzboden des ächzenden Musikkastens (wie Gustav sagt) und zwischen den Lippen der Sängerin entwickelte sich eine missgestaltete Gnomenschar, die, gespenstisch kreischend und jammernd, sich in der Luft überstürzte und überschlug und grimmig über die Geister des Lichts herfiel. Es war schrecklich! Schon fühlte ich mich von einem koboldartigen C, welches mich an dem Hals gepackt hielt, halb erdrosselt und zappelte wie eine unglückliche Mücke in den Krallen der Spinne; da – erhob sich die Frau Hofrätin: die weisse Gardine sank herab: wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es mich und das ganze Heer des Lichts! Gerettet! – An der Aussenseite des Tuchs hing der Strahl mit seinen Kindern, bleich und angegriffen; drinnen aber tönte es fort:
Ein schöner Herr, ein holder Jüngling,
Mit mildem, liebendem auge
Umflattert mich, mit schmeichelnder Zunge!...
Schnell und schneller sank jetzt der Strahl herab, und eben berührte er die Erde, da – erwachte ich, und Gustav, dicht vor mir, den Kopf auf beide Fäuste gestützt, grinste mich an. – (Au! Nein, du hast mich nicht angegrinst?) Eine dicke schwarze Wolke stand vor dem Mond, und mein Traum war zu Ende, mein Märchen ist zu Ende!" Das Märchen war zu Ende, aber noch nicht unser Mondscheinabend damals.
"Und nun, Gustav, Quälgeist... hier... da..."
Mit diesen Worten greift Elise in das Wasserbekken neben ihr und schleudert eine Handvoll blitzender Tropfen ihrem nichts ahnenden gefährten ins Gesicht. Erschrocken und prustend springt dieser zur Seite, worauf die Übeltäterin, böse Folgen ahnend, sogleich, um das Becken herum, die Flucht ergreift.
"Ihr seid Zeugen, dass sie angefangen hat!" ruft Gustav, ebenfalls die Hand ins wasser tauchend und Elisen nacheilend.
"Tante! Tante! – Onkel, hülfe!" schreit diese, mit der abgebundenen Schürze den Verfolger im Rennen abwehrend und ihn mit der andern, freien Hand unaufhörlich bespritzend.
"Warte, Wasserjungfer!" ruft Gustav und bemächtigt sich der Schürze. "Das sollst du büssen, Verräterin!"
Mit einem Schrei lässt Elise ihre Ägide fahren, und – wie ein Reh ist sie seitwärts im Gebüsch hinter den Holundersträuchen verschwunden, doch nicht, ohne ihren durchnässten Verfolger auf den Fersen zu haben.
"Diese Wildfänge!" seufzt die Tante Helene, auf eine Bank sinkend, während ich Taschentuch, Arbeitskörbchen und umherrollende Äpfel, welches alles das Frauenzimmer, den Ausgang ihres Attentats vorhersehend, sogleich zu Boden geworfen hat, aufsuche, wie es einem guten Onkel und Vormund geziemt. "hören Sie nur, wie das Mädchen kreischt!"
Indem wir noch der wilden Jagd zwischen den büsche lauschen, belebt sich plötzlich die Szene, und andere Figuren kommen durch die Monddämmerung. Mädchen- und Männerstimmen, kichernd und summend und Opernmelodien pfeifend! Jetzt treten die Kommenden aus dem Schatten in den hellern Lichtkreis um das Fontänenbecken "Der