er lügt entsetzlich", sagt Elise, "er verdreht die ganze geschichte. Ich hätte ihn doch nicht den Korb tragen lassen?! Er war es, der ihn nicht wieder herausgab, und da er noch dazu zwischen jedem Biss, den er an seine Mohrrübe tat, an einem Rosenstrauch roch, welchen er ebenfalls herausgewühlt hatte, so sagte ich: 'Ich habe keine Zeit mehr...'"
"Onkel Wachholder", unterbricht jetzt Gustav, "ich verband das Schöne mit dem Nützlichen! Mama, sind rohe Mohrrüben nicht etwa gut gegen – gegen alles mögliche?"
"... ich habe keine Zeit mehr, und wenn du den Korb einmal nicht wieder herausgehen willst, so behalte ihn und schleppe ihn meinetwegen!"
"Siehst du! Seht ihr! Da gesteht sie ihre Schlechtigkeit selbst ein. Denken Sie, Onkel Wachholder, auf einmal dreht sie sich um, rennt davon wie eine Gazelle und lässt mich an der Ecke stehen wie ein Kamel, beladen mit Rosen von Schiras und Gemüse aus dem Tal von Schâm. 'Elise, Lieschen, Kusine Ralff!' rufe ich aus vollem Halse; 'Liese, mit dem Korb kann ich doch nicht ins Atelier gehen! Himmlische Kusine Lieschen, befreie mich von diesem Stilleben!' – Wer aber nicht hört, ist Elise. Was war zu tun? Ich setze mich in Trab; mit Korb und Mappe, mit Rüben und Rosen hinter ihr her. Solch eine Jagd! – Von Zeit zu Zeit sehe ich ihren Strohhut oder ihr blaues Kleid zwischen dem Schwefelholz-, Herings-, Butter- und Käsehandel – ich glaube sie zu haben – Täuschung, da ist sie wieder hinter einer Bude verschwunden! Ich fange an, dem kaufenden und verkaufenden Publikum sehr lächerlich zu werden mit meiner Mohrrübe, die ich noch immer krampfhaft in der Hand halte. Ich trete in einen Eierkorb! Riesiger Skandal! – Die Polizei erscheint! 'Verkoofen Se Ihr Grünkraut sachte', sagt grinsend Polizeimann Nr. 69, 'immer langtemang!' – Ich bezahle für den Eierkorb mit blutendem Herzen und gelben Stiefeln; von Elise keine Spur! – Neue Jagd – ich glitsche über einen Kohlstrunk aus – baff, da liege ich mit Korb und Mappe; Kohlrüben, Rosen, Zwiebeln, meine Zeichnungen und Elisens Marktrechnungen im malerischen Durcheinander um mich her. 'O Jotte, det arme Kind', sagte eine dicke Gemüsefrau, 'ebent in die Eier und nu in den..! Soll ich Se ufhelfen, Männeken?' – 'Immer langtemang', grinst wieder der Polizeimann Nr. 69, der mir wie mein böses Prinzip gefolgt ist. – Ich suche meine Schätze, die ich zu allen Teufeln wünsche, gleich im Liegen auf und erhebe mich dann in einer wirklich anmutigen Verfassung. Ausser Atem und hinkend schlage ich mich durch die Menge und sinke auf den Eckstein an derselben Ecke, wo mein Leiden begonnen hatte. Ich stelle den Korb zwischen die Beine und starre mit äusserst bitterm Gefühl hinein. Soll ich das Ungetüm wirklich hinschleppen nach der Sperlingsgasse? vorüber an der Kaserne der Zweiunddreissiger und an Schnollys Konditorei? – Einen Spitznamen hätte ich und meine ganze Nachkommenschaft weg – drei Ellen lang! Mein innerster Mensch sträubte sich zu mächtig dagegen. Eine Droschke konnte ich nicht nehmen, denn meinen Geldvorrat hatte das Eierunglück aufgefressen, es blieb mir nichts anderes übrig, als eine neue Mohrrübe abzukratzen, meine Verzweiflung an ihr zu verbeissen. Das kommt davon, wenn man mit soliden Vorsätzen von haus weggeht! Wie gemütlich hätte ich in dem Augenblick statt auf diesem fatalen Eckstein bei dem Frühstück der Freiwilligen sitzen können! Ich weiss nicht, wie lange ich so brütend da gekauert habe, als ich plötzlich, um zum Himmel zu schauen, meinen blick aufschlage, aber ihn halbwegs erstarrt ruhen lasse! – – Da sass sie! – Kichernd lehnt sie an dem Eckstein der andern Strassenecke mir gegenüber, eine grosse, grüne, angebissene Birne in der Hand! 'Guten Morgen, Vetter!' lacht sie, ohne sich vom Fleck zu rühren. 'Könntest du mir jetzt vielleicht meinen Korb geben? Ich muss wirklich nach Haus; der Onkel kriegt sonst nichts zu essen! – ' Ich fahre mit der Hand über die Stirn, ich muss wirklich erst meine Sinne zusammensuchen; ich stosse einen tiefen Seufzer aus – da erhebt sie sich, als schicke sie sich an, wieder fortzurennen. In Todesangst springe ich auf, bin in einem Satz mit dem verdammten Korb an ihrer Seite, hänge ihn ihr an den Arm und sinke nun auf den Eckstein neben ihr, um auch ihn als Sitzmittel zu probieren. – 'Hab ich dich aber gesucht, Gustav!' hohnlächelt die Boshafte. 'Gott, wie siehst du aus? Wo hast du denn gesteckt?' – '∆αιµονιη!' murmele ich dumpf, während es noch dumpfer auf der unierten Kirche elf schlägt und die Atelierszeit ihrem Ende naht; und so ziehen wir nach Haus, Elise immer kichernd voran, ich hinkend hinter ihr her, meine Rockschösse vorsichtig zusammenhaltend. Eine derangierte Toilette, ein leerer Geldbeutel, müde Beine, ein grässlicher Nachgeschmack von den fatalen Mohrrüben und das bodenlose Gefühl, mich unendlich lächerlich gemacht zu haben, das waren die Ergebnisse dieses Morgens! Und nun richten Sie, Onkel Johannes!"
"Onkel, lass das Richten nur sein", sagt Elise. "Er hat