. Noch bedeckt der Nebelduft zauberhaft, geheimnisvoll alle Abgründe und öden Stellen des Lebens; die jungen Herzen glauben nur Blumen und flatternde Schmetterlinge und bunte nesterbauende Vöglein unter dem Schleier der Zukunft verborgen.
"Süsses Geliebtsein, süsseres Lieben!" hat ein anderer Dichter einmal ausgerufen, und ich, ein alter, einsamer Mann, bedecke die Augen mit der Hand, denke an die Gräber auf dem Johanniskirchhof, denke an den Stern meiner Jugend: "Maria!" – – – Würde ich diese Erinnerung mit all ihrem Schmerz für der ganzen Welt Macht, Reichtum, Weisheit lassen? – – – Ich glaube nicht. –
Der Mond kommt wieder hervor über die Dächer und vermischt sein weisses Licht mit dem kleinen Schein meiner Lampe; über und durch den alten immergrünen Efeu aus dem Ulfeldener wald schiesst er seine blanken Strahlen, seltsame Schatten auf den Fussboden und an die Wände werfend. Mit sich bringt er das heutige Blatt der Chronik der Sperlingsgasse. Dort auf dem Stühlchen im Fenster zeichnet sich die feine, liebliche Gestalt Elisens dunkel in der Monddämmerung eines lange vergangenen Abends ab, während auf einem andern Stuhl niedriger neben ihr eine andere Gestalt sitzt. Was haben die beiden so heimlich, so leise sich zuzuraunen, was haben sie zu kichern? Ein Garnknäuel, das von Lieschens Nähtisch fällt und über den Boden rollend um Stuhl- und andere Beine sich schlingt, ein verirrter Nachtschmetterling, eine vorbeischiessende Fledermaus, ein Ball, der von der Strasse ins Zimmer fliegt und über dessen Herausgabe Gustav mit dem unvorsichtigen Besitzer kapituliert, alles, alles wird in dieser Mondscheindämmerung zu einem Märchen, zu einem Traum. Ist nicht die Dämmerung die Zeit der Märchen; ist nicht die Zeit der jungen Liebe die Zeit des Traums? –
"Liebe kleine Elise!" flüstert Gustav, in das mondbeglänzte, zu ihm sich herabbeugende Gesicht schauend.
"Lieber grosser Junge!" lächelt Elise, indem sie dem vormaligen Taugenichts der Gasse die Locken aus der Stirn streicht. Sie sagen einander weiter nichts, aber diese abgebrochenen Worte entalten alles, was das Menschenherz in seinen heiligsten Augenblicken bewegt.
"Ich liebe dich so!" flüstert Gustav wieder, worauf Elise nichts erwidert, sondern den Kopf in die Blätter ihres Efeus verbirgt. Der Mond kann sich in diesem Augenblick wahrscheinlich in einem flimmernden Perlentröpfchen, das in einem blauen Auge hängt, spiegeln, und als das Köpfchen sich wieder erhebt aus dem grünen Blätterwerk, ist an Gustav die Reihe, Elise die Locken aus der Stirn zu streichen.
"Sieh, wie der Mond da oben schwimmt", sagt Elise. "Warum macht er uns oft so tiefes Heimweh, als ob wir hier auf der Erde gar nicht recht zu haus wären, Gustav? Sieh, da ist nur noch ein einziger kleiner Stern, mutterseelenallein, wie ein goldener Funken. Sieh – rechts vom mond!"
"Ich sehe noch zwei!" sagt Gustav. "Ganz nah und habe darum auch gar kein Heimweh und – willst du wohl wieder die Augen aufmachen, Blondkopf! – Sieh, das hast du davon; was ich noch Weises sagen wollte, hab ich nun rein vergessen!"
"Dann war's gewiss eine Lüge, Braunkopf!" meint Elise lachend. "Und nun steh auf, der Onkel und die Tante sitzen da den ganzen Abend im Dunkeln; – es ist sehr unrecht, dass wir uns gar nicht um sie bekümmern. Komm, wir müssen wirklich zusehen, ob sie nicht eingeschlafen sind."
Gewiss waren sie nicht eingeschlafen. Nur das Spinnrad der alten Marta hatte aufgehört zu schnurren, und schlummernd sass sie in ihrem Winkel.
"Soll ich euch Licht anzünden, oder – sollen wir wieder einmal einen Mondscheingang machen?" fragt Elise, mir den Arm um die Schulter legend.
"Euch?" fragt die Tante Helene. "Warum denn nur 'euch' Licht anzünden?"
"Das will ich dir sagen, Mama", mischt sich Gustav ein. "Du kannst bekanntlich keine Mäuse sehen, und da es seit einiger Zeit hier beim Onkel Wachholder ordentlich von ihnen wimmelt, so sind wir deinetwegen so aufopfernd, im Dunkeln zu sitzen."
"Waren das etwa Mäuse, was wir da am Fenster knuspern und pispern hörten?" frage ich.
"Ich habe nichts gehört!" sagt Lieschen treuherzig, während Gustav: "Versteht sich!" ruft und den Inhalt eines Obstkörbchens in seine Taschen ausleert.
"Was machst du da, Mäusekönig?" fragt seine Mutter.
"Ich verproviantiere mich zu unserer Mondscheinfahrt, Mama; Lieschens Frage war natürlich höchst überflüssig. Da, Liese, nimm den Rest – ich kann nicht mehr lassen."
Elise lässt sich das nicht zweimal sagen und scheint in der Tat ihre Frage für unnötig zu halten. Nach einigen Einwendungen der Tante wegen kalter Abendluft usw. machen wir uns auf, hinaus in die Sommermondscheinnacht!
Die scharfen Schatten auf dem Pflaster und an den Häuserwänden, das Glitzern der Fensterscheiben, die ziehenden, beleuchteten Wolken am dunkeln Nachtimmel, die flüsternden Gruppen in den Haustüren und an den Strassenecken, alles wird nun zu einen Bilde für Gustav, zu einem Märchen für Elise. Da beleben sich die Strassen, Gassen und Plätze mit den wundersamsten Gestalten; auf den Ecksteinen lauern zusammengekauert grimbärtige Kobolde; aus den dunkeln Torwegen der alten Patrizierhäuser treten seltsame Gesellen mit nickenden Federn und weiten Mänteln, und schöne Damen besteigen weisse Zelter, in die