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Sie müsse daher hübsch dankbar und zuvorkommend gegen ihn sein und"

Ein Ausruf des Entsetzens entringt sich allen.

"Abscheulich!" ruft die Tante Berg. "Finis mundi!" lacht der Rektor Dippelmann. "Schändlich! ächzt die Frau Rektorin:

Grässlich!" die Frau Dompredigerin. "Beim Himmel, das ist stark!" meint ihr Gemahl. "Das hätte ich nicht gedacht!" brumm ich. "Das soll er büssen", ruft der Professor Frei, "und..."

"Er büsst es schon!" sagt eine stimme, und der Übeltäter guckt durch das Gebüsch hinter Elisens platz. "Teilweise hat er es sogar schon gebüsst!"

Mit diesen Worten windet sich der Blasphemist vollends hervor, schiebt sich ganz sachte zwischen seine Mutter und Elise, die schnell nach der andern Seite rückt, wohin er ihr ebenso schnell folgt. Seinen Arm um sie legend, hält er folgende Rede: "Lieschen, englische Kusine Ralff, ich beschwöre dich, höre mich! – Glaubst du etwa, ich habe, nachdem du jenem Schauplatz eitler Freuden den rücken gewandt, weitergewalzt? Du irrst! Du irrst! Gute Werke habe ich getan, meine Schuld zu sühnen: den edlen HolzmannHolzmann, komm mal her und gib mir die Schachtel mit den feurigen Tränen! –, den edlen Holzmann habe ich aus den Klauen des racheschnaubenden Krippenstapels gerettet; fräulein Tekla Stichel habe ich aus der amüsantesten aller Lagen, oder vielmehr Sitzungen, emporgezogen; als mitten im Contretanz dem Freiwilligen Breimüller der Steg riss und ihm die Unnennbare bis zum Knie hinaufschnurrte, habe ich ihm eine Droschke herbeigepfiffen; kurz überall, wo Tränen zu trocknen waren, war auch ichwie gesagt, nur um meine Schuld zu büssen. Und hier, Lieschen (Holzmann, gib mir die Schachtel), nicht allein getrocknet habe ich Tränen, auch gesammelt habe ich welche! – Sieh, Lieschen!"

Einen Ausruf der Verwunderung und Freude stösst Elise trotz ihrem Groll aus, als ihr der Bösewicht den Inhalt seiner Schachtel in den Schoss schüttet und unzählige funkelnde, leuchtende Johanniswürmer um sie herum kriechen und schwirren.

Die Lampen sind weit genug entfernt, dass die Tierchen in ihrem ganzen Glanz erscheinen können, und es ist wirklich ein hübscher Anblickdiese besternte Elise!

"Das sind meine Reuetränen, und dukriegst Tänzer leider zu vielohne mich! – und ich bin ein Teekessel und et ceteraLieschen?! – Lieschen, gucke mich mal an!"

"Taugenichts!" sagt Elise, dem Sünder in die Haare greifend, undder Friede ist geschlossen! –

War denn der alte Meister Frei an diesem Abend ganz aus Rand und Band? Auf einmal verkündete er, dass er seinen morgenden 69sten Geburtstag (es war der letzte seines Lebens) jetzt feiern wolle, da bei solchen Gelegenheiten das Improvisieren den wahren Genuss und jubel hervorbringe. Das halbe Atelier machte er halb betrunken, die ganze weibliche Welt ganz angeheitert. Ein Kranz wurde ihm aufgesetzt trotz allem Sträubenein Kranz, der nur so sein musste. Der Domprediger hielt eine Rede, die "Verehrter Greis" anfing und ähnlich endete, und Reden wurden losgelassen und Toaste ausgebracht bis zwölf Uhr. Dann erhob sich das alte bekränzte Geburtstagskind, beklagte sich über Nachtkühle und Nachtfeuchte, unddas fest war vorbei. Vorbei! Wo sind heute alle die, welche es feierten?

Tot ist der alte Meister Frei, zerstreut in alle Welt sind seine Schüler. Peter Holzmann, genannt Peter van Laar oder auch Bamboccio, ist 1849 in einer römischen Villa von französischen Plünderern erstochen, als er eine Raffaelsche Madonna vor ihrer Zerstörungswut schützen wollte. Der Domprediger ist noch immer nicht zum Mormonentum übergetreten, und der Oberlehrer Besenmeier hat fräulein Julie Frei geheiratet und steht – "mit dem Gürtel, mit dem Schleier reisst der schöne Wahn entzwei" – fürchterlich unter dem Pantoffel. Die Frau Rektor Dippelmann knüpft noch wie immer alle Morgen ihrem Gemahl die Halsbinde um, steckt ihm das Butterbrot, in die gestrige Zeitung gewickelt, in die Rocktasche und sieht ihm stolz nach aus dem Fenster, wie er über die Friedensbrücke nach dem Schimmelstädtischen Gymnasium wandelt.

Und Gustav und Elise? – – – Ich werde nachher dieses Blatt der Chronik hinübertragen zu jener schönen ältlichen Frau in Nr. zwölf der Sperlingsgasse, deren Fortepianoklänge sich schon den ganzen Nachmittag über in meine Gedanken verwoben haben. Dann werden wir von Gustav und Elise sprechen!

Am 14. März

"hören Sie, Wachholder", sagte heute Strobel, mit den zusammengehefteten Bogen der Chronik aufs Knie schlagend, "wenn Ihnen einmal Freund Hein das Lebenslicht ausgeblasen hat, irgend jemand unter Ihrem Nachlass diese Blätter aufwühlt und er sich die Mühe gibt, hineinzugucken, ehe er sie zu gemeinnützigen Zwecken verwendet, so wird er in demselben Fall sein wie der alte Albrecht Dürer, der ein Jagdbild lobte, aber sich zugleich beklagte, er könne nicht recht unterscheiden, was eigentlich die Hunde und was die Hasen sein sollten. Sie würfeln wirklich Traum und Historie, Vergangenheit und Gegenwart zu toll durcheinander, Teuerster; wer darüber nicht konfus wird, der ist es schon! Und wenn Sie noch Ihre Bilder einfach hinstellten wie ein alter, vernünftiger, gelangweilter Herr und Memoirenschreiber! Aber nein, da rennt Ihnen Ihr Mitarbeitertum der 'Welken Blätter' zwischen die Beine, da putzen Sie Ihre Erinnerungen auf mit dem, was Ihnen der Augenblick eingibt