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des Federviehs. Aus diesem dolce far niente hatte mich plötzlich das Schreien eines Kindes aufgeschreckt. Es drang aus dem Haus hinter mir und bewog mich, aufzustehen und in das niedere, vom Weinstock umsponnene Fenster zu sehen. Eine alte Frau war eben beschäftigt, einen widerspenstigen, heulenden, strampelnden Bengel von vier Jahren mit wasser, Seife und einem wollenen Lappen tüchtig zu waschen, welcher Prozedur drei bis vier andere kleine "Blaen" angstvoll zusahen, wartend, bis die Reihe an sie kommen würde.

"Nun, Mutter", sagte ich, mich auf die Fensterbank lehnend; "und Ihr seid nicht in der Kirche?"

Die Alte sah auf und sagte lachend: "Et geit nich immer; ek mott düsse lüttgen Panzen waschen und antreckenHerreKinderschrieen is ok een Gesangbauksversch!"

Ich nahm den Hut ab und trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Welch eine wunderbar schöne Predigt lag in den fünf Worten des alten Weibes! Eine Schwalbe beschrieb eben ihren Bogen um mich, ihrem Neste unter dem niedrigen Dachrande zu, und klammerte sich, ihre Beute im Schnabel, an die Tür ihrer kleinen wohnung, begrüsst von dem jubelnden Gezwitscher der federlosen Brut. Ich konnte der alten Frau kein Wort mehr sagen.

"Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch!" murmelte ich leise, zu meinem Tisch unter der Linde zurückgehend. Ich riss ein Blatt aus meiner Brieftasche, schrieb darauf: Kinderschreien is ok een Gesangbauksversch, und zog es mit einem Strauss Waldblumen unter das Hutband.

Träumend schritt ich dann durch die Tür des Dorfkirchhofs, vorüber an den bunten, geputzten Gräbern, zu dem offnen Kirchtor (auf dem land braucht der Protestantismus seine Kirchen während des Gottesdienstes noch nicht zu schliessen) und lehnte andächtig an der Esche davor. Mit grosser Freude hörte ich, wie der junge Pastor eine Gellertsche Fabel in das Gleichnis aus dem fernen Orient schlang, während die Schwalben in dem heiligen Gebäude hin und her schossen und ein verirrter Schmetterling seinen Weg durch die geöffnete Kirchtür eben wieder zurückfand.

"Kinderschrieen is ok een Gesangbauksversch!" rief ich, über die niedere Mauer in das freie Feld springend und durch die gelben Kornwogen mit ihrem Kranz von Flatterrosen am rand der Weser zu wandernd. Da hatte ich mich ins Gras unter einen Weidenbusch geworfen und träumte in das Murren des alten Stromes neben mir hinein, während drüben im katolischen land eine Prozession singend den Kapellenberg zu dem Marienbild hinaufzog und hinter mir die protestantischen Orgeltöne leise verklangen. Welch ein wundervoller, blauer, lächelnder Himmel über beiden Ufern, über beiden Religionen, welch eine wogende Gefühlswelt im Busen, anknüpfend an die fünf Worte der alten Bäuerin! Ich war damals jünger als jetzt und legte das Gesicht in die hände:

Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott!

Ich habe keinen Namen

dafür! Gefühl ist alles – – –

Ein näher kommender Gesang weckte mich plötzlich: ich blickte auf. Brausend und schnaufend, die gelben Fluten gewaltig peitschend, kam der "Hermann" die Weser herunter. Der Kapitän stand auf dem Räderkasten und griff grüssend an den Hut, als das Schiff vorbeischoss. Hunderte von Auswandrern trug der Dampfer an mir vorüber, hinunter den Strom, der einst so viele Römerleichen der Nordsee zugewälzt hatte. Ein Männerchor sang: "Was ist des Deutschen Vaterland", und die alten Eichen schienen traurig die Wipfel zu schütteln; sie wussten keine Antwort darauf zu geben, und das Schiff flog weiter. Die Weser trägt keine fremden Leichen mehr zur Nordsee hinab, wohl aber murrend und grollend ihre eigenen unglücklichen Söhne und Töchter! – Ich verliess meinen Ruheplatz und ging durch den Buchenwald den nächsten Berg hinauf bis zu einer freien Stelle, von wo aus der blick weit hinausschweifen konnte ins schöne Land des Sachsengaus. Welch eine Scholle deutscher Erde! Dort jene blauen Höhenzügeder Teutoburger Wald! Dort jene schlanken Türmedie grosse germanische Kulturstätte, das Kloster Corvei! Dort jene Berggruppeder It, cui Idistaviso nomen, sagt Tacitus. Ich bevölkerte die Gegend mit den Gestalten der Vorzeit. Ich sah die achtzehnte, neunzehnte und zwanzigste Legion unter dem Prokonsul Varus gegen die Weser ziehen und lauschte ihrem fern verhallenden Todesschrei. Ich sah den Germanicus denselben Weg kommen und lauschte dem Schlachtlärm am Idistavisus, bis der grosse Arminius, der "turbator Germaniae", durch die Legionen und den Urwald sein weisses Ross spornte, das Gesicht unkenntlich durch das eigene herabrieselnde Blut, geschlagen, todmüde. Ich sah, wie er die Cheruska von neuem aufrief zum neuen Kampf gegen die "urbs", wie das Volk zu den Waffen griff: Pugnam volunt, arma rapiunt plebes, primores, juventus, senes!

Aber wo ist denn die Puppe? kam mir damit plötzlich in den Sinn. Ich schleuderte den Tacitus ins Gras, stellte mich auf die Zehen, reckte den Hals aus, so lang als möglich, und schaute hinüber nach dem Teutoburger wald. Da eine vorliegende "Bergdruffel" (wie Joach. Heinr. Campe sagt) mir einen teil der fernen, blauen Höhen verbarg, gab ich mir sogar die Mühe, in eine hohe buch hinaufzusteigen, wo ich auch das Fernglas zu hülfe nahm. Vergeblichnirgends eine Spur vom Hermannsbild! Alles, was ich zu sehen bekam, war der grosse Christoffel bei Kassel, und mit einem leisen Fluch kletterte ich wieder herunter von meinem luftigen Auslug. Hatte ich aber eben einen leisen Segenswunsch von mir gegeben, so liess ich jetzt einen