Sie, Wachholder", sagt der Professor Frei, "wir wollen lieber den Kindern beim Tanzen zusehen! Mir wird wässerig und schwül zugleich."
Da ich wirklich etwas Ähnliches in mir spüre, nehme ich den Vorschlag mit Freuden an, und wir wandeln durch die Gänge mit den bunten Lampen und Laubgewinden dem Tanzplatz zu. Da ist ein lustiges Treiben.
"Welche prächtigen Reflexe!" ruft der alte Maler ganz entusiasmiert. "Sehen Sie, Wachholder, da kommt der Berg, aus dem ich Ihnen trotz seiner sporadischen Bummelei und Liederlichkeit doch noch einen echten Künstler mache. Nun, fanello", wendet er sich an den Herbeieilenden, "ich hoffe, Ihr werdet meine Mädchen nicht 'dörren' lassen – wie sie sagen!"
Der denkende Künstler grinst auf eine unbeschreibliche Weise:
"Wir tun unser möglichstes, Herr Professor. Sehen Sie nur den Peter Laar! Segelt er nicht wie ein wahrer Fapresto mit fräulein Julie dahin? Hier können Sie sich doch wahrlich nicht beklagen, dass er keine Fortschritte mache. Sehen Sie nur, wie er weiterkommt. Sehen Sie, wie – buff! dachte ich's doch! Da bohrt er den Auskultator Krippenstapel mit seiner Donna zu Grund! Alle Wetter! Das gibt Skandal! Da muss ich retten!"
"Herr!" schreit der königliche Auskultator, wütend aufspringend und seine Tänzerin trostlos-lächerlich auf ihrem "séant" sitzen lassend. "Herr, können Sie nicht sehen, haben Sie keine Augen im kopf, Sie..."
"Halt, Krippenstapel!" fällt hier Gustav ein, den gefallenen Engel des Juristen aufhebend. "Sie sollen fürchterlich gerächt werden, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! Peter Holzmann, Bamboccio, Ungetüm! Ein schreckliches Los harrt morgen deiner! – Mein fräulein, Sie haben sich doch nicht weh getan? Wollen Sie eine kalte Messerklinge auflegen, das soll gut sein gegen Beulen? – fräulein Julie, gehen Sie doch gefälligst dem dicken Ungeheuer an Ihrer Seite einen tüchtigen Nasenstüber als Vorgeschmack! Krippenstapel, sei'n Sie ein guter Kerl und fangen Sie keinen Lärm an; kommen Sie, lassen Sie sich von Ihrer Dame eine Stecknadel geben, ehe Sie weiterschweben. Vergessen Sie's nicht, es ist wichtig; ich als Ästetiker muss das wissen!"
Ein allgemeines Gelächter löst die Sache in Wohlgefallen auf. Krippenstapel schleicht mit seiner Stecknadel ingrimmig ins Gebüsch: seine Dame verkündet hinter ihrem Taschentuch, keine kalte Messerklinge anwenden zu wollen; Peter Holzmann stolpert mit fräulein Julie zu einem Sitz, und alle übrigen Paare ordnen sich zu einem neuen Tanz.
Schon während des Verlaufs dieser Szene habe ich mich gewundert, nirgends Elisens Lockenkopf hervorlugen zu sehen, nirgends ihr helles lachen zu hören; als nun ein neuer Tanz beginnt und sie auch jetzt nicht erscheint, wird mir die Sache bedenklich.
"Gustav, heda hier! Wo hast du denn meine Liese gelassen?"
"Ich? – Onkel, fragen Sie lieber: wo hat dich die Liese gelassen. Sie behauptet böse zu sein und ist mit fräulein Henriette Frei weggelaufen, nachdem sie mich einen – einen 'Teekessel' genannt hat."
"So? – Was habt ihr denn wieder vorgehabt?"
"Ich kann mich auf Weiteres nicht einlassen!" sagt der "denkende Künstler", zieht ein wehmütig-seinsollendes Gesicht und verschwindet unter der Menge.
"Wenn die Sachen so stehen", lacht der alte Frei, "so werden die Mädchen jetzt wohl bei der Wäsche und Teologie sitzen. Kommen Sie, wir müssen uns doch erkundigen, was der Friedensstifter (machte er seine Sache nicht prächtig?) da für Unheil und Unfrieden angestiftet hat!"
"Ich kann's mir schon vorstellen", brumme ich in den Bart, und so schlagen wir uns seitwärts ins Gebüsch und gelangen zu unserm Tisch zurück.
"Richtig, da sitzen die Turteltäubchen!" ruft der Professor. "Wie andächtig sie dem Oberlehrer Besenmeier zuzuhören scheinen und doch ganz woanders sind! Kurre, kurre, kurre, fräulein Elise, mein Täubchen, was hat Ihnen denn ein gewisser – hm – gewisser 'Teekessel' getan?"
"Wer?" fragt Lieschen, die sich dicht an die Tante gedrängt hat und von ihr mit einem gewaltigen Tuche umwickelt ist, während Henriette an ihrer andern Seite emsig sich mit ihrer Teetasse beschäftigt.
"Wer? fragst du!" nehme ich das Wort. "Nun, wir begegneten eben jemand, der ziemlich nahe am – 'Überkochen' war."
"Ach, du meinst den Vetter! – Pah – der!"
"Nun, was hat's gegeben? Tante Helene, hat sie Ihnen vielleicht schon ihr Herz ausgeschüttet?"
"Nein!" sagt die Tante. "Haben sie sich wieder gezankt?"
"Es scheint so! fräulein Henriette, Sie wissen gewiss etwas Näheres davon?"
"Soll ich's sagen, Lieschen?" fragt kichernd Henriette, ihre Freundin am Ohr zupfend.
"Meinetwegen!" sagt Elise, mit einem Gesicht wie Menschenhass und Reue einen Nachtschmetterling verscheuchend, der ihr um den Kopf flattert und mit aller Gewalt sich in ihren Locken fangen will.
"Er hat – Herr Gustav hat gesagt; – wenn er ihr nicht die Tänzer schicke und Propaganda (ich glaube, so heisst's) für sie mache, so wurde sie – ihr Lebtag ausser ihm keinen kriegen.