, um wunderbare, unerhörte Dinge zu erfahren? Welch eine Revolution wurde es hervorbringen, wenn dem so wäre, wenn man sich vor den Fliegen an der Wand schämen müsste! Wie würden die Fliegenklatschen in gang kommen! arme Fliegen! Kein "redlicher Greis in gestreifter kalmankener Jakke" würde euch mehr verschonen "zur Wintergesellschaft". Wie den Vogel Dudu würde man euch ausrotten und höchstens einige, in Uniform gesteckt, mit einer Kokarde auf jedem Flügel, als Regierungsbeamte besolden. Es wäre schrecklich, und ich breche ab. –
3 1/4 Uhr. – Welche Reisegedanken dieser blaue Himmel schon wieder in mir erweckt! An solchen Vorfrühlingstagen, wo der Geist die Last des Winters noch nicht ganz abgeschüttelt hat, ist's, wo die sehnsucht nach der Ferne uns am mächtigsten ergreift. Es ist ein sonderbares Ding um diese sehnsucht, die wir nie verlieren, so alt wir sein mögen. Da zupft etwas an unserm tiefsten inneren: Komm heraus, komm heraus, was sitzest du so still, du Tor, und hältst Maulaffen feil? Hier findest du nicht, worüber du grübelst, wonach du dich sehnst, ohne es zu kennen Sieh, wie blau, wie duftig die Ferne! Viel, viel weiter liegt's! Komm heraus, heraus!
Bah, diese blaue, duftige Ferne: wie oft hab ich mich von ihr verlocken lassen. Die Erde lässt uns ja nicht los; wir sind ihre Kinder, und sie ist nichts ohne uns, wir nichts ohne sie. – Folge jetzt der lockenden stimme, deine Füsse werden schon in den weichen Boden versinken; närrische Sprünge wirst du mit den Erdklössen an den Stiefeln machen! Fühle, dass zur Zeit, wo die sehnsucht am stärksten ist, auch die Fesseln am stärksten sind; kehre um, ziehe Pantoffeln an und nimm die gestrige Zeitung vor die Nase: das Glück liegt nicht in der ferne, nicht über dem "wechselnden Mond"! –
3 1/2 Uhr. – Da höre ich eben unten in der Gasse eine merkwürdige Redensart aus dem mund eines Tagelöhners, der einen andern, sehr übelgelaunt Aussehenden mit den Worten auf die Schulter klopft: "Man muss nie verzweifeln; kommt's nicht gut, so kommt's doch schlecht heraus!" In demselben Augenblick öffnet sich nebenan ein Fenster. Eine beschmierte rote Sammetmütze auf einem Wald schwarzer Haare beugt sich hervor; es ist mein würdiger Freund Monsieur Anastase Tourbillon, seines Zeichens ein französischer Sprachlehrer. Er scheint die Redensart drunten auch gehört und – verstanden zu haben und gähnt: "Ah, ouf, quelle bête allemande! Eh vogue la galère, jusqu'à la mort tout est vie!"
Da habt ihr die beiden Nationen und..... Wetter! – da gebe ich nicht acht, und – meine Fliege von vorhin entschlüpft summend aus dem wiedergeöffneten Fenster! Nie mehr wird sie wieder meinen Freund Wachholder umschwirren, nie mehr auf dem rand der Zuckerdose umherspazieren oder gegen die Scheiben stossen! Sie hat, was sie wollte – unbegrenzte Freiheit, aber ach – heute abend – keinen warmen Ofen mehr, sich daran zu wärmen: in den Rinnsteinen der Sperlingsgasse fliesst weder Milch noch Honig! – Verflucht sei die Freiheit! Amen! –
3 3/4 Uhr. – Die meisten Dichterwerke der neusten Zeit gleichen dem Bilde jenes italischen Meisters, der seine Geliebte malte als Herodias und sich in dem kopf des Täufers auf der Schüssel porträtierte. Da pinseln uns die Herren ein Weibsbild, Tendenz genannt, hin, welches anzubeten sie heucheln und welches auf dem Präsentierteller hochachtungsvoll und ergebenst uns das Verzerrte Haupt des werten Schriftstellers selbst überreicht. Die Nützlichkeit solchen Treibens lässt sich nicht abstreiten, also – nur immer zu! – Wie komm ich darauf? –
4 Uhr. – Es ist merkwürdig; seit ich dieses Blatt bemale, ist dieselbe Traumseligkeit über mich gekommen, die dieser Chronik ein so zerfetztes, zerlumptes Ansehen gegeben hat. Wachholder hat recht, es ist ein eigentümlich behagliches Gefühl, seinen Gedankenspielen sich so ganz und gar hinzugehen, ohne sich, Geist herausquälend, im Kreise zu drehn wie ein hartleibiger Pudel.
Wo war ich eben, als das Kindergeschrei drunten auf der Strasse mich aufweckte? Ich will versuchen, es der Chronik einzuverleiben, worin zugleich für meinen ehrenwerten Freund Wachholder die grösste Genugtuung für meine vorigen Reden liegen wird.
Es war an einem Sonntagmorgen im Juli, als ich auf braunschweigschem Grund und Boden am Uferrand der Weser lag und hinüberblickte nach dem jenseitigen Westfalen. Früh vor Sonnenaufgang war ich, über Berg und Tal streifend, mit dem ersten Strahl im Osten in ein gleichgültiges Dorf hinabgestiegen. Ich hatte Kaffee getrunken unter der Linde vor dem Dorfkrug, hatte behaglich das Treiben des Sonntagsmorgens im Dorf belauscht und andächtig der kleinen Glocke zugehört, die in dem spitzen, schiefergedeckten Kirchturm läutete. Manchem hübschen, drallen niedersächsischen Mädchen, das sich über den sonderbaren, plötzlich ins Dorf geschneiten Fremdling wunderte, hatte ich lächelnd zugenickt; ich hatte Bekanntschaft mit der gesamten Kinder-, Hühner-, Gänse- und Entenwelt des "Krugs" gemacht, dem weissen Spitz den Pelz gestreichelt und manche Frage über "Woher und Wohin" beantwortet. Mit meinem Wirt (der zugleich Ortsvorsteher war) hatte ich das Bienenhaus besucht, darauf die Gemeinde, den Kantor und Pastor in die Kirche gehen sehen und hatte mich zuletzt allein im hof unter der Linde gefunden, nur umgehen von der quackenden, piepsenden geflügelten Schar