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um so lautern los. Ich sah schön aus! "Das hat man davon", brummte ich, während ich mir das Blut aus dem aufgeritzten Daumen sog, "das hat man davon, wenn man sich nach deutscher Grösse umguckt: einen Dorn stösst man sich in den Finger, die Hosen zerreisst man, und zu sehen kriegt man nichts alsden grossen Christoffel." Ärgerlich schob ich mein Fernglas zusammen, steckte den Tacitus zurück in die tasche und ging hinkend den Berg hinunter wieder der Weser zu. Ärgerlich warf ich mich, am rand des Flusses angekommen, abermals ins Gras. Was hatte sich alles zwischen die gefühlsselige Stimmung von vorhin und den jetzigen Augenblick gedrängt! Der Himmel war noch ebenso blau, die Berge noch ebenso grün, der Papierstreifen von vorhin steckte noch neben den Waldblumen an meinem hut, und dochwie verändert blickte mich das alles an! Hätte das Dampfschiff mit seinen Auswandrern nicht später kommen können, da es doch sonst immer lange genug auf sich warten lässt? Hätte ich Narr nicht unterlassen können, nach dem Hermannsbild auszuschauen? Wie ruhig könnte ich dann jetzt im Grase meinen Mittagsschlaf halten, ohne mich über den grossen Christoffel, den so viele brave Katten mit ihrem Blute bezahlt haben, zu ärgern! – Ich versuchte mancherlei, um meinen Gleichmut wiederzugewinnen; ich kitzelte mich mit einem Grashalm am Nasenwinkel, ich porträtierte einen dicken, gemütlichen Frosch, der sich unter einem Klettenbusch sonntees half alles nichts! – Der Dämon Missmut liess mich nicht los, wütend sprang ich auf, schrie: Hole der Henker die Wirtschaft! und marschierte brummend auf Rühle zu – – – Wetter, was ist das für ein Lärm in der Sperlingsgasse?! Hedada ist ein Hundefuhrwerk in einen Viktualienkeller hinabgepoltert, und ichich, der Karikaturenzeichner Ulrich Strobel, sitze hier und schmiere Unsinn zusammen! Hol der Henker auch die Chronik der Sperlingsgasse! – Adieu, Wachholder!

Am 21. März. Abend

Es gibt ein Märchenich weiss nicht, wer es erzählt hatvon einem, der nach grossem Unglück sich wünschte, die Erinnerung zu verlieren, und dem in einer dunkeln Nacht sein Wunsch gewährt ward. Er empfand von da an keinen Schmerz, keine Freude mehr; er verlernte zu weinen und zu lachen; es ward ihm einerlei, ob er Blumenknospen oder Menschenherzen zertrat: alles das hübsche Spielzeug, welches das Leben seinen Kindern mitgibt auf ihrem Wege von der Wiege bis zum grab, zerbrach ihm in den Händen mit der Erinnerung. Das ist eine schreckliche Vorstellung! Ihr Weisen und Prediger der Völker, nicht der Gedanke an Glück oder Unheil in der Zukunft ist's, der liebevoll, rein, heilig macht; nie ist dieser Gedanke rein von Egoismus, und über jede Blüte, die das Menschenherz treiben soll, legt er den Mehltau der Selbstsucht: die wahre, lautere Quelle jeder Tugend, jeder wahren Aufopferung ist die traurig süsse Vergangenheit mit ihren erloschenen Bildern, mit ihren ganz oder halb verklungenen Taten und Träumen. Wer könnte ein Kind beleidigen, der daran denkt, dass er einst selbst sich an die Mutterbrust geschmiegt, dass ein Mutterauge auf ihn herabgelächelt hat? Die Erinnerung ist das Gewinde, welches die Wiege mit dem grab verknüpft, und mag das dunkle, stachlichte Grün des Leidens, des Irrtums noch so hervorleuchtenden Blume fehlen, bei welcher wir verweilen und flüstern können: "Wie lieblich und heilig ist diese Stätte!"

Ich habe meine kleine Lampe angezündet und träume wieder über den Blättern meiner Chronik. Das, was die ältliche, freundlich-schöne Frau, die mir heute den Strauss junger Veilchenknospen herüberbrachte, auf den Wogen ihrer Melodien sich schaukeln lässt, kann ich ja nur auf diese Weise festalten. – Ich habe bis jetzt Bilder gezeichnet aus unserer Kinder Kinderleben, heute will ich ein anderes farbiges Blatt malen, wie ein Zauberspiegel voll blühenden Lebens, voll süssen Flüsterns, voll träumenden Sehnens und lächelnden Träumensein einziges Blatt aus der vollen Pracht des Herzensfrühlings, ein einziges Blatt aus der Zeit der jungen Liebe!

Oh, dass sie ewig grünen bliebe,

Die schöne Zeit der jungen Liebe!

sang der Dichter, und überall treffen wir den Spruch an, auf Kaffeetassen, in Stammbüchern und auf Pfeifenköpfen. Das soll kein Spott sein! Was das Volk erfasst hat, will es auch vor sich sehen, es spielt mit ihm, es spricht den gereimten Gedanken, den es zu seinem Eigentum gemacht hat, oft zwar mit einem Lächeln auf den Lippen aus, aber es trägt ihn darum doch tief im Herzen. Das Volk steigt nicht zu dem wahren und Schönen hinauf, sondern zieht es zu sich herab, aber nicht, um es unter die Füsse zu treten, sondern um es zu herzen, zu liebkosen, um es im ewig wechselnden Spiel zu drehen und zu wenden und sich über seinen Glanz zu wundern und zu freuen. Ober der Wiege des ewigen Kindes "Menschheit" schweben die guten Genien, die grossen Weltdichter, schütten aus ihren Füllhörnern die goldenen Weihnachtsfrüchte herab und sind mit ihren Wiegenliedern stets da, wenn hässliche schwarze Kobolde erschreckend dazwischengelugt haben.

Schön ist die Zeit der jungen Liebe! Sie ist gleich der Morgendämmerung, wo der Himmel im Osten leise sich rötet, wo Knospen, Blumen und alles Leben dem kommenden Tage in die arme schlummern und nur hin und wieder eine Lerche, den Tau von den Flügeln schüttelnd, jubelnd, glückverkündend emporsteigt