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der grossen Gedanken einer ebenso göttlichen jüngern Zeit, den Freund umarmt.

Und weiter schweift mein Geist. – Ich sehe noch immer die junge Waise in ihrem kleinen Stübchen unter Blumen arbeitend. Ich sehe zwei Männer im Strom des Lebens kämpfen, ein Lächeln von ihr zu gewinnen; und ich sehe endlich den einen mit keuchender Brust sich ans Ufer ringen und den schönen Preis erfassen, während der andere weitergetrieben, willenlos und wissenlos auf einer kahlen, skeptischen Sandbank sich wiederfindet. – Ich sehe mich, einen blöden Grübler, der sich nur durch erborgte und erheuchelte Stacheln zu schützen weiss, bis er endlich, nach langem Umherschweifen in der Welt, hervorgeht aus dem Kampf, ein ernster, sehender Mann, der Freund seines Freundes und dessen jungen Weibes.

Ich lebe durch kurze Jahre von schmerzlich süssem Glück; ich sehe während dieser Jahre eine feine blondlockige Gestalt lächelnd, wie unser guter Genius, Franz und mich umschweben und ihre schützende Hand ausstrecken über seine leicht auflodernde Wildheit und meine hinbrütende Traurigkeit; – ich sehe bald ein kleines KindElise genannt in den Blättern dieser Chronikdes Abends aus den Armen der Mutter in die des Vaters und aus den Armen des Vaters in die des Freundes übergehen, mit grossen, verwunderten Augen zu uns aufschauend – – –

Plötzlich hört der Regen auf, an die Fenster zu schlagen; ich schrecke empores ist späte Nacht. Einen letzten blick werfe ich noch in die Gasse hinunter. Sie ist dunkel und öde; der unzureichende Schein der einen Gaslaterne spiegelt sich in den Sümpfen des Pflasters, in den Rinnsteinen wider. Eine verhüllte Gestalt schleicht langsam und vorsichtig dicht an den Häusern hin. Von Zeit zu Zeit blickt sie sich um. Geht sie zu einem Verbrechen oder geht sie, ein gutes Werk zu tun? Eine andere Gestalt kommt um die Ecke; – ein leiser Pfiff

"Du hast mich lange warten lassen, Riekchen!"

"Ich konnte nicht eher, die Mutter ist erst eben eingeschlafen..."

Ein in der Ferne rollender Wagen macht das übrige unhörbar. Die Figuren treten aus dem Schatten; ich sehe Ballputz unter den dunkelen Mänteln.

Sie verschwinden um die Ecke, und ich schliesse das Fenster.

So endet das erste Blatt der Chronik, die wie die geschichte der Menschheit, wie die geschichte des einzelnen beginnt miteinem Traume.

Am 2. Dezember

Es ist heute für mich der Jahrestag eines grossen Schmerzes, und doch trat heute morgen der Humor auf meine Schwelle, schüttelte seine Schellen, schwang seine Pritsche und sagte:

"Lache, lache, Johannes, du bist alt und hast keine Zeit mehr zu verlieren."

Jener sonderbare lange Mensch von drüben, im abgetragenen grauen Flausrock, einen ziemlich rot und schäbig blickenden Hut unter dem arme, klopfte an meine Tür, kündigte sich als der Karikaturenzeichner Ulrich Strobel an, breitete eine Menge der tollsten Blätter auf dem Tische vor mir aus und verlangte, ich solle ihm für den Winterden Sommer über bummele er draussen herumeine Stelle als Zeichner bei einem der hiesigen illustrierten Blätter verschaffen. Er behauptete, meinen dicken Freund, den Doktor Wimmer in München, sehr gut zu kennen, und malte wirklich als Wahrzeichen das heitere Gesicht des vortrefflichen Schriftstellers sogleich auf die innere Seite des Deckels eines daliegenden Buches. Ich versprach dem wunderlichen Burschen, dessen Federzeichnungen wirklich ganz prächtig waren, von meinem geringen möglichst besten Gebrauch zu machen, und er schied, indem er in der Tür mir die Hand drückte, mich süsssäuerlich anlächelte und sagte:

"Sie tun sehr wohl, mich so zu verbinden, verehrtester Herr, denn als braver Nachbar würde ich doch manche angenehme Seite an Ihnen entdecken, die, zu Papier gebracht, sich sehr gut ausnehmen könnte. Gute Nachbarn werden wir übrigens diesen Winter hindurch wohl sein, teuerster Herr Wachholder, dennSie sehen gern aus dem Fenster, eine Eigentümlichkeit aller der Leute, mit welchen sich auf die eine oder die andere Weise leicht leben lässt. Guten Morgen!"

Um eine originelle Bekanntschaft reicher kehrte ich zu meiner Chronik zurück mit der Gewissheit, dem Meister Strobel von Zeit zu Zeit darin wieder zu begegnen.

Am Nachmittag

Es ist heute Jahrestag. Ich werde die Erinnerung nicht los, sie verfolgt mich, wo ich gehe und stehe.

Es war ein ebenso trüber, regenfarbiger Winternachmittag wie jetzt, als ich traurig dort drüben in jenem Fenster sassvor langen Jahren –, dort drüben in jenem Fenster, von welchem aus mir eben der Zeichner Strobel zunicktund traurig hinaufblickte sah damals wohl nicht viel anders aus als heute; doch sind viele Gesichter, deren ich mich noch gar gut erinnere, verschwunden und haben andern Platz gemacht, und nur einzelne, wie zum Beispiel der alte Kesselschmied Marquart im Keller drunten, der heute wie vor so vielen Jahren lustig sein Eisen hämmert, haben sich erhalten in diesem ununterbrochenen Strom des Gehens und Kommens. Diese sind denn auch mit die Anhaltepunkte, an welche ich bei meinem Rückgedenken den stellenweis unterbrochenen Faden meiner Chronik wieder anknüpfe.

Einem Wässerchen will ich diese Chronik vergleichen, einem Wässerchen, welches sich aus dem Schoss der Erde mühevoll losringt und, anfangs trübe, noch die Spuren seiner dunklen, schmerzenvollen Geburtsstätte an sich trägt. Bald aber wird es in das helle Sonnenlicht sprudeln, Blumen werden sich in ihm spiegeln, Vögelchen werden ihre Schnäbel in ihm netzen. An dieser Stelle werdet ihr es fast zu verlieren glauben, an jener